Der Thron des Königreichs Bamum (heutiges Kamerun) ist seit 1908 in deutscher Hand. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum/Stiftung Humboldt-Forum im Berliner Schloss//Alexander Schippel

Die ethnologische Schau im Humboldt-Forum in Berlin zeigt Objekte aus Afrika, Asien und Ozeanien. Kolonialem Raubgut begegnet sie mit sprachlichen Verrenkungen.

Berlin - Welcher König würde den Thron herschenken, auf dem schon sein Vater saß? Vielleicht Njoya von Bamum, heutiges Kamerun? Sein Thron fiel 1908 in die Hand der deutschen Kolonialmacht – als „Geschenk“ für den Kaiser. „Wurde Njoya unter Druck gesetzt?“, fragt der Text zum Exponat im neuen Humboldt-Forum. Njoya habe mit den Deutschen kooperiert, sich mit ihrer Hilfe am Nachbarn Banso gerächt, der zuvor „seinen Vater besiegt hatte“, heißt es weiter – es gab also Abhängigkeiten.

 

20 000 erstaunliche Objekte aus Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien zeigt das Ethnologische Museum Berlin im Humboldt-Forum auf der Berliner Museumsinsel: Masken, Figuren, Kultgegenstände, Schmuck auf Podesten und in Schaukästen. An vielen haftet der Ruch der Kolonialzeit, die Schau sollte ein Befreiungsschlag in Sachen Raubgut werden. Der Beginn des Afrika/Ozeanien-Teils widmet sich der Kolonialgeschichte, Menschen aus Herkunftsländern kommentieren an Hörstationen und auf Monitoren, Besucher können sich mit Mühe und Zeit etwas Hintergrund erarbeiten.

Das Verb „rauben“ taucht selten auf

Im Vordergrund bleibt der verbale Eiertanz. Zwischen 1884 und 1914 hätten die Deutschen 50 000 Dinge „gesammelt“, „erworben“, „sich angeeignet“, heißt es da, „manchmal unrechtmäßig“. Das Verb „rauben“ taucht selten auf, oft wird auf ungeklärte Verhältnisse verwiesen. König Kamden I. habe sein Königreich Baham, ebenfalls heutiges Kamerun, „nicht öffnen“ wollen, „es kam zum Krieg und er verlor“, steht lapidar unter der Beute, einem prachtvollen Türportal mit eingeschnitzten Leoparden, Krokodilen, Spinnen. Die Wortwahl erinnert an den Fußballkommentator Heribert Fassbender, der von „regelwidrigem Stören“ sprach, wenn ein Abwehrspieler die Blutgrätsche ansetzte. Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy trat wegen solcher Verrenkungen 2017 aus dem Beirat des Humboldt-Forums aus.

Überhaupt Kamerun: Die Kolonialmächte haben Afrikas Grenzen willkürlich gezogen bei der Berliner „Kongo-Konferenz“ 1884. Rund 285 Sprachen werden heute in Kamerun gesprochen, in der Süd-Sahara, im Urwald im Süden, im Grasland dazwischen. In der Schau erahnt man die enorme kulturelle Vielfalt, offensiv erläutert wird sie nicht.

Wie zur Mahnung hängen Sirenentöne im Raum

Vitrinen sind vollgestopft mit unbeschrifteten Stücken, als stünden sie in einem Souvenirshop. Sie an Medientischen zuzuordnen ist langatmig aufgrund der schieren Masse. In Schubladen lagern Ketten, Angelhaken und Kämme aus der Südsee. Wie zur Mahnung hängen Sirenentöne im Raum, weil Besucher Lichtschranken an Podesten brechen, auf die nicht hingewiesen wird.

So wundervoll wie gruslig ist das Auslegerboot von Luf, über das der Historiker Götz Aly ein Buch geschrieben und einen Deutungsstreit entfacht hat. Dabei bieten die Fakten wenig Interpretationsspielraum: 1882 zog eine deutsche Expedition los, die aufbegehrenden Bewohner des Inselstaates im Bismarck-Archipel vor Papa-Neuguinea zu disziplinieren; diese Expedition brachte das prächtige Boot mit zurück.

Bei der Eröffnung im September forderte die nigerianisch-amerikanische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, alles Raubgut müsse zurückgegeben werden. Draußen protestierten Aktivisten aus Kamerun für die Restitution der Statue von Ngonnso, die nach dortigem Verständnis nicht öffentlich ausgestellt werden dürfte.

Der Status vieler Objekte ist ungeklärt

„Das Problem fängt für mich mit dem Gebäude an“, sagt Michaela Schäuble, Professorin für Sozialanthropologie in Bern. „Diese Preußen-Nostalgie, das Kreuz auf dem Dach, und dann diese Beflissenheit, alles richtig machen zu wollen – das ist eine ungute Melange. Dazu kommt, dass der Status vieler Objekte ungeklärt ist, obwohl man so viel Zeit hatte. Da wäre es sinnvoller, weniger Objekte zu präsentieren, aber deren ganze Provenienzgeschichte darzulegen. Oder auch symbolisch Vitrinen leer zu lassen.“

Kann nur ein westliches Augen den Wert erkennen?

Schäuble warnt davor, koloniale Gräuel zu relativieren, sich auf Rechtslagen aus dem Kaiserreich zu berufen wie Hermann Parzinger, der Präsident der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz, oder die Herkunftsgesellschaften zu „infantilisieren“: „Im Glauben, die Kolonialmächte hätten diese Dinge gerettet, lebt der Gedanke weiter, dass es ein westliches Auge braucht, um ihren Wert überhaupt zu erkennen. Leute wie der Kunsthistoriker Horst Bredekamp wirken fast unfreiwillig komisch, wenn sie Objekten eine Macht zuschreiben und davon reden, welchen Zauber sie auslösen. Das ist magisches Denken – und eine lustige Verkehrung.“ Man dürfe Raubgut jedenfalls nicht behalten aus Sorge, „die dort könnten nach der Rückgabe etwas vergraben, weil es sich zum Beispiel um menschliche Überreste handelt – das muss man zulassen“.

Der Eiertanz im Humboldt-Museum zeigt: Es fällt offenbar sehr schwer, koloniales Unrecht klar zu benennen und diejenigen in den Fokus zu rücken, die darunter gelitten haben. Solange das nicht gelingt, wird der unterschwellige Horror nicht weichen, der an kolonialen Objekten klebt, am Thron von Bamum, am Auslegerboot von Luf.

Die Schau im Humboldt-Forum

Museum
 Wo vor 1945 das Berliner Stadtschloss stand und in der DDR 1976 der Palast der Republik eröffnet wurde, umhüllt nun die reanimierte Schlossfassade (Kosten: 105 Millionen Euro aus privaten Spenden) einen zeitgenössischen Bau von Franco Stella (572 Millionen Euro aus öffentlichen Geldern ) mit knapp 100 000 Quadratmeter Fläche, dessen Fassade nur zur Spree hin sichtbar ist.

Dauerausstellung
 Wer die 20 000 Objekte des Ethnologischen Museums aus Afrika, Ozeanien und Asien sehen möchte, muss wegen Corona vorab ein Zeitfenster buchen unter 0 30 / 2 66 42 42 42. Öffnungszeiten: Mo–Fr 9–16 Uhr.