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Horb a. N. Droht Neckarstadt die Überalterung?

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Droht Horb die Überalterung? Die jüngsten Zahlen lassen aufhorchen. (Symbolbild) Foto: dpa

Horb - Schock-Zahlen für Horb: Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der Jungen um 16 Prozent abnehmen. Die der Alten verdreifacht sich. Und die Menschen zwischen 21 und 65 Jahre, die aus ihren Steuern die Kita, Schule oder auch die Pflege bezahlen, sinkt um 16,6 Prozent.

Ulrich Bürger vom Landesjugendamt KVJS (Kommunalverband für Jugend und Soziales, Stuttgart) gilt als einer der Demografiexperten des Landes. Im Horber Kloster sagt er auf Einladung von Arbeiterwohlfahrt, Caritas, katholische Erwachsenenbildung und Projekt Zukunft, was der sogenannte demographische Wandel –­ also die "Überalterung" der Gesellschaft –­ für Horb bedeutet.

Zahlen-Problem in Horb

Bürger: "Für das Land gibt es eine aktuelle Bevölkerungsfortschreibung aus dem Februar 2019 vom statistischen Landesamt, für Horb leider noch nicht. Hier gibt es nur Zahlen aus der letzten Fortschreibung von 2012. Hier dürften die Zahlen durch die Flüchtlingswelle und andere Faktoren etwas günstiger werden. Dennoch ist der Trend für Horb klar." Und der ist dramatisch.

Bürger macht das ganz große Problem an den Landeszahlen deutlich. Zwischen 2020 und 2030 wird es in Baden-Württemberg den großen Umbruch geben. Bis zum Jahr 2020 bleibt alles relativ konstant: Die Zahl der Jungen bis 21 Jahre bleibt bei rund 20 Prozent. Die der "arbeitenden Bevölkerung" zwischen 21 und 65 Jahre bleibt bei etwa 59 Prozent. Die der Alten über 65 Jahre bei knapp 20 Prozent. Das heißt: Aus den Steuern, Gebühren und Abgaben von 100 Menschen der "arbeitenden Bevölkerung" müssen 68 Senioren und Jugendliche bis 21 Jahre finanziert werden. Bürger nennt diese Quote den Versorgungsgrad.

Im Jahr 2030 bleibt der Zahl der Jungen relativ konstant mit 20 Prozent, aber die Zahl der Alten steigt auf 24 Prozent. 100 Mitglieder der arbeitenden Bevölkerung müssen dann 81 (!) Jugendliche und Alte finanzieren.

Horber Trend

Das gilt für das Land. In Horb ist der Trend –­ Basis: 2012 – noch dramatischer: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen unter 21 Jahren sinkt um 16 Prozent (Landesdurchschnitt: leichte Steigerung um 0,2 Prozent). Die Zahl der Alten steigt sogar um 36 Prozent (Landesdurchschnitt: plus 3,8 Prozent.

Zwar betont Bürger, dass diese Zahlen aufgrund statischer Ungenauigkeiten mit Vorsicht zu betrachten sind. Aber die Botschaft ist klar: Horb bekommt in den nächsten Jahren eine Verdreifachung der Menschen über 65, bei den Kindern und Jugendlichen bis 21 droht ein dramatischer Verlust.

Noch schlimmer für Horb: Der Anteil der 15- bis 18jährigen –­ also die, die ausbildungsfähig sind oder im Abitur stecken, sinkt bis zum Jahr 2030 um knapp 30 Prozent. Die Bevölkerung zwischen 18 und 21 (Start des Studiums, Geselle) sinkt sogar noch mehr – um 35 Prozent. Diese ziehen dann eher weg aus Horb. Dafür steigt die Zahl der Kleinkinder unter sechs Jahren um fünf Prozent.

Verteilungskampf

Bürger: "Das hat natürlich klare ökonomische Auswirkungen. Nicht nur, weil sich ein Verteilungskampf klar abzeichnet: Immer weniger Steuerzahler sollen immer mehr Junge und Alte finanzieren. Das heißt aber auch: Es kommt vor Ort darauf an, dass kein Kind mehr verloren gehen darf."

Das heißt konkret: Die Qualität der Bildung in Kita und Schule müsse weiter erhöhen. Ganztagesbetreuung, damit möglichst jeder, der kann, auch arbeiten geht und Steuern und Sozialabgaben zahlt.

Aber auch, weil durch eine gute Bildung – zu der laut Bürger auch Vereine gehören – eine "Form der Verwurzelung" in der Heimat bei den Jugendlichen schaffen. Der Experte sagt: "Damit die Jugendlichen das Gefühl bekommen, nach dem Studium oder der Ausbildung will ich wieder zurück nach Horb oder hier bleiben."

Welche Rolle spielt der Trend zu den Schwarmstädten? Also die Tatsache, dass immer mehr Jugendliche in Städte wie Berlin, Hamburg oder Stuttgart ziehen, weil sie hier in ihrer Altersgruppe noch die Mehrheit stellen oder zumindest das Gefühl haben, mit genügend Menschen ihrer Altersgruppe Party machen zu können?

Rückschwapp-Effekt

Bürger: "Das ist ein Trend seit den 90er-Jahren. Weil das Wohnen in den Städten immer teuer wird, gibt es aber einen Rückschwapp-Effekt. Erst in die erste Zone rund um die Stadt. Dort wird das Wohnen dann auch teuer. Dann schwappen die Menschen in die nächste Zone. Deshalb ist eine exzellente regionale verkehrliche Anbindung so wichtig. Daher kämpfen die Kreispolitiker derzeit so vehement um die Infrastruktur wie beispielsweise neuen Bahnlinien."

SPD-Fraktionschef Thomas Mattes will wissen, wie man wirklich jedes Kind erreichen kann. Weil es in Deutschland, wie Bürger auch sagte, immer noch so ist, dass die soziale Herkunft über den Bildungsgrad der Kinder entscheidet.

Investitionen in Bildung

Bürger antwortet: "Diese Versäumnisse sind nur langfristig wieder aufzuholen. Meiner persönlichen Meinung nach geht das nur mit einer verbindlichen, verpflichtenden Ganztagsschule. Als Lebens- und Lernort. Also – nicht nur pauken. Wo die Kinder dann nach Schulschluss gegen 16 Uhr auch keine Hausaufgaben mehr zu erledigen haben. Wenn ich und meine Frau schon bei meinen Kindern einige Zeit zur Einarbeitung benötigen, um unseren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, wie sollen das sogenannte bildungsferne Eltern schaffen?"

Die Botschaft von Bürger ist klar: Gerade weil in Horb ein Rückgang der Kinder und Jugendlichen unter 21 droht, muss umso mehr in Jugendhilfe, Bildung und Kinderbetreuung investiert werden. Weil der Trend sich nicht verbessert. Im Jahr 2060 soll die Zahl der unter 21-Jährigen im Land auf 18,8 Prozent sinken. Und: 100 Menschen aus der arbeitenden Bevölkerung in Baden-Württemberg müssen dann 94 Alte und Kinder aus ihren Steuern versorgen. Ein Trend, der in Horb möglicherweise noch dramatischer wird.

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