Eine 66-Jährige soll zwei Polizisten mit einer Axt bedroht haben. (Symbolfoto) Foto: Deck

1800 Euro Geldstrafe wegen Bedrohung. Ist 66-jährige Bianca K. der Hausdrache?

Horb - Ihr südländisches Temperament ist ihr anzumerken: Mit teilweise beiden Händen fuchteln sie Richtung Dolmetscher: So präsentiert sich Bianca K. (66, Name geändert) im Amtsgericht. Ein Hausdrachen? Offenbar hat sie mit allen Nachbarn im Mehrfamilienhaus Streit.

Ganz in schwarz sitzt Bianca K. auf der Anklagebank. Wie sie redet und gestikuliert, zeigt ein Riesen-Temperament. Sehr sportlich und durchtrainiert wirkt die Rentnerin und Witwe ganz in schwarz aber nicht.

Anklage wegen zweifacher Bedrohung

Trotzdem soll sie am 18. September letzten Jahres gegen Mittag mit einer Axt auf zwei Polizisten losgegangen sein, so die Staatsanwältin. Deshalb lautet die Anklage: zweifache Bedrohung.

Der Polizeikommissar, der ihr damals direkt gegenüberstand, ist mit 33 Jahren halb so alt wie die Angreiferin mit 66. Der Polizist: "Wir wurden von Nachbarn gerufen. Im Keller haben wir Geräusche gehört. Wir haben gerufen: ›Hier ist die Polizei.‹ Sie rief: ›Lasst mich in Ruhe. Verschwindet.‹" Dann eskaliert die Situation, so der 33-jährige Beamte. "Die Tür war zu. Wir riefen mehrmals: ›Hier ist die Polizei.‹ Die Tür blieb zu. Ich zog meine Waffe, weil wir alarmiert wurden, weil eine Bewohnerin mit der Axt mit den Nachbarn gestritten hatte."

66-Jährige sieht sich selbst als Opfer

Dann öffnete die 66-Jährige die Tür: "Sie hatte die Axt über dem Kopf. Als sie die Waffe sah, ließ sie die Axt sinken. Ich steckte die Pistole ein. Dann hob sie wieder die Axt und ging einen Schritt auf mich zu. Dann setzte ich Pfefferspray ein!" Er sagt noch: "Ich bin normalerweise niemand, der ältere Menschen so behandelt."

Doch warum greift eine 66-jährige Frau, die körperlich nicht mehr ganz so fit wirkt, einen jungen, sportlichen Polizisten an, der halb so alt ist wie sie? Bianca K. – sie sieht sich als unschuldiges Opfer. Oder ist sie der " Hausdrachen"? Richter Albrecht Trick: "Sie haben mit allen Nachbarn im Haus ein Problem. Ich könnte alle Bewohner laden, aber heute geht es nur um den Fall am 28. September."

An diesem Tag, so trägt Richter Trick vor, hatte die Angeklagte die Putzfrau mit der Axt in der Hand bedroht. Sie solle aufhören, zu putzen, berichtet die Putzfrau in ihrer schriftlichen Stellungnahme. Trick zitiert: "Bianca K. schrie mich an, ich wusste mir nicht zu helfen. Dabei hatte sie ihr Beil in der Hand!"

Von der Nachbarin durchs Fenster beobachtet

Die Putzerei – sie störte die Angeklagte. Bianca K.: "Es leben vier Frauen in dem Haus. Trotzdem schickt die Hausverwaltung eine Putzfrau. Obwohl wir das selber machen könnten. Ich sehe es nicht ein, dafür 40 Euro im Monat zu bezahlen!" Sie erzählt weiter: "Ich hatte eine Nachbarin, die beobachtete mich durchs Fenster. Sie hat mir gesagt, sie wird mich im Keller umbringen. Seit 35 Jahren wohne ich im Haus – sie bedroht mich immer." Dann erzählt sie noch von einem "Riesen-Glatzkopf", der sie vor dem Haus geschubst hätte. Bianca K.: "Ich möchte meine Ruhe haben. Ich habe mit niemandem ein Problem."

Doch warum greift die Frau dann im Keller mit der Axt in der Hand einen 33-jährigen Polizisten an? Bianca K.: "Ich war im Keller, habe Holz gemacht. Da habe ich es rufen gehört und habe die Tür aufgemacht. Ich hatte Angst. Der Polizist richtete seine Pistole auf mich. Ich habe die Axt in der Hand gehabt, aber nicht benutzt. Dann sprühte er Pfefferspray, brachte mich zu Boden –­ mein ganzes Gesicht hat gebrannt." Richter Trick: "Aber wenn der Streit um die Kosten der Putzfrau geht –­ warum klären sie das nicht mit der Hausverwaltung statt mit Beil und der Putzfrau?" Sie antwortet: "Mich wollte keiner hören und mir helfen!"

Dann ist die Beweisaufnahme beendet. Die Staatsanwältin fragt noch, was Bianca K. mit ihrem Einspruch gegen den Strafbefehl bezwecken will. Die Angeklagte: "Ich wollte, dass sie mich befreien. Ich haben keinen Mist gebaut. Ich bin unschuldig."

Angeklagte gestikuliert wild

Die Staatsanwältin plädiert auf schuldig und fordert eine dreimonatige Freiheitsstrafe auf Bewährung: "Es mag sein, dass die Angeklagte an diesem Tag in einer aufgelösten Situation war. Trotz der Aufregung hat sie das Beil nicht weggelegt, sondern es zwei Mal über den Kopf gehalten." Damit habe sie den Polizisten bedroht.

In ihren letzten Worten gestikuliert sie wild mit beiden Händen und gespitzten Fingern: "Die Vorwürfe entsprechen nicht der Wahrheit. Ich hatte die Axt nicht in der Hand, der Polizist richtete seine Waffe gegen mich."

Um 10.21 Uhr verkündet Richter Albrecht Trick sein Urteil: Schuldig. 1800 Euro Geldstrafe. 60 Tagessätze à 30 Euro. Empfindlich für die Rentnerin, die mit Witwenrente nach ihren Angaben nach Zahlung der Miete knapp 900 Euro monatlich zum Leben hat. Trick: "Der Polizist als Zeuge hat die Wahrheit gesagt – daran gibt es keinen Zweifel. Sie sind ausgetickt mit der Axt im Treppenhaus. Im Keller hat sich der Beamte als Polizist zu erkennen gegeben. Mehrfach hat er gesagt, sie sollen das Beil weglegen. Er hat die Situation so bedrohlich gefunden, dass er die Waffe gezogen hat. Sie sehen es anders, das weiß ich."