Imker Lorenz Hellstern öffnet für uns seine Bienenstöcke und erzählt von der strikten Aufgabenverteilung im Bienenstaat, von Schwänzeltänzen als Navigationshilfe und warum ein Bienenstachel niemals einfach gerade herausgezogen werden sollte.
Es summt und brummt auf der Wildwiese nahe Dettingen. Durch die Luft wuselt eine ganze Schar von braun-gold-gestreiften Arbeiterinnen. Hier hat Lorenz Hellstern, Vorsitzender des Bezirksimker-Vereins, seine Bienenvölker beheimatet. 25 Völker besitzt der 72-Jährige – jedes davon zählt 45 000 bis 60 000 Honigbienen. Hellstern öffnet für uns die Stöcke – eigentlich sind es Holzkisten mit Metalldeckeln, unten können die Bewohner ein- und ausfliegen. Um die Tiere zu beruhigen, verströmt Hellstern ein wenig Rauch aus Tannennadeln. Es riecht nach Lagerfeuer.
Innendrin sind neun Einschübe – und die sind voller Waben. Sechsseitige, gleichmäßige Wachsgebilde. Darauf wuseln die Bewohner des Bienenstaats.
Ein Tauschgeschäft: Honig gegen Zuckerwasser
Unter einer weißen Wachsschicht schimmert es golden: der süße, klebrige Wabenhonig. Bevor der in den Waben reift, wandert der Ausgangsstoff, der Nektar, durch verschiedene Bienenmünder – so kommen immer mehr Enzyme hinein. Den Honig produzieren die Bienen eigentlich für sich selbst: als Wintervorrat. Deshalb füttert Hellstern als Imker seine Bienen ersatzweise mit Sirup oder Zuckerwasser. Vor allem im Frühling haben die Bienen hohen Bedarf: Wenn die Brutzeit so richtig losgeht und ihre Königin die meisten Eier legt.
Königin: „Der Staat bin ich“
Denn Lorenz Hellstern zeigt einen der Bienenstock-Einschübe.das ist im Bienenstaat Sache einer einzelnen Dame: Jede Bewohnerin ist die Schwester – oder zumindest Halbschwester mütterlicherseits – der anderen. Nur die Königin selbst kann Eier legen – und das tut sie das ganze Jahr über. Aus denen schlüpfen dann die Arbeiterinnen, die männlichen Drohnen und die neuen Königinnen – wenn es denn eine neue Königin braucht. Denn hier gilt: Es kann nur eine geben. Wenn der Schwarm eine neue Königin braucht, werden die jungen Larven anders gefüttert und schlüpfen als fertige Bienenköniginnen nach 16 Tagen aus zapfenförmigen Gebilden – Arbeiterinnen nach 21 aus den Waben. Aber wenn sie dann schlüpfen, tötet die stärkste alle anderen. Deshalb schützt Hellstern seine ungeborenen Königinnen. Pragmatisch sind Lockenwickler um die Brutstätten gelegt.Befruchtet wird die junge Königin dann von den Drohnen – also ihren Brüdern, Halbbrüdern oder Söhnen. Hellstern besamt seine Königinnen gezielt – er will als Züchter sicher sein, dass seine Bienen gutes Genmaterial bekommen.
Abweichung nicht erwünscht
„Im Bienenstock gibt es eine heilige Ordnung“, erklärt Hellstern. Außen sind die Honigwaben, dann kommen die zitronengelben Blütenstaubwaben – für die Bienen eine wichtige Eiweiß-Quelle – und mittendrin, gut geschützt, die Brut. Auch die Aufgaben sind unter den Arbeiterinnen klar verteilt: Waben putzen, Wabenbau, Futterproduktion, Futtersuche oder als Wächterbiene – jede kennt ihren Platz. Sie arbeiten in ihrem Leben an jeder Stelle irgendwann – aber immer nur an einer zur gleichen Zeit.
Tanzende Navigationsgeräte
Bienen sind übrigens auch äußerst kommunikativ, weiß Hellstern: Wenn eine Biene eine Blüte entdeckt hat, teilt sie ihren Kolleginnen den Standort über die „Schwänzeltänze“ mit: Inklusive Entfernung. „Dann tanzt sie den Winkel“, erklärt Hellstern. Wenn eine Biene dann auf eine Blüte „eingetanzt“ ist, sucht sie übrigens vorerst nur noch diese Blumenart auf.
Imker-Neulinge sollten Kurs besuchen
Mit der Imkerei ist er selbst groß geworden: Vater und Onkel waren bereits Imker. Er selbst ist seit über 50 Jahren dabei. „Man freut sich, dass die Bienen wieder fliegen. Man sieht die Welt mit anderen Augen“, erzählt er.
Stiche richtig behandeln
Für Neulinge empfiehlt Hellstern, einen Kurs zu besuchen. Auch sollte man Kraft mitbringen: Eine von Hellsterns Stockkisten wiegt an die 30 Kilo. Auch sind die Völker keine Selbstläufer: Sie wollen gepflegt und gehegt werden. Hellstern ist fast jeden Tag draußen bei seinen Bienen. Bei Stichen hat Hellstern auch noch einen Rat parat: Die Bienen hinterlassen den Stachel mit Widerhaken inklusive Giftblase. Die arbeitet sich vor und gibt weiter Gift ab. Er als Imker zieht den Stachel heraus – aber nicht gerade nach oben. Denn dann kann es passieren, dass sich die Giftblase komplett entleert. Deshalb sollte man besser mit einem stumpfen Gegenstand – oder dem Fingernagel – über die Stelle streichen und sie so seitlich herausziehen.