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Horbs "roter Professor" Rainer Nagel wird 80

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Manche nannten ihn früher in seinen Jahren als SPD-Stadtrat den "roten Professor": Rainer Nagel wird heute 80 Jahre alt. Foto: Schülke

Dichter und Denker gibt’s auch in Horb, und zu Letzteren gehört Rainer Nagel, der heute 80 Jahre alt wird. Der Mathematikprofessor hält immer noch Vorlesungen an der Tübinger Universität und betreibt noch immer sein Hobby, das ihn schon ein Leben lang begleitet: Rennrad fahren.

Horb - "Gerade steige ich im Tischtennis wieder ein mit meinem Enkel beim TTC Mühringen", erzählt Rainer Nagel mit einem gewinnenden Lächeln, und man spürt seine Begeisterung. Er ist bis heute Sportler durch und durch.

Doch genauso beseelt kann er über ein Thema sprechen, bei dem Laien meist das Verständnis fehlt: "Funktionalanalytische Methoden in der Theorie linearer partieller Differentialgleichungen und Ergodentheorie in funktionalanalytischer Sicht".

Vater war Chefarzt am Krankenhaus

"Das Problem ist, dass man diese Dinge nur jemandem erklären kann, der sich damit intensiv beschäftigt hat", erklärt Nagel den Fakt, dass Mathematik eben mehr ist als Einmaleins und Bruchrechnen. Vereinfacht gesagt geht es in seinem Fachgebiet um die Beschreibung zeitlicher Prozesse, um die "unendlich dimensionale Exponentialfunktion". Nagel sagt: "Derzeit ist das ja sogar ein aktuelles Thema." Nämlich bei der exponentiellen Zunahme der Zahl von Corona-Infizierten.

Geboren in der Horber Ärztefamilie Nagel – sein Vater war Chefarzt am Horber Krankenhaus – zog es ihn aber nicht zur Medizin: Bereits am Horber Gymnasium wurde Nagels Interesse für Mathematik entfacht. 1960 begann er in Tübingen Mathematik und Physik zu studieren. Nach der Promotion 1969 folgte gleich ein Auslandsjahr in den USA als Juniorprofessor an der University of Maryland. So begann eine akademische Laufbahn, die Nagel oft ins Ausland führte.

Er verbrachte mehrere Jahre in den USA, Italien und Marokko. Ein Höhepunkt seiner beruflichen und öffentlich wirksamen Aktivitäten war Anfang der 1990er-Jahre ein "mathematisches Theaterstück" zum 800. Geburtstag des Stauferkaisers Friedrich II., aufgeführt von seinen Studenten. "Wir haben das in Horb aufgeführt, aber auch in Tübingen, Göppingen und vielen Orten in Italien. Es ging um Wissenschaft und Kunst", so Nagel, "und wir wollten damit zeigen, wie sehr die Mathematik mit vielen anderen Dingen des Lebens zusammenhängt."

Dass es so ist, erfuhr Nagel bereits als Gymnasiast. Schon damals liebte er Sport und spielte Tischtennis beim ASV Horb, "damals ein sehr aktiver und guter Verein", weiß er noch. "Meine Sportkameraden waren vor allem Eberhard Hug und Albert Rettenmeier", Namen die in der Stadt Horb genauso bekannt sind wie der des Professors. "Ich bin ein echter Horber!"

Weniger typisch für Horb war damals jedoch seine politische Ausrichtung. Beeinflusst von der 68er-Bewegung und Willi Brandt trat Nagel 1972 in die SPD ein und wurde Anfang der 1970-Jahre in den Horber Gemeinderat gewählt. Damals standen drei SPD-Räte gegen 23 CDU-Räte, andere Fraktionen gab es im Rat nicht. Er erinnert sich: "Alle unsere Anliegen wurden von der Mehrheitsfraktion konsequent abgelehnt."

Doch es gab auch Erfolge. Bereits in den Siebzigerjahren gab es auch in Horb Bedenken gegen Straßenbauprojekte. So sollte die Bildechinger Steige autogerecht ausgebaut werden, und im unteren Teil plante man dazu den Abriss aller Häuser. Die Horber SPD nahm den Kampf dagegen auf, und eine Bürgerinitiative wurde gegründet. Die Pläne des damaligen Oberbürgermeisters wurden schließlich verworfen.

Einsatz für Sportstätten

Ein weiteres heute noch aktuelles Thema ist die Situation der Sportstätten in Horb. Um 1990 verkaufte der damalige OB Hörner den Trainingsplatz am Stadion an die Firma Brueninghaus, ohne Ersatz zu bieten. Nagel war damals Vorsitzender des ASV Horb und versuchte, die Stadt davon zu überzeugen, eine Sportanlage für die Gesamtstadt und alle Horber Vereine zu planen und zu realisieren.

Heute räumt Nagel ein: "Das war ein Kampf, bei dem ich gescheitert bin. Und so ist Horb immer noch die einzige Große Kreisstadt im Umkreis ohne zentrale Sportanlage."

Doch weit vor Mathematik, Politik und Sport rangiert bei Rainer Nagel die Familie – und da ist er wahrlich nicht gescheitert. Im September 2017 feierten Rainer Nagel und seine Ursula ihr 50-jähriges Ehejubiläum.

Den heutigen Jubeltag kann Nagel mit seiner Frau, seiner Tochter Susanne, den Söhnen Michael und Klaus sowie den sieben Enkeln feiern. Zum Geburtstag hätte außerdem eine internationale Mathematik-Konferenz in Tübingen stattfinden sollen. Coronabedingt wird nun daraus eine dreitätige Online-Konferenz.

Einmal Mathematiker, immer Mathematiker? Es wundert jedenfalls nicht, dass Nagel auch im Ruhestand noch ehrenamtlich an der Tübinger Uni Vorlesungen hält und Doktoranden betreut.

Von 1960 bis 1967 studierte Rainer Nagel Mathematik und Physik in Tübingen, Köln, Hamburg und Paris. 1969 wurde er bei Helmut H. Schaefer an der Universität Tübingen promoviert (Idealtheorie in geordneten lokalkonvexen Vektorräumen). Von 1969 bis 1970 war er Assistant Professor an der University of Maryland, College Park. Seit 1975 ist er Professor für Mathematik in Tübingen.Von 1984 bis 1986 war Nagel Vizepräsident der Universität Tübingen, 1989/90 Dekan der Mathematischen Fakultät. Von 1993 bis 1995 war er Professor an der Universität Bari (Italien).

Seit 2008 ist er offiziell im Ruhestand.

Forschung und Lehre

Rainer Nagels Hauptarbeitsgebiete sind "funktionalanalytische Methoden in der Theorie linearer partieller Differentialgleichungen" und "Ergodentheorie in funktionalanalytischer Sicht".

Aus seinem Arbeitsbereich in Tübingen gingen bisher 68 Doktoranden hervor. Rainer Nagel hat eine Reihe unkonventioneller Lehrveranstaltungen kreiert, wie die internationalen Internetseminare "Evolution Equations", die interdisziplinären Rom-Seminare und auch ein Mathe-Sport-Seminar.

Rainer Nagel ist bzw. war Herausgeber folgender Zeitschriften:

–Journal of Evolution Equations

–Semigroup Forum

–Positivity

–International Journal of Dynamical Systems and Differential Equations

Er publizierte die Forschungsmonographien:

"One-parameter Semigroups of Positive Operators" mit W. Arendt et al.

"One-parameter Semigroups for Linear Evolution Equations", mit Klaus-Jochen Engel

"A Short Course on Operator Semigroups", mit Klaus-Jochen Engel

"Operator Theoretic Aspects of Ergodic Theory", mit Tanja Eisner, Bálint Farkas, Markus Haase

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