Sie haben die etwas holperige Jungfernfahrt bestens hinter sich gebracht - der Enkel Michael Singer und seine Omas Hannelore Singer und Franziska Warnecke. Foto: Morlok

Nach der "Göckeles-Seilbahn" gibt’s beim Rauschbart seit Dienstag einen Rikscha-Shuttle-Service.

Horb - Not macht bekanntlich erfinderisch und ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnlichen Lösungen.

An diese alten Lebensweisheiten erinnerte sich auch Rauschbart-Betreiber Michael Singer, als er eine Lösung suchte, wie er gehbehinderte Menschen, die auf einen Rollator, oder einen Rollstuhl angewiesen sind, in Deutschlands schönsten Biergarten, wie der "Rauschbart" 2012 betitelt wurde, hochbekommt.

Der Fußweg vom Parkplatz hoch auf das Plateau ist schon für "Otto-Normalgeher" sehr beschwerlich und für die oben angeführte Personengruppe schlicht nicht machbar. Da nutzen auch die provisorischen Sitzgelegenheiten, die Singer und sein Team am Rande des Weges aufstellten, nichts.

Feldweg-Problem

Die Alternative, der etwas bequemere Weg über den Feldweg von Bildechinger Gemarkung rüber zum Biergarten, war schon lange kein Geheimtipp mehr, und irgendwann wehrte sich ein Mühlener Landwirte dagegen, dass dieser Weg immer mehr genutzt und befahren wurde.

Da nutzten alle klärenden und vermittelnden Gespräche nichts, der Landwirt beharrte auf seinem Wegerecht und verbot die Nutzung seines Privatweges für die Personenbeförderung. Einzige Ausnahme ist der Lieferverkehr sowie die Nutzung durch Fußgänger und Radfahrer. Deshalb ist seit dem 30. Juni die Zufahrt über den Rauschbartweg ausnahmslos untersagt. Noch nicht einmal mit einem Rollstuhl darf der Weg als Zufahrt zum beliebten Ausflugslokal mit seiner tollen Fernsicht genutzt werden, kommt bei dieser Konstellation erschwerend hinzu.

Opa und Oma sollen mitfeiern können

In letzter Konsequenz hieß das für den Betreiber, dass Senioren oder gehbehinderte Menschen nicht mehr ihr Göckele auf dem "Rauschbart" essen konnten, weil sie nicht mehr hinkamen.

"Den Opa oder die Oma, die müsst ihr zuhause lassen" – das musste Singer bei Anfragen zu einem Familienfest den Leuten leider mitteilen. "Aber eine Familienfeier ohne Oma und Opa ist eben keine Familienfeier", so die traurige Erkenntnis des Wirtes. In mehreren Gesprächen zwischen den Vertretern der Eigentümer, der Stadtverwaltung und den Betreibern wurde versucht, eine Lösung für alte, kranke oder behinderte Gäste zu finden, um diesen eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben auf dem "Rauschbart" zu ermöglichen. Leider ohne Erfolg!

Viele Anfragen und Kommentare

Die Resonanz der Betroffenen war gewaltig. Über Wochen hinweg und bis heute mussten Singer duzende Anrufe, Mails und Kommentare beantworten. Die Alternativlosigkeit zum Aufstieg aus eigener Kraft machte nicht nur die Gäste, sondern auch die Betreiber sehr betroffen, denn ihrer Meinung nach ist ein Biergarten für alle da.

Also musste eine Lösung her, die den aktuellen Vorgaben voll entsprach und nicht wieder zu Ungunsten der Rauschbart-Nutzer gekippt werden konnte.

Und Michael Singer fand mit der Fahrrad-Rikscha eine mehr als pfiffige Lösung. "Zuerst war es nur so ein Hirn-Furz, doch als ich die Idee meinem Freund und Partner Christoph Steiglechner vortrug war er, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, sofort Feuer und Flamme für dieses Projekt. Es war eine der letzten Geschäftsideen, die wir beiden gemeinsam auf den Weg brachten", erinnerte sich Singer im persönlichen Gespräch mit unserer Zeitung.

Ein E-Bike als Lastenrad

Nach kurzer Recherche wurde er auf die Firma "Radkutsche", einer E-Bike Manufaktur für Lastenräder aus Nehren, aufmerksam. Obwohl die Lieferzeit bei Radkutschen normalerweise bei mehreren Monaten liegt, bot die Firma um Geschäftsführer Stefan Rickmeyer in diesem besonderen Fall eine sehr schnelle Umsetzung an, sodass es nun seit Dienstag-Vormittag ein Rikscha-Shuttle vom Bildechinger Parkplatz zum Biergarten gibt.

Die ersten Fahrgäste waren die beiden Omas des Gastwirts, die 89-jährige Hannelore Singer und die 97-jährige Franziska Warnecke, die die rund zehnminütige Fahrt trotz der suboptimalen Beschaffenheit des Weges sehr genossen. "Ich habe nicht geglaubt, dass ich in meinem Leben nochmals auf den Rauschbart komme, als die uns die Durchfahrt hierher untersagt haben", so Oma Franziska, der die Pommes an diesem Tag besonders gut schmeckten.

Lösung des Wege-Problems?

Anfängliche Bedenken gegen das Rikscha-Shuttle wurden bei einer weiteren Gesprächsrunde, an der auch Bürgermeister Ralph Zimmermann teilnahm, Anfang August ausgeräumt, sodass diese prima Idee nun in die Tat umgesetzt werden konnte. Aktuell beschäftigt sich auch der Gemeinderat mit der Umwidmung des Rauschbartweges weg von einem Privatweg hin zu einem kommunalen Weg, auf dem jedoch nach wie vor keine Personenbeförderung erfolgen darf. Doch vielleicht kann man dann wieder über eine Öffnung für Rollstuhlfahrer nachdenken.

Rund 10.000 Euro hat das Lastenfahrrad gekostet, und selbst wenn die Fördersumme der L-Bank in Höhe von 2500 Euro überwiesen wird, wird dieser Service wirklich nur unter dem Motto: "Weil du es uns wert bist" laufen, denn amortisieren wird sich dieser Shuttle-Service nie und nimmer, zumal man für dieses Angebot auch noch einen Fahrer einstellen muss.

Momentan ist es so, dass man sich anmelden muss, wenn man abgeholt werden möchte. Gegebenenfalls ist auch mit einer Wartezeit zu rechnen, da pro Stunde maximal vier Fahrten möglich sind. Rollatoren und Klapprollstühle können auf dem "Gepäckträger" mitgenommen werden und so kommen bis zu acht ältere Menschen in den Genuss, am gesellschaftlichen Leben auf dem "Rauschbart" teilzunehmen.

Wie gesagt: "Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnlichen Lösungen" und für deren Umsetzung ist das Rauschbart-Team ja hinlänglich bekannt.