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Horb a. N. Mutter bei Unfall an Bahnübergang verloren

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Horb-Mühringen/Horb-Talheim - Unbeschrankte Bahnübergänge können tödlich gefährlich sein – das denken viele Menschen nicht erst, seit der Bahnübergang nahe Talheim per Hand gesichert wird. Michael Koegst weiß das besser als die meisten. Im Alter von elf Jahren verlor er seine Mutter bei einem schrecklichen Unfall.

Wir schreiben den 2. September des Jahres 1980. Die 47-jährige Antonia Koegst ist zusammen mit ihren Kindern Michael (11) und Ingrid (10) auf dem Rückweg von Karlsruhe-Ettlingen, wohin sie ihren Ehemann zur Kur gebracht hat – der ausgerechnet an diesem Tag 40 Jahre alt wird. Das Ziel der kleinen Familie: Blumberg (Schwarzwald-Baar-Kreis). Ein Ziel, das Antonia Koegst nie erreichen wird.

Es ist 19.50 Uhr als sie den Bahnübergang Mühringen passiert – und ein heranrasender Zug das Auto der zweifachen Mutter erfasst und meterweit mitschleift. Völlig zerstört bleibt das Fahrzeug neben dem Bahngleis liegen. Unmittelbar nach diesem schrecklichen Zusammenstoß ist ein Mühringer Arzt zur Stelle. Doch seine Bemühungen um das Leben der 47-Jährigen bleiben vergebens: Minuten später stirbt Antonia Koegst am Unfallort.

Der Bahnübergang Mühringen ist zu jener Zeit noch unbeschrankt. Lediglich ein Blinklicht sichert die Stelle, wo Straße und Schiene aufeinander treffen. Warum die 47-Jährige an diesem Schicksalstag das Warnsignal übersieht, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Vielleicht, so erzählt Michael Koegsts Vater ihm später, hatte die Sonne die Ampel angestrahlt, wodurch das Blinklicht nicht mehr zu erkennen war.

Er selbst, Michael Koegst, wird bei dem Unfall schwer verletzt: Er erleidet einen Schädeltrümmerbruch, sein Gehirn wird schwer in Mitleidenschaft gezogen, das Sprachzentrum weitgehend zerstört, Teile seiner Erinnerungen gelöscht. Ein Rettungshubschrauber bringt den damals elfjährigen Jungen zuerst nach Schwenningen, dann in die Uniklinik Freiburg. Zehn Tage liegt er im Koma, während die Ärzte um sein Leben kämpfen.

Doch Michael Koegst hat Glück: Er überlebt. Die Nachwirkungen spürt er jedoch über Jahre. Ein Dozent sagt ihm später, er, Koegst, habe "eigentlich keine Feinmotorik". Und auch in Sachen Sprache, die er nach dem Unfall erst wieder erlernen muss, "funktioniert es vom Kopf bis zur Hand nicht so richtig". So stellt Sprechen für ihn zwar kein Problem mehr dar – das Aufschreiben des Gesagten allerdings schon.

Dass seine Mutter den Unfall, der auch ihn beinahe getötet hätte, nicht überstanden hat, sagt ihm zunächst niemand. Erst nach Wochen erfährt er, was geschehen ist. Auch, dass er sein Leben unter anderem seiner kleinen Schwester zu verdanken hat – die wie durch ein Wunder beinahe unverletzt blieb, seinen zertrümmerten Kopf festhielt und verhinderte, dass Michael Koegst verblutete – wird ihm erst später klar.

Das, was damals geschehen ist, lässt ihn nie ganz los

Freunde und die Schule fangen seinen Kummer in den kommenden Jahren auf. Nach einem Realschulabschluss macht Michael Koegst zunächst eine Lehre als Elektriker, absolviert dann die Fachhochschulreife, studiert schließlich an der pädagogischen Hochschule in Freiburg. Seine Fächer: Sport, Politik, Geschichte und Technik für Grund- und Hauptschule auf Lehramt. Seit rund zehn Jahren unterrichtet er an der Grund- und Werkrealschule Sulz/Vöhringen/Empfingen. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt in Rosenfeld-Brittheim.

Im Alltag merkt er von den Spätfolgen seines Unfalls im Jahr 1980 mittlerweile nichts mehr. Und doch: Das, was an jenem Bahnübergang in Mühringen geschehen ist, lässt ihn nie ganz los.

Entsprechend ärgerlich reagiert Michael Koegst, als er durch unsere Zeitung vom beinahe-Unfall bei Talheim erfährt – als vor einigen Wochen der Streckenposten, der dort seit geraumer Zeit den Bahnübergang per Hand sichert, keine Meldung über den nahenden Zug erhält und die Ampel ausbleibt. Einem Autofahrer, der gerade noch rechtzeitig von den Schienen fahren kann, hätte dies zum Verhängnis werden können.

"Die Bahn muss sich ihrer Verantwortung bewusst werden", sagt Koegst deshalb. "Es gibt Risiken, die lassen sich nicht ausschließen. Und es gibt Todesfälle. Deshalb muss man da (bei der Deutschen Bahn, Anm. d. Red.) Druck machen!" Denn, so der heute 46-Jährige: "Menschenleben kann man nicht einfach ersetzen. Die (Deutsche Bahn, Anm. d. Red.) sollen sich jetzt mal bewegen!"

Koegst hofft, dass im Fall des Bahnübergangs Talheim nicht erst etwas passieren muss, bevor sich etwas ändert.

Im Fall von Mühringen scheinen die Verantwortlichen damals nach jener Maxime gehandelt zu haben: Michael Koegst berichtet, sein Vater habe ihm erzählt, der Unfall, der dem 46-Jährigen die Mutter nahm, sei weder der erste noch der letzte an jenem Bahnübergang bei Mühringen gewesen. Heute ist dort eine Schranke angebracht.

Wann dort welche weiteren Unfälle gewesen sein könnten, lässt sich indes aber nur noch schwer herausfinden.

So verweist die Deutsche Bahn auf die Hohenzollerische Landesbahn, die für jenen Streckenabschnitt zuständig ist. Dort erklärt eine Sprecherin jedoch nur, "der Bahnübergang in Mühringen ist seit über 15 Jahren in der heutigen Form gesichert. Eine gehäufte Anzahl von Unfällen ist mir nicht bekannt. Bitte haben Sie Verständnis, dass ich Ihre Fragen nicht bis ins Detail recherchieren kann."

Muss etwas Ähnliches auch am Bahnübergang Talheim passieren?

Auch die Stadt Horb scheint Unfälle dieser Art nicht zu dokumentieren. "Leider können wir Ihre Anfrage nicht beantworten, da diese Thematik in der Zuständigkeit der Bahn liegt", heißt es dort. Und selbst Mühringens Ortsvorsteherin Monika Fuhl erinnert sich nur dunkel an einige schwere Unfälle in der Wiesenstetterstraße, als sie noch ein Kind war.

Wie oft am Bahnübergang Mühringen letztlich also wirklich etwas geschehen musste, bis dort endlich eine Schranke eingesetzt wurde, bleibt zunächst ungeklärt. Sicher ist in jedem Fall: Mindestens einmal ist etwas geschehen – mit furchtbaren Konsequenzen.

Ob etwas Ähnliches auch am Bahnübergang Talheim geschehen muss, bis sich etwas ändert – diese Frage bleibt offen. Hoffen dürfte das wohl niemand.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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