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Horb a. N. Drohender Handwerkermangel

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Andreas Haigis (von links), Jens Brandenburg und Ann-Kathrin Ebel bei der Diskussion zum Thema Berufsbildung 4.0 Foto: Lück

Horb - Das wird eins der brennenden Zukunftsthemen. Da ist sich Jochen Lindner, Leiter der Berufsschule Horb, sicher: "Bald wird man nicht nur eine Krankenversicherung brauchen, sondern eine Handwerkerversicherung. Weil die Leistungen bald nicht mehr bezahlbar sind."

Eigentlich war das Thema "Berufsausbildung 4.0 –­Fachkräfte für die digitalisierte Arbeit von morgen?" Die Diskussion der Friedrich-Naumann-Stiftung im Projektraum 42 von Holger Zimmermann dreht sich vor allem um den drohenden Handwerkermangel. Und die vielen Vorurteile, die dazu führen, dass es kaum noch qualifizierte Bewerber für die Azubi-Stellen im Handwerk gibt.

Andrea Haigis – selbst Rechtsanwältin – und Geschäftsführerin von Eugen Sieber Bau aus Dettingen, spricht erst mal Klartext in Sachen Finanzen. Haigis: "Als ich mein zweites Staatsexamen hatte, habe ich mein erstes Jobangebot bekommen: 2500 Euro brutto, 48 Stunden Arbeitszeit pro Woche, Überstunden erwünscht, 24 Tage Jahresurlaub. Und die Aussicht, später am Umsatz der Kanzlei beteiligt zu werden. Ich bin stolz nach Hause gegangen. Mein Vater hat nur gelacht: ›Auf dem Bau verdienst du mehr. Du arbeitest weniger Stunden, hast mehr Urlaub und bekommst auch noch Weihnachts- und Urlaubsgeld.‹"

Einstiegseinkommen deutlich höher, als das der meisten Akademiker

Jens Brandenburg, Bildungsexperte der Bundes-FDP und Mitglied der Enquete-Kommission: "Das Einstiegseinkommen und Lebensarbeitskommen von Handwerkern ist deutlich höher, als das der meisten Akademiker."

Er war gekommen, um in Horb neue Impulse für die Enquete-Kommission für die berufliche Bildung zu bekommen. Er sagt: "Wir sind 19 Abgeordnete und 19 Sachverständiger. Wir sollen Handlungsempfehlungen für die zukünftige Regierungsperiode erstellen. Wenn die einstimmig sind, wird das auch umgesetzt."

Fakt ist, so Brandenburg: Deutschlands System der Ausbildung mit Arbeit im Betrieb und Berufsschule ist vorbildlich in ganz Europa. Doch der Nachwuchs studiert lieber, als eine Berufsausbildung zu machen.

Aber woran liegt das? Haigis: "Als Mutter bekomme ich mit, dass ein Kind oft als Aushängeschild der Eltern gesehen wird. Das Kind ist ein Projekt, das erfolgreich sein muss. Deshalb wird die Berufsausbildung immer mehr diskreditiert. Das Handwerk wird oft als Auffangbecken von nichtsnutzigen Jugendlichen gesehen."

Und die Jugendlichen, die sich als Azubi bewerben, sind oft ungeeignet. Haigis: "Da kommen Bewerbungen, die stinken nach Rauch und haben Kaffeeflecken. Im Bewerbungsgespräch sitzt dann ein kaugummikauender, unmotivierter Jugendlicher vor einem. Wenn ich Fragen stelle, antworten die Eltern. Wenn er geht, kommt die erste Frage von ihm: Was kriege ich an Geld und Urlaub?"

Und die Fachkräfte bei Sieber-Bau werden immer älter, so Haigis: "Mir graut schon davor, wenn die in Rente gehen. Weil ich keine Nachfolger finde. Und weil das so ist, werden die Handwerker-Preise steigen. In ein paar Jahren werden die wenigen Handwerker mehr als so mancher Manager verdienen, weil sie so dringend gebraucht werden."

Doch es gibt (noch) Ausnahmen. Wie beispielsweise Ann-Kathrin Ebel. Sie sagt: "In meiner Schulzeit war ich Schülersprecherin. Deshalb habe ich ein Faible entwickelt, Veranstaltungen zu machen. Nach dem Abi habe ich ein Praktikum bei Chimperator gemacht (unter anderem im Management von Cro oder die Orsons). Dann habe ich die Absage zum Studium an der Pop-Akademie bekommen. Mein Chef hat mir mit 19 zwei Angebote gemacht: Ich könnte seine persönliche Assistentin werden oder eine Ausbildung machen. Ich habe die Ausbildung gewählt –­ weil ich dann unabhängig bin. Das fand ich total klasse, weil es so praxisorientiert ist."

Inzwischen arbeitet sie im Tourmanagement von Chimperator und hat ein Studium an der Hochschule der Medien in Stuttgart angefangen: "Da sieht man vor Ort, was in die Hochschule für Geld investiert wird und wie wenig in die Berufsschulen."

Dann startet die Diskussion. Peter Woikowski fragt, ob die Berliner Politik weiter auf den Akademiker-Zuwachs setzt. Brandenburg: "Da gibt es noch ein paar bei den Grünen. Dabei wird Deutschland immer mit Europa verglichen bei den Akademiker-Raten. Vergessen wird dabei, dass es bei uns die hervorragende berufliche Bildung gibt, die im Ausland oft durch Studien ersetzt werden."

Haigis: "Im Ländle haben wir das Problem, dass viele Gymnasien die Azubi-Botschafter gar nicht rein lassen." SPD-Stadtrat Benjamin Breitmaier: "Meine beiden Brüder haben die Berufsausbildung gemacht. Der ältere verdient das dreifache von mir. Ich bin der einzige Akademiker – und ich nage am Hungertuch im Vergleich mit meinen Brüdern."

Doch warum ist die Berufsausbildung, die offenbar zu einem guten Gehalt führen kann, so unbeliebt? Berufsschulleiter Jochen Lindner: "Wer als junger Mensch in das Handwerk geht, geht in ein System, wo man ihm was sagt. Es herrscht offenbar die Angst, dass man als Azubi zum Spielball von seinem Chef wird – der teilweise auch noch Akademiker ist."

Haigis: "Es muss das Verständnis da sein: Wenn ich arbeite, arbeite ich. Es wird zu viel geredet oder am Handy gespielt und nicht gearbeitet. Fakt ist aber auch: Wir hatten eine Azubine. Die Jungs, die am Stammtisch echt Sprüche machen, haben sich zusammengerissen und sie toll unterstützt."

Das sind die wichtigsten Schlaglichter der Diskussion: Die Helikopter-Eltern, die ihr Kind als Projekt sehen, und eine Bildungspolitik, die eine falsche Richtung vorgibt.

Und was nimmt Brandenburg aus Horb für die Enquete-Kommission mit? Der Abgeordnete: "Digitalisierung war im Titel der Diskussion. Ich denke, bei der Berufsausbildung müssen wir uns nicht so sehr auf die Hardware konzentrieren, sondern die digitale Technik nutzen, um die Zielgruppe der Eltern zu erreichen."

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