Prozesspause: Iyad B. raucht hinter dem Gerichtsgebäude eine Zigarette, bewacht von Justizbeamten. Foto: Schwarzwälder Bote

Mordprozess: Erst beschwert sich der Angeklagte über Fußfesseln, dann will er abhauen

Iyad B. galt bisher eher als Nebenfigur im Prozess um den Mord am Immobilienunternehmer Michael Riecher. Auch, weil er gestanden hatte, Riecher überfallen zu haben. Der syrische Flüchtling O. habe dann das Opfer erwürgt. Doch warum versucht der Palästinenser dann zu fliehen?

Rottweil/Horb-Nordstetten. In der vorletzten Verhandlung hatte Iyads Verteidiger Kristian Frank vorgetragen, dass Iyad Schmerzen an den Fußgelenken habe –­ die Fußfesseln seien zu eng. Frank: "Die schneiden ein, er hat starke Schmerzen!" Der Wachmann: "Ich habe die heute morgen so lange angestellt, bis es passte." Richter Karlheinz Münzer: "Das ist Modus Loci hier. Vor dem Gerichtssaal ist die Treppe, ohne Fußfesseln könnte man fliehen."

Verteidiger Frank: "Mein Mandant hat in der Pause gesagt, dass er mit Handfessel einverstanden sei." Richter Münzer sagt: "Das schützt nicht vor dem Weglaufen."

Er wies noch die Justizpolizei an, darauf zu achten, dass diese Fußfesseln nicht zu eng seien. Mit leidendem Gesicht rieb sich Iyad an den Fußgelenken...

Gut, dass Richter Münzer hart geblieben ist. Denn jetzt kommt raus: Nach der letzten Verhandlung hat Iyad versucht, auf dem Transport in die JVA Stuttgart zu fliehen.

Richter Münzer sagt zu Beginn der Verhandlung: "Ich habe eine Bekanntgabe zu machen. Die Fußschließen des Angeklagten werden in den Verhandlungspausen nicht abgenommen. Nach dem letzten Verhandlungstag hat es einen Fluchtversuch gegeben auf dem Weg in die JVA Stuttgart. Der konnte nach wenigen Metern unterbunden werden."

Nach Informationen des Schwarzwälder Boten soll sich Iyad bei diesem Fluchtversuch die zu locker angelegten Fußfesseln zu Nutze gemacht haben.

Was sagt das über die angebliche Unschuld von Iyad aus? Klar, dass die Verteidigung dazu keinen Kommentar abgeben will.

Klar auch, dass die Justizbeamten nach dem gestrigen Prozesstag ganz genau auf Iyad aufpassten (siehe Foto oben). Immerhin spendieren sie ihm noch eine Zigarette bei der Abfahrt. Die war dann unspektakulär.

Dafür ging es im Prozess hoch her. Denn: Bei der Vernehmung von Iyads bestem Freund Ibrahim (35, Name geändert) war auf einmal das Rätsel der großen Beute wieder Thema. Am 4. Januar hatte eine Zeugin in Nordstetten fünf verdächtige Männer beobachtet, die offenbar rund um das Haus von Mohammed O. etwas ausgegraben haben (wir berichteten). Die Zeugin rief zwei Mal das Polizeirevier Horb an. Als die Streife endlich eingetroffen war, wurden wohl nur noch drei Männer angetroffen. Die Zeugin hatte aber fünf verdächtige Männer gesehen.

Zu einem der ermittelten Ausgräber hatte Mohammed O. wohl aus der JVA Rottweil Kontakt, so O.s Verteidiger (wir berichteten).

Hat der beste Freund des syrischen Flüchtlings oder sein Bruder den perfekten Fluchtweg für diese Aktion – Beute ausgraben und schnell verschwinden per Auto – ­kurz nach dem Tod von Riecher gefilmt? War das Video von Ibrahims Bruder Blaupause für den Fluchtweg der Ausgräber?

Ist das Video nach der Tat entstanden? Vermutlich. Die Metadaten sollen bei der Vernehmung von Ibrahims Bruder in die Verhandlung eingebracht werden.

Fakt ist: Laut Ibrahim habe ihm Mohammed O. erzählt, dass Riecher das Elternhaus, in dem der syrische Flüchtling kostenfrei wohnte, verkaufen will. Ibrahim und sein Bruder sollten mit einsteigen in die 120 000 Euro Kaufpreis.

Die beiden Brüder sollten 10 000 Euro Anzahlung bringen. Ibrahim: "Mein Bruder wollte dafür sein Haus in Syrien verkaufen."

Dafür gab es zwei Besuche in Nordstetten von dem Mann aus dem Landkreis Esslingen. Beim ersten Besuch wurde ein Video gemacht. Auffällig: Auf dem Hochkant-Video ist zunächst der Garten links neben dem inzwischen abgerissenen Elternhaus gezeigt, dann ein Rechtsschwenk, Ibrahim geht die Treppe runter, Schwenk auf das Auto auf dem Parkplatz vor der ehemaligen Garage. Der Text im Video: "Da passen vier Autos rein. Dieser Garten ist ungefähr 10,5 Quadratmeter. Ist das Euer Auto?"

Die Schwester des Opfers sagte: "In dem Video werden Dinge deutlich. Wo die Beute war und wie sie abtransportiert wurde." In der Verhandlungspause sagt sie: "Das ist doch genau der Weg vom Komposthaufen, in dem vermutlich die große Beute vergraben wurde, zu den Parkplätzen vor dem Haus. Das kann kein Zufall sein!"

Richter Karlheinz Münzer: "Ein richtiges Exposé von einem Haus ist der Film nicht." Nebenkläger-Anwalt Kaulmann: "Warum wurde das Haus nicht von vorne gefilmt?"

Ibrahim: "Es war gar nicht geplant, eine gut verwertbare Aufnahme von dem Haus zu machen."

Rechtsanwalt Kaulmann las dann die drei Namen vor, die Polizei und Staatsanwaltschaft nach der Ausgrabeaktion in Nordstetten ermittelt hatten. Alles türkisch-klingende Namen. Fragte Ibrahim immer: "Kennen Sie den?" Die Antwort des Zeugen unisono: "Nein."

Dennoch merkwürdig: In den Tagen rund um die "Ausgrabung", wie Oberstaatsanwalt Christoph Kalkschmid die Ermittlungen rund um den 4. Januar 2019 nennt, berichtet Ibrahim von zwei seltsamen Anrufen.

Einer von einem angeblichen Anwalt aus Stuttgart. Ibrahim: "Er sprach Deutsch. Da habe ich nicht viel verstanden. Nur soviel, dass er 10 000 Euro vor mir haben wollte, damit er O. verteidigen könne."

Seltsam. Das Opfer könnte Mohammed O. am Tag vor der Tat oder am Tattag knapp 10 000 Euro gegeben haben, damit dieser für ihn Krügerrand bei der Kreissparkasse kauft. Das sagt eine Bestätigung seitens der Bank, dass die Münzen bestellt wurden. Diese Bestätigung wurde bei Mohammed O. in der Wohnung gefunden. Es war wohlgemerkt keine Quittung für den Erhalt des Geldes. Am 2. November – dem Tag, als Riecher ermordet wurde – klebte in seinem Kalender ein gelber Notizzettel um 18 Uhr: "O. Gold". Die Goldmünzen sollen nach Informationen des Schwarzwälder Boten nie in der Kreissparkasse abgeholte worden sein.

Am 11. Januar der nächste ominöse Anruf bei Ibrahim. Er sagt: "Ein Mann stellte sich am Telefon vor. Er sei Türke. Er habe mit mir etwas zu besprechen – doch das geht nur persönlich."

Beide Male habe Ibrahim abgelehnt. Habe seinen Freund angerufen und gesagt: "Entweder meldest du das der Polizei sofort oder wir gehen morgen selbst hin. Ich will in nichts reingezogen werden."

Das alles gibt Hinweise auf ein mögliches Puzzlestück in dem Fall: Mohammed O. versteckt die 10 000 Euro von Riecher im Komposthaufen – und später werden sie dort gefunden, wobei in den Kreisen der Beteiligten nicht klar ist, wer sie gefunden hat. Wenn es die fünf von einer Zeugin beobachteten Personen mit dem Auto aus dem Kreis Ludwigsburg waren, dann ist noch nicht klar, mit wem sie in Kontakt stehen oder von wem sie die Informationen haben. Die merkwürdigen Anrufe an Ibrahim mit der 10 000-Euro-Andeutung könnten auf einen Streit um die Beute hindeuten. Iyad hat im Polizeiverhör immer von 3000 Euro Beute gesprochen.

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