Haslemere – hier zu sehen die "High Street" – ist seit 30 Jahren Horbs Partnerstadt. (Archiv-Foto) Foto: Bawtree

Vom englischen "Wuhan" zum Vorbild beim Impfen: Horbs englische Partnerstadt Haslemere ist einen langen und schweren Weg durch die Pandemie gegangen. Viele Bewohner hat das enger zusammengebracht.

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Horb/Haslemere - Haslemere, seit 30 Jahren Horbs englische Partnerstadt, ist gleich zu Beginn der Pandemie zu trauriger Berühmtheit gelangt. In der Kleinstadt rund eine Stunde südwestlich von London ist Ende Februar 2020 der erste Corona-Fall im Vereinigten Königreich bekannt geworden. Zynisch wurde Haslemere gar als "Partnerstadt von Wuhan" bezeichnet.

Gut ein Jahr nach Beginn der Pandemie berichtet Michael Bawtree, Chairman of the Haslemere Twinning Association (deutsch: Vorsitzender des Städtepartnerschaftsvereins), wie Corona kleine und große Dinge des Lebens in seiner Stadt verändert hat. Wer in Haslemere wohnt, müsste nicht einmal die Nachrichten verfolgen, um zu merken, dass die Welt nicht mehr in ihrem gewohnten Rhythmus ist.

Nur rund 45 Kilometer Luftlinie sind es bis zum Flughafen London Heathrow, dem nach Passagierzahlen größten Flughafen Europas. Auch der Gatwick Airport befindet sich nur etwa 35 Kilometer Luftlinie von Haslemere. Michael Bawtree sagt unserer Zeitung: "Niemand flog mehr irgendwo hin mit dem unmittelbaren Effekt, dass der normalerweise betriebsame, laute und verschmutzte Himmel praktisch leer war. Jahrzehntelang ist der Linienflugverkehr aus und nach London Heathrow, London Gatwick und Farnborough über Haslemere geflogen. Die sehr wenigen Flugzeuge, die jetzt über Haslemere fliegen, transportieren wahrscheinlich lediglich Fracht."

Die Corona-Pandemie bringt Haslemere aber vor allem Veränderungen auf sozialer Ebene.

Hilfe in der Nachbarschaft

Bawtree berichtet: "Wo es möglich war, haben jüngere Leute für die Älteren eingekauft. In unserer Straße mit 30 Häusern war schnell eine Whatsapp-Gruppe eingerichtet, in der jeder um etwas Beliebiges bitten und auch seine Hilfe anbieten konnte. Plötzlich fühlten wir uns alle einander näher."

Zahlreiche Bewohner gerieten in finanzielle Not. "Die Tafel in der Stadt war noch nie so stark nachgefragt", sagt Bawtree. So wie die Infektionszahlen exponentiell stiegen, erhöhte sich auch die Zahl der Bedürftigen. "Die Angebote der Wohltätigkeitsorganisationen haben noch nie eine derart hohe Nachfrage erlebt, sowohl nach Lebensmitteln als auch Kleidung."

Wer hingegen Arbeit hat, pendelt in der Regel nicht mehr nach London. Das Arbeiten im Homeoffice wird auch in Großbritannien zur Norm. "Tausende haben sich dafür entschieden, dass sie genauso effektiv oder sogar noch besser arbeiten können, ohne nach London oder woanders hin zu pendeln", sagt Bawtree.

Doch dann zeigt sich in Haslemere auch Licht am Ende des Tunnels. Beim Einrichten von Impfzentren scheut man sich nicht vor unkonventionellen Lösungen. Bawtree berichtet: "Die St. Christopher’s Kirche vor Ort wurde gefragt, ob sie ein Impfzentrum werden möchte. Sie war die erste Kirche, die im Vereinigten Königreich dieses Angebot bekam." Die Kirchengemeinde nahm das Angebot an. Seitdem wurden zahlreiche Kirchen, Kathedralen und andere öffentliche Gebäude im ganzen Land zu Zentren, in denen Menschen ihre erste oder gar schon die zweite Impfdosis erhalten haben.

30 Jahre Partnerschaft

Stück für Stück kommt Großbritannien nun aus der Krise. "Ab 17. Mai sollen wir beginnen, aus unserem dritten Lockdown zu kommen. Wir dürfen uns im Haus treffen, im Innenbereich von Restaurants essen, einen Urlaub im Vereinigten Königreich machen oder in die Kirche gehen und gemeinsam Lieder singen", berichtet Bawtree.

Auch wenn der Weg Schritt für Schritt aus dem Lockdown führt, eine Jubiläumsfeier für die jetzt 30-jährige Städtepartnerschaft zwischen Horb und Haslemere kann es wohl absehbar noch nicht geben. Christine Dietz, Horber Ansprechpartnerin für die Städtepartnerschaft berichtet, dass sie in regelmäßigem E-Mail-Kontakt mit den Freunden in Großbritannien stehe. Man habe auch für dieses Jahr kein Besuchsdatum festgemacht, sagt sie. Bawtree kündigt schon einmal an: "Wir werden unsere lieben Freunde in Horb und Bernay kontaktieren, um die Wiederaufnahme unserer jährlichen Treffen zu organisieren."

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