Nimmt das Fassadengrün überhand, muss man es auch mal abschneiden, wie in dieser Woche im Hufeisen geschehen. Grundsätzlich aber brauchen Städte mehr Grün, damit die Klimakrise die Menschen weniger beeinträchtigt. Foto: Eyrich

Die Fragen der Zeit stellen sich auch im Hufeisen, dem ältesten Ebinger Wohnviertel. In seinem Konzept "Strategien für das Hufeisen" hat Architekt und Stadtrat Friedrich Rau dementsprechende Ziele definiert.

Albstadt-Ebingen - Dass der Architekt, Stadtrat und Hufeisen-Bewohner Friedrich Rau dem Albstädter Stadtverband von Bündnis ’90/Die Grünen angehört, wird in seinem Konzept "Strategien für das Hufeisen" deutlich. Denn "Wohnen im Zentrum" definiert Rau als eines der Ziele – gerade für junge Familien. Nicht nur weil das Einfamilienhaus am Stadtrand samt Folgekosten für viele heute unerschwinglich sei, sondern auch des ökologischen Fußabdrucks wegen.

 

Innen vor Außen – und ein Magnet für junge Familien

"Innenentwicklung vor Außenentwicklung", diesem Prinzipt habe sich die Stadt Albstadt verschrieben – und wenn die Innenstadtlage Hufisen ein Magnet für junge Familien werde, dann werde dem Prinzip Rechnung getragen: "Unbezahlbare Einfamilienhäuser am Stadtrand, der zunehmende Verzicht auf den privaten Pkw-Besitz, die höhere Lebensqualität durch städtische Nähe, die gute Erreichbarkeit kommunaler Einrichtungen: Die Umstrukturierung des Hufeisens könnte zum Selbstläufer werden", hebt Rau hervor, der die "Vorstellung der Verwaltung, genügend Einfamilienhausplätze anbieten zu können", für gescheitert hält: "Wir benötigen dringend andere Lösungen. Eine davon bietet der Ankauf und die Sanierung von Bestandsgebäuden in der Innenstadt."

Die Bewohner sollen sich den Stadtraum aneignen

Die "Aneignung des Stadtraums" nennt Rau als zweites Ziel. Der Straßenraum gehöre weder den Fahrzeugbesitzern noch obliege er der Fürsorge des Gartenamtes: "Er kann von den Bewohnern eigenständig verantwortet werden." Das sei der "Schlüssel zu einer lebendigen Stadt", denn Aneignung fördere das Vertrauen in und die Bindung an den Ort, das schaffe Identifikation und letztlich Zusammenhalt. "Das wichtigste Ziel, nämlich das Quartier zu befrieden, ist, alle Bewohner, auch die, die bisher nicht in Erscheinung getreten sind, in einen aktiven Sozialraum einzubeziehen."

Nachbarn kennen sich oft nur vom Kampf um den Parkplatz

Damit spricht Rau ein Phänomen an, das im Hufeisen durch die stellenweise hohe Fluktuation begünstigt wird: Nachbarn kennen sich oft nicht, und wenn, dann nur vom täglichen Kampf um den Anwohnerparkplatz. Da der öffentliche Raum im Hufeisen vom Verkehr dominiert wird, fehlt Raum für Zusammenkünfte und Begegnung.

Stellwände ohne Wiederhall

Doch welche Chancen haben die Bürger für mehr Mitwirkung? Dass weder die Stadt noch die Stadtplaner von "Lehen Drei" bisher den Zusammenhang von Stadt- und Sozialraum thematisiert haben, kritisiert Friedrich Rau offen. "Stattdessen wurden der Bürgerschaft großflächige Stellwände mit Umsetzungsschritten zur Verlagerung des innerstädtischen Parkverkehrs auf einen nahegelegenen Schulhof, der Bebauungsmöglichkeit von Baulücken und der Begrünung der Schmiecha präsentiert, die verständlicherweise wenig bis gar keinen Widerhall in der Öffentlichkeit fanden." Ein Architekt oder Stadtplaner, "der sich nicht in erster Linie als sozialer Anwalt versteht", könne solche Aufgaben nicht lösen.

Die Bedingungen sollen den Austausch fördern

Was ist die Aufgabe? "Die Herstellung von Lebensbedingungen, die Austausch und Nachbarschaft fördern, die Bereitschaft zu eigenverantwortlichem Engagement zu stärken und zur Aneignung des öffentlichen Raums zu ermutigen."

Bitte keine Museumskulisse – das brauchen die Anwohner nicht

Eine klare Absage erteilt Rau der Vorstellung mancher, eine Museumskulisse aus dem Hufeisen zu machen – das gehe an den Bedürfnissen der Bewohner vorbei. Dabei sei die Realisierung solcher Ansätze bereits zu erkennen, kritisiert Rau und verweist auf das jüngste Gebäude im Hof, das mit seiner Fachwerkfassade ein "historisierendes Outfit" bekommen habe.

Dabei müsse man nicht lange nach Zielen suchen, wie sich das Hufeisen künftig präsentieren solle: Auch Albstädter sehnten sich nach einem Zentrum, in dem sie sich gerne aufhielten, wo es gesellig hergehe und der Alltag vergessen werden könne.

Balkone verbessern die Kommunikation

Als ein Mittel, die Kommunikation im Viertel zu verbessern – und die fehlenden Grünflächen teilweise zu kompensieren – nennt Rau Balkone, Terrassen und Plätze vor den Häusern. Und: Grün: Auf Balkonen, an Fassaden und im Freien, denn in Zeiten der Klimakrise heizten sich gerade Innenstädte mit versiegelten Flächen extrem schnell auf – diesem Thema widmet Rau ein ganzes Kapitel seines Konzepts und geht dabei auch auf die Auswirkungen auf die weitere Umgebung und das Klima an sich ein.

Grün ist eine Frage der Gerechtigkeit

Mehr noch: Die Verfügbarkeit und Erreichbarkeit von Naherholungsgrün für alle Bevölkerungsschichten der Stadt sei auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, betont Rau. Deshalb ist sein Klimaplan teil seiner "Strategien für das Hufeisen".

Selbst aktiv werden kann die Stadt freilich nur dort, wo sie selbst Eigentümerin ist. Rau setzt daher auf das im Juni 2021 in Kraft getretene Baulandmobilisierungsgesetz respektive die Stärkung des bereits bestehenden Vorkaufsrechts der Kommune in Gebieten mit (städte-)baulichen Missständen, wenn diese die soziale oder städtebauliche Umgebung negativ beeinflussen". An der Schütte hält Rau diesen Fall für gegeben, denn die dem Tunnel zugewandte Häuserreihe sei von umfassendem Sanierungsbedarf und eklatantem Leerstand geprägt. Sein Fazit: Ohne Sanierung der Gebäudezeile an der Schütte werde die Sanierung des Hufeisens nicht erfolgreich sein.

Kommentar: Schon besetzt

Von Karina Eyrich

Der jüngste Bericht des Weltklimarats zeigt es: Es wird noch viel größerer Anstrengungen bedürfen als bisher vermutet, um die Klimakrise zu bremsen – aufzuhalten sein wird sie ohnehin nicht mehr. In dieser Situation zählt jeder Quadratmeter Grünfläche, Dach- und Fassadenbegrünung, der überhaupt möglich ist – vor allem in Städten und besonders in dicht bebauten Quartieren wie dem Hufeisen. In einer Zeit, in der mehr Menschen weltweit Zugang zu einem Smartphone haben als zu sauberem Trinkwasser, liegt der soziale Aspekt des Zugangs zu Grünflächen ebenfalls auf der Hand. Vor allem, wenn es Kinder betrifft. Wenn ich zu Fuß zur Arbeit durchs Hufeisen gehe und ein Kind mit frustriertem Blick und einem Ball unter dem Arm sehe, blutet mir das Herz. Die Flächen, wo es mit seinen Freunden spielen könnte, sind alle belegt: von unzähligen Autos.