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Horb a. N. Was dürfen Bestatter sich gestatten?

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Zwei herausgerissene und oben gekappte Baumstümpfe liegen vor dem Eingang zum Ruhewald bei Nordstetten – für manch einen trauernden Besucher ein tristes Bild. Die Bildreihe unten zeigt Standorte des Waldes am Freitagnachmittag: An manchen Stellen steht das Wasser im Wald, Bäume sind umgestürzt und auf den Wegen liegt Geäst. Foto: Schwarzwälder Bote

Es besteht kein Grund zur Sorge, dass Chrom-VI-Verbindungen aus Bestattungen im Ruhewald ins Erdreich und ins Grundwasser gelangen. Das teilt die Stadtverwaltung mit. Gewarnt werden muss trotzdem: Wer derzeit in den Wald geht, sollte Vorsicht walten lassen.

"Der Wald ist eine Komposition der leisen Töne", schrieb der Autor Klaus Ender. Horb hat er damit bestimmt nicht gemeint. Schon gar nicht den Ruhewald, um den seit mehr als einem Jahr eher schrille Töne laut werden.

Jetzt stoßen neue Akteure ins (Wald)Horn. Der Friedhofsberater und Landschaftsplaner Andreas Morgenroth empfiehlt die Einstellung des Ruhewald-Betriebs. Die Pflegekosten seien hoch, ebenso das Risiko durch mit Metall belastete Asche aus Urnen. Für Morgenroth ist Horb ein klassisches Beispiel, was in kurzer Zeit in einem Bestattungswald alles schieflaufen kann. Bei Betreibern solcher Wälder stößt das freilich auf heftigen Widerspruch. Sie sehen hier die Lobby der traditionellen Friedhofs-Branche am Werk: Steinmetze, Blumenverkäufer, Grabschmuck-Händler. Ein namhaftes Unternehmen, das Bestattungswälder betreibt, widerspricht Morgenroth prompt. Die Urnen seien an den richtigen Standorten völlig unbedenklich und die Wälder seien robuste Mischwälder.

Es gibt Leute, denen geht die Diskussion über die neue individuelle Bestattungskultur zu weit. Sie möchten nicht, dass sterbliche Überreste irgendwann als Sondermüll behandelt werden. Dass der US-Bundesstaat Washington ab dem 1. Mai als neue Möglichkeit die natürliche Kompostierung von Leichen anbietet, wird die Diskussion auf der anderen Seite des Atlantiks vielleicht noch ausdehnen. Doch so weit braucht man momentan gar nicht zu gehen. Laut Brancheninformationen entscheiden sich 20 bis 25 Prozent der Angehörigen für eine Alternative zur Grabstätte – etwa eine Gemeinschaftsgrabstätte, eine Waldbestattung, eine Seebestattung. Das macht die kommunalen Friedhöfe defizitärer – und damit für die Gebührenzahler teurer.

Edel, arm oder reich, der Tod macht alle gleich? Für die Gedenkkultur gilt das Sprichwort nicht, denn künftig wird es neben den hübsch gepflegten Familiengräbern wohl immer mehr schlichte Urnenwände und anonyme Gräber geben. Oder Angehörige, die Kurzurlaub in den Niederlanden, Großbritannien, Spanien oder Dänemark buchen, wo sie die Asche von Verstorbenen verstreuen dürfen. Die Rundum-sorglos-Bestattung wird bereits für unter 500 Euro angeboten: Horrorvision, Sparidee oder sogar der letzte Wille des Verblichenen? Die Meinungen gehen auseinander, und es ist gut, dass diskutiert wird. Es ist auch in Ordnung, wenn im Zuge der Individualisierungs-Welle in der Gesellschaft nicht alle Trends unreflektiert und ohne Widerspruch zum allgemeinen Konsens werden und die Verwaltungen dazu verpflichten, darauf zu reagieren. Das hat sich in Horb schon vor Jahren gezeigt, als die Ortschaften einen Tierfriedhof ablehnten. Seither gab es in diese Richtung keinen Vorstoß mehr.

Ob sich das Konzept Bestattungswald in der Region durchsetzen wird, bleibt ebenso abzuwarten wie die Kostenabwägung: Können Kommunen einen Bestattungswald einigermaßen kostendeckend selbst betreiben oder schreibt man diese Leistung wie viele andere aus und lässt besser Unternehmen zum Zug kommen, die mit dieser Bestattungsart mehr Erfahrungen haben und vielleicht auch mit den Grabpächtern professioneller kommunizieren? Für einzelne Pächter ist der wahrhaft teuerste Wald derzeit nicht der Ruhewald, sondern der Anwalt.

Horb. Der Hamburger Friedhofsberater und Landschaftsplaner Andreas Morgenroth empfiehlt die Stilllegung des Ruhewalds. Er warnt vor einer möglichen Kontaminierung des Bodens und des Grundwassers mit Chrom-VI-Verbindungen aus der Asche von Bestatteten sowie vor hohen Schäden durch Stürme und einem großen Pflegeaufwand, weil sich der Wald nicht natürlich entwickeln könne (wir berichteten).

Neben dem gewerblichen Betreiber "FriedWald" widerspricht nun auch die Stadt Horb diesen Befürchtungen. Der Ruhewald in Nordstetten bestehe aus lehmhaltigem Boden, er gehöre zu den unbedenklichen Standorten "weil Chrom 6 in Lehm absolut immobil ist, sich also nicht im Grundwasser löst", heißt es in der Mitteilung der Stadt.

Die Entscheidung des Gemeinderats für den Standort in Nordstetten sei auf Grundlage von "konkreten fachlichen Empfehlungen seitens des Kreisforstamtes Freudenstadt" getroffen worden. Die Baumarten im Ruhewald seien "sehr sturmresistent und ausdauernd", heißt es weiter in der Mitteilung. Die Schließung während des Sturms "Sabine" sei "eine reine Vorsichtsmaßnahme" gewesen. So werde "im Allgemeinen vor dem Betreten von Waldgebieten während eines Sturms gewarnt". Außerdem, so argumentiert die Stadt weiter: "Im Genehmigungsverfahren im Jahr 2015 wurde seitens der zuständigen Fachabteilungen des Landratsamtes Freudenstadt (Bau- und Umweltamt, Gesundheitsamt, Amts für Wasserwirtschaft und Bodenschutz, untere Forstbehörde) keine Bedenken geäußert."

Die Stadt Horb sieht daher "keinen Grund, das Konzept des Ruhewaldes Nordstetten zu ändern oder den Ruhewald gar aufzugeben. Das erst Recht nicht auf Grundlage von allgemein geäußerten und zweifelhaften Vermutungen."

Abschließend schreibt die Stadtverwaltung: "Im Ruhewald werden viele Menschen beigesetzt, die Ruhe gezielt suchen und sie vor Ort, im Wald, in der Natur auch finden. Die Stadt Horb kann alle Angehörigen beruhigen und Ihnen versichern, dass es diesen Ort auch zukünftig geben wird."

Nach einem Ideal von Ruhe und Besinnung sieht es derzeit in dem Wald aber nicht aus. In der stürmischen Nacht von Donnerstag auf Freitag sind laut Aussagen von Walbesuchern zwei Bäume umgestürzt, auf den Wegen liegen Zweige, und an einigen Stellen steht das Wasser im Wald. Ob der Wald an diesem Wochenende noch gesperrt wird, konnte die Stadtverwaltung gestern auf Anfrage unserer Redaktion nicht beantworten. Personen, die einen Besuch des Walds nicht vermeiden können, sollten also auf jeden Fall feste Kleidung und wasserdichtes Schuhwerk tragen. Vor weiteren Sturmschäden hatte der Friedhofsberater Morgenroth im Gespräch mit unserer Redaktion am Mittwoch gewarnt.

Angesichts dieser Situation sind mehrere Ruhewald-Besucher sauer auf die Stadt. Der neuerliche Vorwurf: Anstatt sich die städtischen Mitarbeiter um die Sturmschäden kümmern, manipulieren sie an den Ruhestätten von missliebigen Grabpächtern. Eine der Betroffenen schildert: "Es ist eine Unverschämtheit. Acht Wochen hatten wir Ruhe, aber jetzt fängt die Stadt Horb wieder damit an, Gräber kaputt zu machen. Es betrifft nicht nur einzelne Personen, aber viele trauen sich nicht, den Mund aufzumachen. Eine Herzensangelegenheit wäre, dass die Ruhe der letzten acht Wochen jetzt wieder einkehrt und man die Möglichkeit hat, in dem Ruhewald seine Trauer zu leben."

Ein weiterer Besucher bestätigt das und spricht sogar von groß angelegten Aktionen, die eigens fürs Abräumen der Gräber stattgefunden haben sollen. "Einmal sind sie mit zwei Lastwagen und vier Mann angerückt. Als ich dazukam, haben sie sich klammheimlich davongemacht. Und zerstört wird nur der Grabschmuck von Leuten, die sie nicht mögen. Für mich ist das eine gezielte Provokation."

Der Betroffene berichtet auch von weiteren Mängeln: Schilder mit Namen der Bestatteten sind abgerissen oder verdreht und Mountainbike-Fahrer fahren mitten durch den Wald, ohne Rücksicht auf Gräber. Der Ruhewald – für manche bleibt er eine Wunschvorstellung.

Ihre Redaktion vor Ort Horb

Florian Ganswind

Fax: 07451 9003-29

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