Hilde Göttler will das Haus, in dem einst ihre Mutter gelebt hat, verkaufen. Sie hofft durch den Aktionstag und die möglichen ELR-Fördergelder leichter einen Käufer zu finden. Foto: Hopp Foto: Schwarzwälder-Bote

Der Horber Teilort wird ELR-Schwerpunktgemeinde / Ziel: Potenziale im Ortskern zu nutzen / Positives Signal für Aktionstag

Von Lena Müssigmann

Horb-Rexingen. Rexingen wird Schwerpunktgemeinde im Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR). Fünf Jahre lang werden jeweils rund 200 000 Euro Fördergeld in den Ort fließen, so die Erfahrungswerte des Regierungspräsidiums Karlsruhe. In Summe also rund eine Million Euro.

Gestern hat das Ministerium für Ländlichen Raum die gute Nachricht für Rexingen verkündet: Der Horber Teilort ist unter den 17 neuen Schwerpunktgemeinden in Baden-Württemberg, die besondere Förderung erhalten (siehe Infokasten).

Ortsvorsteherin Birgit Sayer hat große Hoffnung auf den Antrag zur Schwerpunktgemeinde gesetzt. Sie sagt: "Wir haben intensiv seit Jahren darauf zugearbeitet." Das hat sich gelohnt. "Jetzt hat man Gewissheit: Wenn man einen Antrag stellt, der sinnvoll ist, wird er bewilligt", sagt Sayer. "Ich hoffe, dass die Rexinger das Signal erkennen und andere Interessenten von außen auch."

Wolfgang Kronenbitter, Fachbereichsleiter Recht und Ordnung der Stadt Horb, bezeichnet die Nachricht als "sehr erfreulich". Für Privatleute ist es angesichts der Förderung einfacher und attraktiver, Häuser umfassend zu modernisieren. In Rexingen gibt es viele Immobilien, die dies nötig haben, die leer stehen und verkauft werden sollen. Kronenbitter sagt, Rexingen sei geprägt von 60 "stattlichen historischen" Gebäuden, die von jüdischen Familien vor dem Zweiten Weltkrieg erbaut worden sind.

Weiter sagt er: "Es ist ein gewisses Problem, dass viele dieser Häuser von Leuten mit Migrationshintergrund bewohnt sind. Nur durch entsprechende Möglichkeiten einer Förderung wird man die Eigentümer dafür gewinnen, ihre Häuser zu sanieren." Hinzu kommt, dass viele Häuser zum Verkauf stehen.

Am Sonntag, 27. September, veranstaltet das Dorf einen Aktionstag, den sogenannten Rexingen-Tag. Ortsvorsteherin Sayer erklärt: Potenzielle Kaufinteressenten für Häuser seien nach Rexingen eingeladen und könnten sich sechs Häuser, die zum Verkauf stehen, an diesem Tag unverbindlich ansehen.

Außerdem präsentiert sich der Ort mit all seinen Einrichtungen, Gruppen und Vereinen, um möglichen Neubürgern zu zeigen, was in Rexingen alles geboten ist. Sayer sagt: "Als künftige Schwerpunktgemeinde gehen wir jetzt gestärkt in den Tag."

Die Geschichte des Hauses ist eine besondere

Hilde Göttler ist eine der Hausbesitzerinnen, die am Rexingen-Tag ihre Immobilie vorstellen und zum Kauf anbieten will. Das Haus steht an der Rexinger Bergstraße, die ihrem Namen alle Ehre macht. Die Eltern von Göttler haben das Gebäude 1955 gekauft und kurz darauf renoviert. Heute ist das Wohnhaus mit seinen zwei Wohnungen vermietet – und schwer sanierungsbedürftig. Die angebaute Scheune ist ein Schmuckstück: mit ihren alten Toren, einem Gewölbekeller und einem hohen Giebel.

Hinter dem Gebäude erstreckt sich der Garten am Südhang, der Blick schweift über den Ort, bleibt an der Kirche im Tal hängen. "Die grüne Lunge Rexingens" sei der Streifen aus Wiesen und Gärten zwischen der Hauptdurchgangsstraße und der weiter oben angesiedelten Wohnbebauung.

Göttler pflanzt in ihrem Garten Kartoffeln und Tomaten an, unter den Apfelbäumen liegen Mostäpfel, die bald aufgelesen werden müssen. "Ich trenne mich nur schweren Herzens von diesem Garten, aber die Vernunft muss siegen", sagt die Rexingerin. Sie ist 72 Jahre alt, noch hat sie Energie, "aber man wird ja nicht jünger", sagt sie. So habe sie schon im Frühjahr entschieden, dass sie das Anwesen verkaufen möchte.

Der Rexingen-Tag kommt ihr gelegen. Angesichts des ELR-Zuschusses, den sie als "Lockvogel" bezeichnet, hoffe sie, Käufer zu finden, die aus dem Haus noch mal was machen. Die Nachbarschaft sei nett und fürsorgend. Sie wünsche sich jemanden, der all das zu schätzen weiß.

Das Haus hat vor dem Zweiten Weltkrieg einer jüdischen Familie gehört. Stolpersteine erinnern an die ehemaligen Bewohner. In Rexingen gab es einst eine der größten jüdischen Landgemeinden Württembergs. Die Geschichte des Hauses ist eine besondere.

Göttler hat als junge Frau selber in dem Haus gewohnt, zunächst noch mit ihrer Mutter, dann, bis das Eigenheim fertig war, noch mit ihrem Ehemann. Es sind viele Erinnerungen, die für sie in der Bergstraße 43 wohnen.

Kronenbitter ist es wichtig, klarzustellen, dass Schwerpunktgemeinden aus einem separaten Topf gefördert werden. "Es besteht keine Konkurrenz der Anträge zwischen Rexingen und anderen Stadtteilen." ELR-Anträge können in Horb zwischenzeitlich aus allen Stadtteilen gestellt werden, auch  aus Bildechingen, Mühringen und Talheim, wo eine gesonderte Sanierungsförderung läuft. Dies setzt allerdings voraus, dass sich das Vorhaben nicht in einem Sanierungsgebiet befindet.

u Schwerpunktgemeinden

Bislang gab es neun Schwerpunktgemeinden, darunter das nicht weit entfernt gelegene Haiterbach (Kreis Calw). Nun werden 17 neue Gemeinden für die Laufzeit von fünf Jahren aufgenommen, die ihre Förderung ab 2016 abrufen können.

u Fördersätze Schwerpunktgemeinden erhalten bei kommunalen oder gemeinwohlorientierten öffentlichen Projekten einen um zehn Prozent erhöhten Fördersatz von 50 Prozent und maximal 750 000 Euro pro Projekt. Ansonsten sind die Fördersätze dieselben wie anderswo, laut Ortsvorsteherin Birgit Sayer zum Beispiel 30 Prozent Förderung, maximal 20 000 Euro für jede neu geschaffene Wohnung oder bei Umnutzung einer Scheune zu Wohnraum 30 Prozent Förderung, maximal 50 000 Euro. Anträge aus Schwerpunktgemeinden werden aber vorrangig behandelt. Es wird von einem durchschnittlichen Mittelbedarf von 200 000 Euro pro Schwerpunktgemeinde und Jahr ausgegangen, teilt das Regierungspräsidium Karlsruhe auf Anfrage mit.

u Zielsetzung

Alexander Bonde (Grüne), Minister für Ländlichen Raum, sagte gestern: "17 Gemeinden haben mit ihren Konzepten überzeugt. Sie haben plausibel dargestellt, wie sie sich in den nächsten fünf Jahren für landespolitische Ziele wie flächensparende Siedlungsentwicklung, den Umgang mit dem demografischen Wandel und den Natur- und Landschaftsschutz einsetzen wollen."

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