Lyrischer Lesestoff: Walle Sayer präsentiert sein neues Buch. Foto: Lück

Er streichelt das Buch. Fährt mit den Fingern am Rücken entlang. Schlägt es auf. Sagt: "Der Satz, das Papier, das Gefühl – ein Genuss!" Für Walle Sayer ist sein neues Buch "Nichts, nur" eine Symphonie.

Horb - 239 Seiten. Ein Lesebuch? Ein Nachdenk-Buch? Zeilen, die dich berühren?

Walle Sayer lacht: "Der Impuls für das Buch kam von der Literaturstiftung Oberschwaben. Wenn man 60 ist, so die Idee, sollte man aus dem Werk des Dichters ein Lesebuch zusammenstellen!"

Und jetzt hält der Horber Dichter das Buch in der Hand. Sagt: "Es ist ein kleiner Kosmos, der zwischen den Buchdeckeln steckt. Die Illustration auf den Buchdeckeln stammt übrigens von meiner Künstlerfreundin Eleonora Kötter aus Dornstetten. Das Motiv – die kreuzenden Wege mit den Spaziergängern und die Farben – sie passen zum Inhalt. Und ich bin froh, dass der Verlag dieses Motiv für den ersten Editionsband der Reihe im Kröner-Verlag auch akzeptiert hat. Der Kröner Verlag aus Stuttgart steht in einer langen Tradition – so wie Klett-Cotta. Und hat schon immer besondere Bücher herausgegeben!"

Eine neue Heimat, das neue Produkt der Edition Klöpfer bei Kröner – und das handwerklich hochwertig hergestellte Buch, welches den Lyriker begeistert.

Doch was steht drin? Was ist neu? Ist es ein "Best of"?

Sayer: "Best of klingt zu hoch und würde anderes entwerten. Das Buch hat etwas Symphonisches. Anders als die reinen Gedicht-Bänden. Über ein Jahr lang habe ich daran gearbeitet, aus den Werken aller Schaffensperioden etwas wie eine Anhöhe zu schaffen, auf der man auf das Panorama blicken kann. Diesmal war ich nicht nur Komponist, sondern auch Dirigent und Orchester."

Poetisch gesagt. Das Buch – jede Doppelseite eine zusammenhängende Wort-Landschaft. Auf einer der Doppelseite stehen die Gedichte "Wirtshausszene 1865", "Flößerbursche" und "Stadtführer Karzerstimme". Es ist Horbs Stadtvergangenheit in Worten und Bildern, die der Dichter sieht und in seine unvergleichliche Lyrik packt.

Eine andere Doppelseite spielt vor der Stadt. Die Lumpenkapelle, ein hingelegter Stein am Wegesrand. Und Korn, welches verschüttete Gebäude identifiziert. Endet mit: "Jede Scherbe als Scherbe willkommen."

Das Graben in der Vergangenheit. In den alten Texten. Und im Leben von Walle Sayer selbst.

Er sagt: "Das war für mich das Spannende an diesem Werk: Texte, die ich 1987 geschrieben habe und Texte, die noch unveröffentlicht sind, die korrespondieren jetzt. In sofern bin ich mir selber bei der Komposition begegnet – in den verschiedenen Altersstufen."

Und alles ist so kombiniert, dass aus der Prosa und der Poetik auf jeder Doppelseite etwas Neues entsteht. Aus "Tupfen", die einzeln schon in den Büchern standen, die der Horber Dichter bisher veröffentlicht hat.

Kein Wunder, dass in Seite 156 das passende Lesezeichen steckt: Ein Kalenderblatt, das eine Pinnwand eines Künstlerateliers zeigt. Verschiedene Skizzen, Kunstdrucke, Landschaften und Porträts. Walle Sayer: "Das kenne ich aus der bildenden Kunst und den Ateliers."

Das Prinzip: Der Künstler schaut die Vor-Bilder an der Wand täglich an. Das inspiriert ihn dazu, dass durch seine Hände und Werkzeuge ein völlig neues Bild entsteht. Und genau das passiert auf jeder Doppelseite des neuen Sayer-Buchs im Kopf des Lesers. Wenn er sich darauf einlässt.

Doch wird das rüberkommen in der nächsten Lesung?

Walle Sayer lacht: "Eigentlich wäre die Buchvorstellung im Kloster gewesen. Doch das geht wegen der Corona-Auflagen nicht. Deshalb freue ich mich, dass ich das Buch in einer digitalen Lesung im Rahmen der Dornstetter Buchwochen vorstellen darf!"

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