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Horb a. N. Frevel mit langem künstlerischen Nachspiel

Von
Heimatforscher Franz Geßler vergleicht den alten Kopf der Bildechinger Pieta mit dem des heutigen Kunstwerks. Fotos: Geßler Foto: Schwarzwälder-Bote

Bildechingen gibt zur 1250-Jahr-Feier ein Heimatbuch heraus. Geplant ist die Veröffentlichung zur Ortsgeschichte im Juli 2018. Mehrere Autoren arbeiten bereits mit Hochdruck an ihren Themen. Ein kleiner Beitrag zu den Kunstwerken in der Marienkirche wird hier veröffentlicht.

Horb-Bildechingen. Ursprünglich war es um die Bildechinger Pieta, die bedeutendste Sehenswürdigkeit der Marienkirche, nicht gut bestellt. Sie war einstmals ohne Kopf und teilzerstört aufgefunden worden. Im Atelier des Johann Nepomuk Meintel wurde der Maria deshalb nach dem damaligen Zeitgeschmack ein neues Haupt geschnitzt. So konnte die Plastik in dessen neuem Hochaltar 1865 aufgestellt werden. Damit hatte das edle Stück christlicher Kunst nach einer über ein halbes Jahrtausend währenden Odyssee, die im Dunkel der Geschichte verborgen ist, wieder einen würdigen Platz erhalten. Erst Jahrzehnte später nach der Meintelschen Restaurierung erkannten Kunstexperten die Einmaligkeit des gotischen "Vesperbildes", welches damals völlig falsch eingeschätzt wurde oder keine Beachtung fand. Man beanstandete die unschön bemalten Figuren der Maria mit dem Leichnam Christi auf dem Schoß. Vor allem galt die Kritik dem stilwidrig geschnitzten Kopf der Maria. Erst im Jahr 1944 wurde dem Bildhauer Wilhelm Klink die Aufgabe der Umgestaltung von Meintels Restaurierung übertragen. Nun war es das dritte Mal, dass die Mutter Gottes ein neues Haupt bekommen sollte.

Was geschah aber vor der Restaurierung? Die Ortslegende berichtet darüber: "Ein Bauer hat beim Pflügen ein Seufzen aus einer Brunnenstube vernommen. Er folgte dem Geräusch und fand die zerstörte Pieta in der Brunnenstube." Weiterhin heißt es, dass die Schweden für diese Schandtat an dem Vesperbild verantwortlich seien. Nun – das Bildechinger Kunstwerk ist aus Alabaster. Dieser Stein kommt als eine Art des Gipses oder als Kalkalabaster in der Natur vor. Weil er nicht wasserfest oder gar feuchteresistent ist, muss die Legende wohl angezweifelt werden; es sei denn, besagter Bauer hätte die Figur kurz nach dem Sturz aus der Brunnenstube gerettet? Dann wäre das in vielen Geschichten steckende Körnchen Wahrheit bestätigt. Jedenfalls könnte heute anhand einer kleinen Alabasterprobe der Herkunftsort des besonderen Steins nachgewiesen werden. Bekannterweise findet man dieses Mineral in den Alpen Norditaliens. Dort waren, wie übrigens auch in Bildechingen, die Benediktiner zu Hause. Nicht unmöglich ist es deshalb, dass über diesen Orden überregionale Beziehungen der Klöster untereinander bestanden haben. Eine Auslandsbestellung der Klosterbrüder vom Kniebis (und wenn es sich nur um den in Italien vorkommenden Steinblock gehandelt hatte) ist deshalb nicht von der Hand zu weisen. Jedenfalls passen das geschätzte Alter der Pieta um 1410 und die nachgewiesene Bauzeit der Marienkirche exakt zusammen. Die (ziemlich erfolglose) Spurensuche verschiedener Kunsthistoriker, die sich mit dem Meister der Pieta von Bildechingen beschäftigt haben, hätte möglicherweise eine andere Richtung genommen oder die Lösung wäre gefunden worden?

Begeben wir uns wieder in die heimatlichen Gefilde. Die beiden Restauratoren der Pieta, Meintel und Klink, entstammten der Horber Bildhauerschule. Johann Nepomuk Meintel war ihr Begründer, Wilhelm Klink einer ihrer letzten Vertreter. Beide waren in ihrem Metier anerkannte Größen. Wie es dann sein konnte, dass dem verdienten Johann Nepomuk Meintel von den Kunsthistorikern solch ein schlechtes Zeugnis für seine Arbeit ausgestellt wurde, soll uns jetzt beschäftigen.

Meintel, der erste Restaurator des Bildechinger Vesperbildes, war denkmalschützerisch nicht sensibilisiert. Als Unternehmer und Altarbauer hat er zeitüblich die neuen Werke seines Ateliers und des Historismus den alten Originalen vorgezogen. Es gibt genügend Beispiele, wo Meintels Altäre die vorhandenen Originale verdrängten – und dies ohne eine (heute vorgeschriebene) Befundaufnahme für die Nachwelt zu hinterlassen. Insofern kann man von Glück reden, dass die Pieta die damalige "Bilderstürmerei" überlebt hat und nicht "entsorgt" wurde. Immerhin hat Meintel die Figur in den Mittelpunkt seines Altars gestellt. Allerdings ist er in keiner Weise bei ihrer Neugestaltung auf das Typische der gotischen Skulptur eingegangen. Die neuen Formen wirkten fast stereotyp, der Alabaster wurde mit einer zum Altar und den übrigen Heiligenfiguren passenden Farbe überstrichen. Mit dem neuen Kopf der Maria war die Identität des Kunstwerks weitestgehend verloren gegangen.

Völlig anders war die Vorgehensweise bei der letzten Überarbeitung der Pieta von Wilhelm Klink. Er erkannte und würdigte die gotische Formensprache, und auf der Suche nach einem historischen Vorbild entdeckte er tatsächlich eine sehr ähnliche Skulptur aus derselben Zeit. Ein Foto von ihr erschien in einer 20 Jahre alten Broschüre (!) zum Berliner Museum beziehungsweise den Preußischen Kunstsammlungen. Nach dem nur zwei Zentimeter großen Kopf der Maria auf dem Bildchen schuf Klink eine der Vorlage zwar angelehnte, jedoch eigenständige Physiognomie des Antlitzes, wobei er gleichzeitig den Faltenwurf des Kopfschleiers glaubhaft veränderte. Abgesehen von der Ergänzung des rechten Christusarmes, der Entfernung des stilwidrigen Anstrichs lasierte er die neu geschnitzten Teile so meisterhaft, dass zum Alabaster des Originals kein Unterschied besteht. Damit ist Wilhelm Klink, ohne dass er das Bildechinger Original kannte, eine dermaßen überzeugende Renovierung gelungen, dass ein Kritiker darüber schrieb: "Die Kunst des Restaurators ergänzt das Bild so vollkommen, dass wir vor ihm fühlen, was der Künstler sagen wollte und was die italienische Bezeichnung Pieta wiedergibt: Mitleid."

Abschließend sollte aus dem Kirchenführer von 1995 noch zitiert werden: "Die Bildechinger Pieta ist das einzige großformatige Vesperbild aus Alabaster, das sich aus der Zeit um 1400 erhalten hat." Die zweite Alabasterfigur dieses Typus nämlich, die Wilhelm Klink als Vorlage diente, ist den Bomben des Zweiten Weltkriegs in Berlin zum Opfer gefallen.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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