In der Corona-Krise stieg die Nachfrage nach regionalen Produkten an. Foto: © Marco2811 – stock.adobe.com

Sorgen um die Ernte. Land finanziert Kampagne. Landwirt möchte in Landtag.

Horb - Das ist ein kleiner Landwirtschaftsgipfel auf dem Hof von Gerhard Fassnacht in Altheim: Können die Landwirte durch das verstärkte Regionalitäts-Bewusstsein eine bessere Ernte einfahren?

Kö 23-Wirt Bernd Rausch hatte es Anfang Mai, als die Gastronomen wieder aufmachen durften, so gesagt: "Nicht nur wir Gastronomen sind betroffen, sondern auch Zulieferer, Getränkehändler und Brauereien. Sie brauchen uns und unsere Öffnung, damit wir einen kleinen Teil zu ihrem Bestehen beitragen können. Wir müssen unsere regionalen Anbieter stützen."

Land finanziert Kampagne

Dazu gehören natürlich auch die Landwirte. Egal, ob es Stefan Schäfer in Betra ist, der Biohof Wehle in Grünmettstetten oder Fassnacht in Altheim.

Alle drei stehen jetzt vor Bannern des Landes. Das Motto: "Natürlich von daheim!" Finanziert vom Land Baden-Württemberg.

Fassnacht: "Das Land hat diese Werbeaktion mitten im Lockdown gestartet. Vor dem Hintergrund, dass die regionale Lebensmittelversorgung vor Ort bei den Menschen an Ansehen gewonnen hat. Und wir haben das Gefühl, dass das funktioniert hat."

Stefan Schäfer aus Betra, der auf Milchviehhaltung und Getreide setzt: "Früher haben dir viele, wenn du zum Feld gefahren bist, den Stinkefinger gezeigt. Inzwischen winken dir die Menschen zu. Und als ich das Banner für mein Hühnermobil in der Nähe des Rathauses aufgehängt habe, haben mich die Leute darauf positiv angesprochen!"

Krise lockt Menschen in Hofladen

Martin Wehle vom Bio-Hof in Grünmettstetten: "Als das Mehl knapp wurde in den Supermärkten, hat uns das völlig neue Leute in den Hofladen gebracht. In den letzten drei Monaten ist dort deutlich mehr gegangen. Die Menschen schätzten die regionalen Produkte mehr!"

Das freut natürlich auch Reinhard Gaiser, Vize-Landrat vom Landkreis Freudenstadt: "Es freut mich, dass Corona und die Folgen hier offenbar bei den Konsumenten etwas bewegen. Bisher hatten wir den Eindruck, dass - trotz unserer Bemühungen mit der Hofladen-Broschüre - das Thema Direktvermarktung noch nicht so richtig angekommen ist. Wir hoffen natürlich, dass nicht nur die ›Marktfee-App‹ mit allen regionalen Anbietern das Thema voranbringt, sondern auch das veränderte Bewusstsein der Menschen." Der erste Landesbeamte fügt hinzu: "Wenn das landwirtschaftliche Produkt zum Verarbeiter in der Region gefahren wird, spart das natürlich auch CO2".

Landwirtschaft bedeute aktiven Naturschutz

Denn: Auch die Direktvermarktung stützt die Landwirtschaft, so Gaiser: "Von meinem Opa weiß ich, dass Landwirtschaft auch Landschaftspflege und aktiven Naturschutz bedeutet. Das ist enorm wichtig für unseren Landkreis. Wir sind dankbar für jeden Landwirt, der das noch macht!"

Gerhard Fassnacht weist noch auf das Treffen mit Baden-Württembergs Dehoga-Präsidenten Fritz Engelhardt im Hotel Schwanen in Kälberbronn hin: "Dehoga hat auch erkannt, wie wichtig gepflegte Landschaften für Touristen sind."

Hand aufs Herz –­ wie regional sind denn unsere drei Landwirte? Wehle: "Ich setze als Nebenerwerbslandwirt hauptsächlich auf den Direktvertrieb. Die Gaststätten vor Ort nehmen uns auch Kartoffeln ab." Klartext: Wer in seinem Hofladen Kartoffeln kauft – die sind in Grünmettstetten geerntet.

Fassnacht: "Alle meine Schweine verkaufe ich an die Metzgereien hier in der Region!" Und aus seiner Milch hat er inzwischen sogar Rohmilchkäse im Angebot. Fassnacht schmunzelt: "Den wollte ich schon im Gemeinderat mal zur Verkostung mitbringen. Aber wegen des Corona-Schutzes ist das im Moment schwierig!"

Milch für Discounter-Käse

Schäfer: "Ich liefere inzwischen meinen kompletten Raps an die Ölmühle Brändle in Empfingen." Und er freut sich darauf, dass seit kurzem "Mein Landkäse" im Aldi-Regal liegt. Schäfer: "Mein Betrieb ist gelabelt vom Tierschutzbund. Ich bin in einer Kooperation mit vierzig Milcherzeugern im Süden. Wir liefern jetzt die Milch für den ersten Discounter-Käse, der unter "Fair und gut" das Tierschutzlabel des Tierschutzbundes tragen darf!"

Sein eigener Käse aus Betra war mal zeitweise im Kaufland im Regal: Schäfer: "Leider schafft man es als einzelner schwer, die notwendige große Menge herzustellen."

Ernte bereitet Sorge

Damit sind wir mitten im Vertriebsthema. Und die aktuelle Ernte bereitet den drei Landwirten etwas Sorge.

Fassnacht und Schäfer haben eine Sorge: "Bei vielen Menschen ist das Thema Getreideernte im Bewusstsein. Für uns in der Tierhaltung ist das Futter existenziell. Und da hat die Trockenheit dazu geführt, dass wir hier bisher 20 Prozent weniger Futter haben."

Schäfer: "Ich habe schon bei den Jungbullen Tiere verkauft, weil die Weide das Gras für alle Tiere gar nicht mehr hergegeben hat. Ohne die Reduzierung des Bestands wäre es dann schwierig, die Kriterien für Weidemilch einzuhalten. Wenn es weiterhin nicht regnet – wo bekomme ich dann das Futter her?"

Wehle hat gerade morgens das Gemüse auf seinem BioHof noch mal gewässert: "Da muss man schon frühmorgens ran, damit das was wird in diesem Jahr mit dem Gemüse und den Kartoffeln."

Die Landwirte sind gerade in den Startlöchern für die Gerste-Ernte. Schäfer zeigt ein Foto aus seinem Handy: Eine Gerstenähre. Unten die Körner sind zur Hälfte grün, darüber wird es gelb bis in die Ährenspitzen.

Hohe Einbußen bei Ernte

Fassnacht: "Das ist die Laternenkrankheit. Das hatten wir hier noch nie. Das Korn ist leer durch Frost."

Auf seinen Äckern hat er noch ein Phänomen beobachtet: "Durch das teilweise extrem heiße Frühjahr sind die Seitentriebe der Gerste verbrannt. Als es dann geregnet hat, sind die dann nachgewachsen. Jetzt haben wir das Phänomen auf den Feldern: Die Seitentriebe außen sind grün, innen sind die reifen Ähren. Die bekommt man nicht vernünftig geerntet."

Fassnacht rechnet allein wegen der Seitentrieb-Problematik mit 20 Prozent weniger Ertrag bei der Gerstenernte. Durch die Laternenkrankheit könnte der Ertrag sogar weiter sinken. Kollege Schäfer: "Gerade bei Bondorf gibt es starke Schäden. Hier sind sogar Einbußen zwischen 30 und 50 Prozent möglich!"

Landwirt möchte in den Landtag

Die Landwirtschaft im Landkreis Freudenstadt. Derzeit zittert sie um die Ernte. Fassnacht hofft, dass er in genau einer Woche auch eine gute politische Ernte einfahren kann: Dann kürt die Kreis-CDU ihren Landtagskandidaten in der Täleseehalle in Empfingen. Fassnacht ist einer der drei Bewerber. Deshalb gibt es am Schluss des Landwirtschaftsgipfels auf seinem Hof noch einen kleinen Werbeblock: "Es wird Zeit, dass jemand in den Landtag kommt, der Landwirt ist!"

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: