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Horb a. N. Mord in Nordstetten: Komplize war bei Tat "bekifft"

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In seinem Wohnhaus in Nordstetten war Michael Riecher im Herbst 2018 ermordet worden. Foto: Lück

Rottweil/Horb - "Das ist ja nicht zu fassen. Jetzt sitzt er vor mir." Die Schwester des Opfers schüttelt sich. Denn: Durch die geänderte Sitzordnung im Schwurgerichtssaal durch einen riesigen Drogenprozess sitzt sie direkt hinter Iyad B. Der staatenlose Palästinenser soll gemeinsam mit Mohammed O. ihren Bruder Michael Riecher ermordet haben.

Die Akademikerin ist morgens um 5 Uhr aufgestanden, aus der Schweiz angereist. Denn: Iyad B. will eine Erklärung abgeben zum Mordgeschehen. Doch sie kann die Plätze mit dem Rechtsanwalt ihrer Schwester tauschen.

Dann liest Iyads Verteidiger Wido Fischer die Erklärung des staatenlosen Palästinensers vor. Betont, dass die Erklärung persönlich von Iyad ist und dass die Verteidiger nur bei der Formulierung geholfen hätten.

"Er erzählte mir, dass es um viel Geld geht"

Der Friseur Hesham A. (Name geändert, hatte in Horb den Flüchtlingen immer die Haare geschnitten) habe den Ludwigsburger Ende Oktober angerufen: "Er sagte mir, dass es eine Gelegenheit gibt, die einmalig im Leben ist. Wir haben uns dann am gleichen Abend am Bahnhof in Stuttgart getroffen. Er erzählte mir, dass es darum geht, viel Geld durch Goldhandel zu verdienen. Ich sollte nach Horb kommen, um die Sache im Detail zu besprechen."

"O. erzählte uns seine Pläne" Er schildert den Ablauf wie folgt: Am 1. November 2018 fuhr B. dann nach Horb. Am später Vormittag war er am Bahnhof, rief den Friseur an: "Er holte mich mit einem Mann ab, das war Mohammed O. Wir sind erst mal in ein Café. Dort erzählte mir O., dass er jemanden kennt, der ihm vertrauen würde. Der hat viel Geld und Gold in seinem Tresor. Derjenige habe sogar den Tresor vor O.s Augen geöffnet.

O. erzählte dann verschiedene Pläne, wie man dem Mann das Geld und Gold abnehmen kann. Er hat überlegt, ihm eine Schlaftablette zu geben. Und dann den Tresor auszurauben. Allerdings hat die Person eine Lungenkrankheit. Durch die Schlaftablette könnte er zu Tode kommen."

Er wollte Opfer zu sich einladen

Der Friseur – der damals schon in Mannheim arbeitete –­und Iyad wollen nichts zu den Plänen gesagt haben. Dann sind alle drei zur Wohnung von Mohammed O. gefahren, so die Erklärung: "O. sprach davon, diese Person – ein guter Freund – zu sich einzuladen. Er hat ihn telefonisch aber nicht erreicht und ist zu Fuß zu Riecher. Ich habe mich zu den Plänen nicht geäußert. Der Friseur sagte mir: Er muss am nächsten Tag arbeiten und macht deshalb nicht mit."

Das hatte der Friseur ganz anders erzählt. Er hatte ausgesagt, dass er aussteigt, weil er befürchtet, dass das Überfallopfer zu Tode kommt.

"O. stellte mich Riecher mit falschem Namen vor" Iyad blieb in O.s Wohnung. Riecher hatte dem syrischen Flüchtling sein Elternhaus mietfrei zur Verfügung gestellt: "Ich schlief ein. Gegen 19 Uhr kam O. wieder zur Wohnung. Er bat mich, ihn zu seinem Auto zu begleiten. Ich bin hinten eingestiegen. Da war noch eine andere Person im Auto. O. stellt mich mit einem anderen Namen vor. Ich dachte: Das ist der Mann, der bestohlen werden sollte. Es war dunkel, ich hatte eine Mütze auf. Man konnte mich nicht erkennen, dachte ich."

"Ich wollte nicht mitmachen"

Die beiden setzten Riecher zu Hause ab. O. brachte Iyad zu einem Flüchtling, bei dem auch der Friseur übernachtete. Iyad: "Auf dieser Fahrt habe ich entschieden, dass ich nicht mitmachen wollte. Ich wollte nicht, dass der Mann ernsthaft zu Schaden kommt. Ich sagte O.: "Das mit der Schlaftablette kommt nicht in Frage. Ich wollte am nächsten Tag nach Hause fahren."

Der Friseur als auch der Gastgeber in dieser Nacht hatten ausgesagt, dass Iyad in dieser Nacht dauernd telefoniert und geschrieben hatte. Iyad: "Ich habe in der Nacht mit meinem Cousin in den USA gesprochen. Weil mein Bruder damals nicht aufzufinden war. In dieser Nacht hatte ich keinen Kontakt zu O."

Morgens im Kaufland habe er dann O. wieder getroffen: "Er hat mir gesagt: Neuer Plan. Riecher kommt nicht zu Schaden. Er schlug mir vor, dass ich in die Wohnung gehe und er mir Geld und Gold gibt. Anschließend soll ich mit der Beute fliehen. Ich willigte ein."

Ein Prozessbeteiligter sagt hinterher: "Das klingt doch ziemlich unglaubwürdig. Spätestens in diesem Moment könnte bei Iyad auch eine Tötungsabsicht ins Spiel gekommen sein, um den Überfall zu vertuschen. Weil ihn das Opfer am Abend vorher gesehen hat. Deshalb hat das Gericht auch Iyad wegen Mordes angeklagt."

"In Horb rumgetrieben und mehrere Joints geraucht"

Der Friseur setzte sich mit seinem Gastgeber in den Zug nach Mannheim. Iyad blieb in Horb. Er erklärt weiter, dass O. nach dem Treff im Kaufland weggefahren sei. Iyad: "Ich habe mich in Horb rumgetrieben, mehrere Joints geraucht. Um 18.30 Uhr hat O. mich vom Bahnhof abgeholt. Ich war ziemlich bekifft. Er fuhr mich zur Wohnung, erklärte, dass die Hintertür immer offen ist. Er beschrieb mir den Weg durch den Garten. Riecher ist da, weil im Büro Licht brennt. Ich soll warten, bis er in die Wohnung kommt und dann sagen: Gib mir das Gold und das Geld. Ich trug Wintermantel und Mütze. Ich dachte, Riecher erkennt mich nicht wieder."

Der Palästinenser will dann in die unbeleuchtete Wohnung gegangen sein. Zehn Minuten später hörte er, wie sich die Tür öffnete und das Opfer den Wohnbereich betritt: "Ich trat aus der Küche, legte meinen Finger auf die Lippen. Er ging weg und schrie. Ich hielt ihm den Mund mit der Hand zu. Er biss mich in den Ringfinger. Ich brachte ihn zu Boden. Riecher gab den Widerstand auf und signalisierte, er ist bereit, mir alles Geld zu geben. Er ging ins Schlafzimmer und wirkte müde."

"Riecher fragte: Kennst Du O.?"

Dort brachte Iyad ihm ein Glas Wasser: "Ich habe um 18.45 Uhr die Wohnung betreten. Ich wollte O. zweimal anrufen, das alles klappt. Das Gespräch kam nicht zu Stande. Auf dem Rückweg von der Küche hörte ich die Terrassentür. Riecher hörte das auch. Er fragte mich: Kennst Du O.? Ich maß dem keine große Bedeutung zu. Ich war überzeugt, dass er mich nicht näher identifizieren kann. Zu meinem Erstaunen traf ich O. in der Küche. Ich fragte ihn, was er hier macht. Ich vermute, dass er Angst hatte, dass ich allein mit der Beute verschwinde. Ich sagte ihm, er soll sich in der Küche verstecken. Sobald ich das Geld bekomme und Riecher im Schlafzimmer eingesperrt habe, können wir die Wohnung verlassen."

Der –­ zu diesem Zeitpunkt noch – Räuber geht zurück ins Schlafzimmer und sagt Riecher: "Ich habe nichts festgestellt. Er kann mir das Geld geben. Wir gingen ins Büro. Er gab mir 3000 Euro aus der Geldkassette. Ich steckte es in die Hosentasche und sagte: "Gib mir dein ganzes Geld." Er sagte: "Der Rest ist in meiner Wohnung. Er ging vor mir, ich war zehn Meter hinter ihm. Als ich im Begriff war, die Tür zu schließen, kam O. aus der Küche. Er brachte Riecher im Flur zu Fall. Ich war perplex und geschockt. Verwirrt. Ich verstand das Ganze nicht. Ich konnte mich vor Angst nicht rühren."

Der Komplize will im Wohnzimmer geblieben sein, sagt: "Was im Flur passierte, konnte ich nicht genau einsehen. O. hatte ihn von hinten mit beiden Händen gepackt. Er hielt ihm den Mund zu. Ein bis zwei Minuten. In meinem Kopf war Chaos –­ ich konnte keinen klaren Gedanken fassen."

War Riecher bewusstlos oder schon tot?

Der nach seinen Aussagen bekiffte Täter erklärt weiter: "Warum O. das gemacht hat? Das Riecher ihn erkannt hat, kann ich heute nicht bestätigen. Ich meine, dass am Tatort nur über die Blutspuren am Hemd gesprochen wurde. O.: ›Das müssen wir ihm ausziehen.‹ Er machte es. Ich kann nicht sagen, ob Riecher bewusstlos oder tot war. Wir beide haben nicht den Puls gefühlt."

Um 19.45 Uhr – so die Erklärung von Iyad – haben beide die Wohnung verlassen: "Wir haben nicht weiter gesucht. Vorher fragte O. noch, ob ich das Geld habe. Ich zeigte ihm die 3000 Euro. Im Auto sagte O, dass er wütend auf Riecher war. Weil der eine Beziehung mit seiner Ehefrau wollte."

Am Bahnhof hat O. dann Iyad das Geld aus der Tasche gezogen und geteilt. Iyad: "Er sage mir, dass er noch zurück zum Haus geht und alles in Ordnung bringt."

Zwei Tage nach der Tat habe der Friseur Iyad angerufen: "Ich hatte dann kurz Kontakt mit O. Er sagte mir, das er gehört hat, dass der Mann an einem Herzinfarkt gestorben ist. Bis heute frage ich mich: Was habe ich gemacht? Ich wollte niemals, das Herr Riecher stirbt. Es vergeht keine Nacht, in der ich mir nicht wünsche, das alles wäre nicht geschehen! Dass O. zum Überfall dazukam, war nicht vorhersehbar. Vor allem, dass er Riecher körperlich angreift! Ich hätte mich niemals überreden lassen sollen, ihn auszurauben. Ich weiß auch, dass eine Entschuldigung es nie wieder gutmachen kann."

Trotzdem entschuldigt sich der Palästinenser in seiner Erklärung bei den Hinterbliebenen und erklärt sein Beileid.

Mehr zum Mord in Nordstetten auf unserer Themenseite.

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