Bei vielen Augenerkrankungen kann nur eine Gewebetransplantation helfen. Was bedeutet das für Betroffene und welche Chancen bietet es? Eine Patientin erzählt.
Stuttgart - Beim Lesen hält Dorothee Bauer manchmal inne und lächelt – völlig unabhängig davon, ob sie eine Zeitung oder einen Roman zur Hand hat. „Ich freue mich dann, dass ich überhaupt wieder Buchstaben sehen kann“, sagt die 84-Jährige, die ihren wahren Namen nicht nennen möchte. Vor wenigen Monaten war sie auf dem einen Auge nahezu blind. Und auch das zweite ließ deutlich an Sehkraft nach. Dorothee Bauers Hornhäute hatten sich eingetrübt.
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Endotheldystrophie lautet der Fachbegriff für die Erkrankung von Dorothee Bauer. Darunter verstehen Experten eine Erkrankung der dünnen Zellschicht, die die Hornhaut innen auskleidet. Dieses sogenannte Endothel hat die Aufgabe Wasser aus der Hornhaut zu pumpen, und die Hornhaut damit klar zu halten. Sind zu wenige dieser Endothel-Zellen da, schwillt die Hornhaut an. Und der Patient kann nichts mehr sehen.
Auch Unfälle können die Hornhaut eintrüben
Aber nicht nur erblich bedingte Erkrankungen, sondern auch Entzündungen, Operationen sowie Unfälle können die Hornhaut eintrüben und die Betroffenen erblinden lassen. Dann raten Experten wie der Stuttgarter Augenarzt Florian Gekeler zu einer Transplantation des transparenten Gewebes. Der Leiter der Augenklinik am Klinikum Stuttgart bietet diese Form der Transplantation an. Rund 8000 Hornhauttransplantationen werden in Deutschland pro Jahr durchgeführt, im Klinikum sind es in diesem Zeitraum knapp 100 Operationen. „Nahezu alle erhalten so ihr Sehvermögen zurück“, sagt Gekeler.
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Diese Aussage hat auch Dorothee Bauer sofort diesem Eingriff zustimmen lassen. „Ich habe gar nicht lange gezögert“, sagt sie. „Ich empfand die Vorstellung, nie wieder richtig sehen zu können, als zu schrecklich.“ Bei der Operation wird unter Vollnarkose die krankhafte Zellschicht entfernt und durch die Zellschicht eines Gewebespenders ersetzt. Um das Anwachsen des Transplantats zu unterstützen, wird dann noch eine Luftblase ins Auge eingegeben. „Die Patienten sollten dann einige Tage in Rückenlage im Bett verbringen“, so Gekeler. Die Sorge, der Körper könne das fremde Gewebe abstoßen, ist in den allermeisten Fällen unbegründet. „Solche Reaktionen sind bei der Hornhaut eher die Ausnahme.“
„Unbeschreibliches Gefühl“, wieder klar zu sehen
Nach einigen Tagen konnte Dorothee Bauer aus der Klinik entlassen werden. Dorothee Bauer hat sofort den Unterschied gemerkt: „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn man alles klar sehen kann.“ So verbesserte sich in einem der Augen die Sehstärke von knapp zehn auf rund 80 Prozent. Allerdings erachtet sie ihr Glück nicht als selbstverständlich. „Ich habe stets im Hinterkopf, dass die Fähigkeit, besser zu sehen darauf fußt, dass jemand verstorben ist und seine Hornhaut zur Spende freigegeben hat.“
Auch bei Hornhauttransplantationen gibt es einen Spendermangel. Der ist zwar nicht ganz so gravierend wie bei den Organen, dennoch warten Betroffene im Schnitt drei Monate auf ein Transplantat. Daher werden längst auch andere Möglichkeiten erprobt, die Hornhaut künstlich zu ersetzen.
Die Forscher suchen nach neuen Therapien
Anfang Oktober informierte die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft bei ihrer Jahrestagung über die Möglichkeiten von Stammzelltherapien, die bei einem Teil der hornhautgeschädigten Patienten gute Ergebnisse erzielen: „So kann die Holoclarbehandlung Schäden in der äußeren Hornhautschicht ausgleichen“, sagt Ursula Schlötzer-Schrehardt, Leiterin der Forschungsabteilung an der Augenklinik der Uni Erlangen-Nürnberg.
Bei diesem Verfahren werden dem Patienten Stammzellen aus der äußeren Schicht der Hornhaut entnommen. Diese werden in einem Medium vermehrt und auf eine Membran aufgetragen, die dann wieder an den Patienten zurücktransplantiert wird. „Die Therapie gilt als gut verträglich“, sagt die Augenforscherin. Allerdings ist sie nur für einen kleinen Teil von Patienten von Interesse. In Japan sind Forscher einen Schritt weiter gegangen: Dort wurde Patienten mit Schäden in der äußersten Hornhautschicht Gewebe implantiert, das aus induzierten pluripotenten Stammzellen entstanden ist, den sogenannten iPS-Zellen. Das sind ausgereifte Körperzellen, die in der Laborschale zu Stammzellen zurückprogrammiert wurden. „Allerdings ist nicht abzusehen, ob es überhaupt möglich ist, aus diesen iPS-Zellen alle fünf Schichten der Hornhaut zu regenerieren“, sagt Ursula Schlötzer-Schrehardt.
Mehr Spenden von Hornhäuten nötig
Auch Florian Gekeler ist skeptisch: „Bislang gibt es nichts besseres, als die menschliche Hornhaut.“ Weshalb der Augenarzt die Spenden von Hornhäuten vorantreiben möchte: Derzeit baut das Klinikum in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation eine eigene Hornhaut- und Gewebebank auf. Ab Frühjahr 2022 soll das in Stuttgart gewonnene Spendergewebe nicht mehr an eine Gewebebank in Hannover geschickt, sondern vor Ort aufbereitet und gelagert werden. „Wir hoffen, dass wir so mehr und schneller Patienten helfen können.“