Horber Künstlerin Eva Michielin betreibt inzwischen mit den beiden Flüchtlingen ein Restaurant.
Die Horber Künstlerin Eva Michielin schreibt in ihrem neuen Buch darüber, wie sie vor fünf Jahren syrische Geflüchtete kennen gelernt hat, mit denen sie inzwischen ein Restaurant betreibt. Mehr lesen Sie in unserem (SB+)Artikel.
Horb - Das Schicksal und das Landratsamt brachten im Spätsommer 2015 syrische Flüchtlinge in einen der Horber Teilorte. Dort lernte die Horber Künstlerin Eva Michielin die Männer kennen. Sie bot ihnen ihre Hilfe an und schrieb über dieses soziale Engagement ein Buch. Doch nicht nur die 51-Jährige, die bis zu dieser schicksalhaften Begegnung im Jahr 2015 nicht viel von Not, Flucht und Elend wusste, sondern auch "ihre Männer aus dem Morgenland" kommen in dieser Art von Tagebuch, das zwischen Roman und Erzählung angelegt ist und ausschließlich auf wahren Begebenheiten beruht, zu Wort. Alle Erlebnisse sind real, doch die Namen und Orte wurden verfremdet, da sich die Flüchtlinge immer noch vor Repressalien, die von ihrem Heimatland ausgehen und die gegen sie oder ihre Familien gerichtet sind, fürchten.
In der Präambel zum Buch, das den schönen Titel "Eva und die Männer aus dem Morgenland" trägt, steht gleich ganz zu Anfang: "Man kann sich seine Nächsten nicht aussuchen. Gott wirft sie uns einfach vor die Füße. Es liegt dann an uns, ob wir sie sehen oder nicht".
Keine süßen Babys und keine Frauen
Eva Michielin sah bei einem der ersten Flüchtlingstreffen im Spätsommer 2015 die Not und das Leid von Nabil, Omar und Basel, die vor wenigen Tagen in der schwäbischen Kleinstadt ein Asyl, ein Heim, gefunden hatten. Dies nach monatelanger Flucht vor dem al-Assad-Regime und dem Krieg in ihrem Heimatland.
Eigentlich wollte die Autorin kleinen syrischen Babys mit großen dunklen Knopfaugen und deren Mamas helfen. Aber bei dem Treffen gab es keine süßen Babys und auch keine Frauen. In dem schwäbischen Provinzort sind nur Männer, 19 junge Männer, angekommen, die alles verloren hatten. Selbst ihre Familien mussten sie in Syrien zurücklassen.
Da saßen sie nun. Leicht und sommerlich bekleidet, mit Sandalen oder Stoffschuhen, im kalten Deutschland. Im Buch beschreibt die Autorin ihre Gedanken dazu mit folgenden Worten: "Ich versuche mir vorzustellen, wie es sein muss, bei drei Grad Außentemperatur den ganzen Tag in Stoffschühchen oder Badelatschen herumzulaufen. Vergisst man immer wieder gerne in seinem alltäglichen Trott: Die wenigsten von uns hier in Deutschland müssen frieren, Hunger kennen die meisten schon seit zwei Generationen nicht mehr. Die Syrer haben bis vor ein paar Jahren auch nicht frieren und hungern müssen. Sie hatten Jobs, Familien, Häuser mit Gärten, Freunde, ein buntes Leben. Bis der Krieg kam. Man sieht es ihren Gesichtern an, wenn man genau hinsieht. Unsicherheit, Verängstigung, Unglauben und ganz viel Verlust liest man in ihren Augen".
Gemeinsam Silvester feiern
Für Eva Michielin war klar, dass hier ein paar blaue Säcke voll abgelegter Klamotten zwar über die erste Kälte hinweghelfen, doch dass dies bei langem nicht reicht. In der Folge waren die Tage der dreifachen Mutter und Ehefrau, die einen Vollzeit-Job so ganz nebenbei mit dazu erledigte, zusätzlich angefüllt mit Behördengängen, Besorgungen, Hilfe in jeder Lebenslage, dem Kampf gegen unterschiedliche Kulturen und Auffassungen. Das Leben wurde noch bunter und die Parole von Angela Merkel "wir schaffen das" mit zum persönlichen Antrieb, denn neben den wunderbaren menschlichen Begegnungen und Momenten des gemeinsamen Erfolgs gab es auch immer wieder herbe Niederlagen aller Art. "Die Stadt Horb hat mich besonders gut unterstützt", so ihr Fazit. "Doch bei der Arbeitsagentur sind wir dagegen sehr oft auf Granit gestoßen", erinnerte sie sich. Sie erzählte von einem jungen Mann, der im syrischen Abi-Zeugnis, dass in etwa dem des deutschen Abiturs gleichkommt, in Physik, Biologie und Mathe jeweils 100 von möglichen 100 Punkte hatte und dem man bei der Arbeitsagentur anbot, er könne zur Müllabfuhr oder zur Zeitarbeits-Firma. Evas Michielin ließ ihre Beziehungen spielen und heute macht der junge Syrer eine Ausbildung bei einer Computerfirma.
Ihr absolutes Highlight erlebte die Autorin, die seit einem Monat den "Raum für Kunst" in den ehemaligen Räumen von "Raible Wohnideen" auf dem oberen Marktplatz betreibt, als sie sechs der Syrer an Silvester zu ihrer Familie nach Hause einlud. Das Essen, das Nabil und Omar an diesem Abend auf den Tisch zaubern, begeistert alle. Und aus dieser Begeisterung heraus entstand die Idee: Wie wäre es, gemeinsam ein Restaurant zu eröffnen?
Auseinandersetzung mit Rassismus und Vorurteilen
Ein abenteuerliches Projekt nahm in dieser Silvesternacht seinen Lauf. Für Horb wurde es zu einer Erfolgsgeschichte, für Eva Michielin dagegen eine Zeit der Auseinandersetzung mit ihrem eigenen "kleinen Rassismus", ihren Vorurteilen und Ängsten. Sie wagten sich mit dem Syrer Abdul Rahim Khalaf (Abodi) an das Projekt "Morgenland" und eröffneten in der ehemaligen "Buß" ein Speiselokal, dass sich inzwischen selbst trägt. Auch davon erzählt das Buch.
Dieses Buch handelt auf 372 Seiten aber auch von Ausdauer und Geduld, von Krieg und Kopftuch, Flucht und Kehrwoche, von gutem Essen und gebrochenen Seelen. Radikal ehrlich geschrieben ist diese Geschichte berührend, lustig, traurig und schön. Dieses Buch handelt aber vor allem von dem unerschütterlichen Glauben daran, dass wer stark ist, auch gut sein muss.
Wer das Buch haben möchte, kann es direkt in der Buchhandlung Kohler, bei "Schmuck am Aischbach", im "Raum für Kunst" oder im Lokal "Morgenland" kaufen. Hier gibt es dann auch einen Gutschein für ein syrisches Essen dazu. Ansonsten gibt es das Buch unter der ISBN-Nummern 978-3-347-15322-6 (Paperback) 978-3-347-15323-3 (Hardcover) und 978-3-347-15324-0 (e-Book) überall im Handel.