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Horb a. N. Überzeugt von der Arbeit des Exorzisten

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Der Salemer Reichsabt Anselm II. Schwab riet Fürstabt Martin II. Gerbert, wegen der "unwürdigen Leidenschaften einiger Zeitungsschreiber" in seiner "Daemonurgia" nichts besonders Rühmliches über den Exorzisten Gassner zu vermelden.Fotos: Lipp Foto: Schwarzwälder Bote

Fürstabt Martin II. Gerbert, der Johann Joseph Gassner niemals persönlich begegnet ist, erfuhr von dem gefeierten Geisterheiler, als dieser im Juli 1774 auf Betreiben des Konstanzer Domherren Graf Johann Nepomuk von Montfort (1723 – 1775) nach Meersburg gekommen war, wo Kardinal Franz Konrad von Roth (1706 – 1775) als Bischof der Diözese Konstanz residierte.

Horb. Der bischöfliche Kabinettssekretär Joseph Knaller berichtete, dass hier "Generals, Reichspröbste, Domherrn, Baronen und Baroneßinen von Costanz, andere gemeine Priester und Leute" schon seit zehn Tagen auf "ihren Erlöser" warteten.

Besagter Graf von Montfort fiel wohl selbst der Suggestion durch den hypnotisierenden Gassner zum Opfer. Der an Epilepsie leidende Domherr glaubte sich nämlich durch den Gassnerschen Exorzismus kuriert. Ein Bediensteter fand ihn jedoch an einem Novembermorgen mit dem "Gläsel von dem Gassner in der Hand" tot auf dem Gesicht liegend. Vermutlich war der Graf erstickt, weil sich die Selbstkontrolle bei einem weiteren epileptischen Anfall nicht eingestellt hatte.

Zu den Beratern des Konstanzer Bischofs zählte der in Horb geborene Theologe und Regens des Meersburger Priesterseminars Claudius Noll (1712 – 1781), der mit Martin Gerbert verwandt war und diesen über Gassners Praktiken informierte. Während Noll sich anfangs von den Prozeduren des Exorzisten beeindruckt zeigte, war dem Kardinalbischof von Konstanz das "geistliche Theater" von vorneherein ein Graus, weshalb er sich weitere Auftritte Gassners verbot und ihn aus seiner Diözese verwies.

Der Teufelsbanner musste allerdings zunächst nur ein paar Kilometer weiterziehen, wo ihm der Reichsabt Anselm II. Schwab (1713 – 1785) im exemten Zisterzienserkloster Salem ein neues Podium bot. Über die dortigen gleichfalls imponierenden Auftritte des Exorzisten Gassner wurde Fürstabt Martin Gerbert von Anton Ferdinand von Lemppenbach informiert, der seit 1765 als Kanzler in seinen Diensten stand.

Der Salemer Reichsabt teilte Gerbert im Januar 1776 in einem Brief ein durchaus günstiges Urteil über Gassner mit, war aber kurz zuvor durch Frobenius Förster (1709 – 1791), den Fürstabt des Regensburger Benediktinerklosters St. Emmeran, in seiner zuversichtlichen Meinung über Gassners Kuren etwas erschüttert worden. Deshalb riet der Salemer Reichsabt dem Fürstabt zu St. Blasien, in seiner "Daemonurgia" nichts besonders Rühmliches über Gassner zu vermelden, um "den unwürdigen Leidenschaften einiger Zeitungsschreiber und Rapsodisten auszuweichen". Diesen Ratschlag nahm sich Gerbert zu Herzen, weshalb die Schrift wohl auch ohne Angabe des Verfassers und des Druckorts erschien.

Auch im zweiten Band seiner "Historia nigrae Silvae ordinis S. Benedicti coloniae" (Geschichte des Schwarzwaldes und der Niederlassungen des Benediktinerordens) von 1788 hat sich Gerbert mit diesen Vorgängen nochmals befasst. Trotz der längst erlassenen Verbote von Seiten der Erzbischöfe, des Papstes sowie des Kaisers zeigte sich der Fürstabt aufgrund von Aussagen befreundeter Berichterstatter immer noch von der Tätigkeit des Exorzisten Gassner überzeugt, der "im Namen Jesu dem Dämon befahl, dass dieser an dem Kranken die Auswirkung des Siechtums zeige".

Der von Gassner immer noch beeindruckte Fürstabt erwähnt dabei beiläufig das seltsamste Phänomen, das der Exorzist nach eigenen Worten als "sterbende Gichter" bei seinen Patienten zu wecken verstand. Es handelte sich dabei um Erscheinungen am menschlichen Körper, wie man sie sonst nur bei einem Sterbenden kennt. Auf den Befehl Gassners sank die angeblich von einem Dämon besessene Person zu Boden, die Farbe des Antlitzes wurde fahl und der Puls wurde so schwach, dass man ihn kaum mehr fühlen konnte. Todesschweiß trat auf die Stirn und es war, als ob ein Sterbender in den letzten Zügen zu liegen schien. Sobald aber Gassner den Namen Jesu aussprach, erholte sich die Versuchsperson augenblicklich und stand frisch und gesund auf.

In seiner "Daemonurgia" schwieg sich der Nachfahre des Martin Gerbert (um 1542 – 1599) über die in Horb erhobenen Hexereianklagen gegen dessen Frau Anna und dessen Tochter Christina aus, obgleich der Skandalfall der Christina Rauscher den Höhe- und Wendepunkt der Horber Hexenverfolgungen bildete. Im Sinne von Johann Weyer (um 1515 – 1588), einem der ersten Gegner der Hexenjagden, erörterte Martin Gerbert den Hexenglauben mit Zurückhaltung. Weyer sah in den angeblichen Hexen vom Teufel irregeleitete geisteskranke Frauen, die der medizinischen Behandlung und nicht der Bestrafung bedurften. Alle Torheiten bezüglich des Hexenwahns bestanden auch für Gerbert in Einbildungen und Träumereien, wobei er eine Einwirkung des Satans ebenfalls nicht ausschloss.

Bei der Unterstützung des ums trittenen Exorzisten Gassner wollte Gerbert die Aussagen der Bibel über die Dämonen nicht im Sinne einer aufgeklärten Hermeneutik als bloße Sinnbilder verstanden wissen. Darüber hinaus verwies er auf den heiligen Antonius den Großen (um 251 – 356). Bei dessen vielfachen Versuchungen und Peinigungen, die von Matthias Grünewald (um 1480 – um 1530) auf einem Flügel des Isenheimer Altars oder von Hieronymus Bosch (um 1450 – 1516) in einem fantastischen Triptychon dargestellt worden sind, sollen dem Vater der Mönche der Teufel und seine Dämonen in verschiedener Gestalt erschienen sein.

Mit dogmatischer Hartnäckigkeit behauptete Gerbert als überzeugter Katholik die zerstörerische Macht des als widergöttliche Person mit starker Handlungsfähigkeit gedachten Teufels. Der Glaube an die physische Macht des Bösen gehörte schließlich zu den wesentlichen Stützpfeilern des Christentums. Dabei stand das katholische Lager keinesfalls allein. So befürchtete der Theologe, Pädagogiarch und Gießener Geschichtsprofessor Heinrich Martin Gottfried Köster (1734 – 1802) als Vertreter der lutherischen Orthodoxie, dass mit der Abschaffung des Aberglaubens die Religion insgesamt abgeschafft würde.

Dadurch dass die Existenz des Teufels durch die Aufklärer und Freigeister angezweifelt wurde, gerieten sowohl für den Lutheraner Köster als auch für den Benediktiner Gerbert die Lehren von der Dreifaltigkeit, der Göttlichkeit Christi und der Heiligkeit der Evangelien mit ins Wanken. Darüber hinaus kam für Köster in seiner Schrift "Demüthige Bitte um Belehrung an die großen Männer, welche keinen Teufel glauben" dem Antichristen sogar ein volkspädagogischer Zweck zu: "Wie können die Leute vor den Verführungen des Teufels sicher sein, wenn sie an keinen Teufel mehr glauben?"

Der Theologe und Publizist Christian Wilhelm Kindleben (1748 – 1785) wollte dagegen mit seiner Schrift "Ueber die Non-Existenz des Teufels", die im gleichen Jahr wie Gerberts "Daemonurgia" ebenfalls anonym herausgegebenen wurde, ein vom Aberglauben befreites, vernünftiges Christentum in die Wege leiten. Für Kindleben existierte der Teufel nicht außerhalb des Menschen in der Welt, sondern war als Persönlichkeit nur ein bloßes Hirngespinst "in dem Gehirn der Gottesgelehrten, die seine Freunde und Vertheidiger sind".

Später kämpfte Kindleben aber gegen die Tendenz der Aufklärer an, der er wenigstens auf religiösem Gebiet früher selbst gehuldigt hatte. 1778 gab er die Schrift "Der Teufeleien des 18. Jahrhunderts letzter Act" heraus, die als eine Art von Widerruf seines ganz rationalistisch gefärbten Büchleins aus dem Jahr 1776 erschien. Kindleben, dem die Studenten mit "Gaudeamus igitur" das wohl bekannteste Studentenlied zu verdanken haben, war während seiner letzten Jahre immer mehr in ein ausschweifendes und dissolutes Leben versunken. Als Liebhaber des ältesten Gewerbes der Welt und der klassischen Genussmittel starb der ehemalige Pastor bereits mit 37 Jahren. Es scheint fast so, als ob auch hierbei der Teufel seine Hand im Spiel gehabt hatte.

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