Am Landgericht Stuttgart wird gegen eine Bande verhandelt, die im großen Stil Gitterboxen gestohlen hat. Foto: Anspach

Prozessauftakt in Stuttgart gegen fünfköpfige Bande. Die meisten Fälle in den Kreisen Freudenstadt und Calw.

Horb/Nagold/Stuttgart - Eine offensichtlich besonders dreiste fünfköpfige Diebes- und Hehlerbande muss sich seit Mittwoch vor einer großen Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts verantworten.

Die fünf Männer aus Gärtringen und Horb sollen in über 40 Fällen wertvolle Stahlgitter-Transportboxen aus Firmenarealen in Horb, Nagold, Böblingen, Grafenau, Altensteig, Dornstetten, Althengstett, Bad Teinach, Calw, Jettingen und Eutingen entwendet und das Diebesgut gewinnbringend an einen ebenfalls mitangeklagten Händler verkauft haben.

Der Mann, der den professionellen Dieben die Ware abkaufte, soll ein Unternehmer aus dem Großraum Stuttgart sein, der mit Paletten und Gitter-Transportboxen für die Automobilindustrie handelt. Ein zweiter mutmaßlicher Hehler, bei dem die Angeklagten ebenfalls nahezu jede Nacht gestohlene Transportboxen abluden und dafür Geld kassierten, stammt aus der Region Ludwigsburg. Gegen ihn wird das Gericht vermutlich in einem gesonderten Verfahren später verhandeln.

Der Hauptangeklagte, ein 31-jähriger Lkw-Fahrer aus Großbottwar, soll laut Anklage in einem Transportunternehmen als Fahrer angestellt gewesen sein. Ebenso zwei weitere auf der Anklagebank sitzende 33- und 40-Jährige. Ihre Arbeitgeber hatten ihnen erlaubt, die Lastwagen auch außerhalb der Arbeitszeit zu benutzen. Und das sollen sie in den 42 angeklagten schweren Bandendiebstählen auch weidlich ausgenutzt haben.

Man habe sich zu einer Bande zusammengeschlossen, um den Lebensunterhalt mit Diebstählen zu bestreiten, sagte gestern zum Prozessauftakt vor der 5. Strafkammer die Staatsanwältin. Und die Diebestouren mit den Lkw, teilweise sogar Sattelschleppern, habe man ausschließlich nachts ausgeführt.

Von September 2011 bis zur Festnahme der Fünfergruppe am 22. Juli vergangenen Jahres sollen die Beschuldigten einen Gesamtschaden in Höhe von 120 300 Euro verursacht haben. Transportboxen aus Stahl haben einen Marktwert von 80 Euro. Die Diebe sollen die Boxen jeweils zum weit unter dem Neuwert gelegenen Niveau zu 20 bis 40 Euro an den Hehler aus dem Großraum Stuttgart verkauft haben. Für die Anklageverlesung benötigte die Staatsanwältin über eine Stunde: Auftakt war der 17. September 2011 in einem Firmenhof in Marbach, wo man Gitterboxen im Wert von 8000 Euro stahl. Beim Einbruch in eine Firma in Horb im Oktober 2011 soll das Quintett sogar Boxen im Wert von 21 000 Euro erbeutet haben. Und eine Woche zuvor aus einem Industriegrundstück in Nagold 16 derartige Boxen im Wert von 1440 Euro. Ebenso in der Nacht zum 5. November 2011 in einem Gärtringer Gewerbegebiet, wo die Täter 400 solcher Boxen erbeutet und an den Hehler geliefert haben sollen.

In weiteren zahlreichen Fällen in Horb – hier allein zwischen April und Juni 2012 sechsmal –, Rottenburg-Hailfingen und Jettingen sollen den Angeklagten Transportbehälter im Gesamtwert von über 70 000 Euro in die Hände gefallen sein. Beim nächtlichen Einbruch am 22. Juli vergangenen Jahres auf einem Firmengrundstück in Leonberg-Renningen, auf dem die Täter bereits Boxen zum Aufladen hingerichtet hatten, wurden sie allerdings von der Polizei erwartet.

Bis dahin hatten sich an die 42 Einzelfälle gesammelt, heißt es sich in der gestern vorgetragenen Anklageschrift, wobei die Stuttgarter Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass es sich in Wirklichkeit nur um die Spitze eines Eisbergs handelt. Vor Beginn des Verfahrens am gestrigen Mittwoch wunderten sich selbst die Pflichtverteidiger der allesamt türkischstämmigen Angeklagten darüber, dass die Diebe eigentlich nahezu jede Nacht Schwerstarbeit leisten mussten, um das Diebesgut aufzuladen, abzutransportieren und dann bei den Hehlern wieder abzuladen, ehe sie überhaupt ihr Geld in Empfang nehmen konnten. Allein dies, so einer der Anwälte, könnte schon einen Strafmilderungsgrund darstellen.

Tagsüber waren die fünf Männer jeweils als Lkw-Fahrer für zwei verschiedene Transportunternehmen und für einen Paketdienst in der Region tätig, wie sie in ersten Angaben schildern. Hatte man einmal gerade keinen Firmen-Lkw zur Hand, sollen sie auch ganz gezielt bei Autovermietungen die Fahrzeuge angemietet haben.

Und wie dreist sie vorgingen, zeigt ein Fall, der sich in der Nacht zum 30. November 2011 in Neu-Ulm abspielte. Die Polizei war zu dem Firmenplatz gerufen worden, weil man dort verdächtige Aktionen bemerkt hatte. Doch die Diebe hatten die kritisch fragenden Polizeibeamten beruhigen können: Man arbeite im Auftrag des Firmenchefs. Der Streifenwagen fuhr wieder weg.

Vor der 5. Großen Strafkammer wollen die fünf Beschuldigten im Laufe des Verfahrens zumindest einen Großteil der Vorwürfe einräumen. Einer von ihnen soll spielsüchtig sein. Dazu hat das Gericht eigens einen Gutachter berufen, um festzustellen, ob diese Sucht Auslöser der Diebesserie sein konnte. Der Prozess ist auf fünf Fortsetzungstage terminiert.

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