Christiane Müller schreit aus Leibeskräften – und hilft somit, eine geschichtliche Frage zum Luziferturm zu beantworten. Foto: Lück Foto: Schwarzwälder Bote

Geschichte: 107 Dezibel beweisen: Bei der Hexenfolter ist der Luziferturm unschuldig

Christiane Müller stellt sich auf im Luziferturm. Atmet noch mal tief durch. Ein markerschütternder Schrei. Die Umstehenden halten sich die Ohren zu. Stefan Auditor hebt den Daumen: "107 Dezibel!" Das spektakuläre Schrei-Experiment – es beweist, dass ein Kapitel Horber Geschichte neu geschrieben werden muss.

Horb. Es ist Sonntagmorgen, 9 Uhr. Die Polizei ist informiert, das Rathaus auch. Franz Geßler ist ganz aufgeregt – denn endlich ist die Stunde gekommen, in der er beweisen kann, dass die Hexen zwar im Luziferturm gesessen haben. Aber dass der Folter-Keller ganz woanders war.

Nach und nach trudeln Pina Bucci und ihre Truppe ein. Stefan Auditor schleppt Lautsprecher und Verstärker an den dicken Mauern vorbei nach oben. Hier steht ein Schild: Luziferturm – ehemaliges Hexengefängnis.

Doch stimmt das wirklich? Heimatforscher Franz Geßler liest noch einmal aus den Prozessakten von vor über 400 Jahren vor: "Am Fasnetsmontag 1605 wurde Christina Rauscher gefoltert. Der Schrei konnte auf dem Marktplatz gehört werden."

Saß die "Hexe" damals im Luziferturm? Dort, wo die Zelle 1984 von Architekten des Landesdenkmalamtes wiederentdeckt wurde, hat Stefan Auditor seine Audio-Anlage aufgebaut. Sven Bantleon, der mit seinem Bruder Markus hier das Restaurant Luziferturm betreibt, macht das Fenster auf.

Auditor lässt schon die ersten Schreie vom Band. Reflexartig halten sich die fünf Schauspielerinnen die Ohren zu.

Geßler geht mit zwei Ohrenzeugen – neben dem Schwabo-Reporter – nach unten. Am Hohen Giebel vorbei, den Weg hoch. Immer wieder fragt er: "Hört man noch den Schrei?"

Es regnet, links rauscht der Neckar den Wehr runter. Trotzdem: Schon hinter dem hohen Giebel Richtung Kakteengarten ist der markerschütternde Schrei ziemlich leise. An der Kreuzung zum Sommerhaldeweg ist er gerade noch so zu hören. Oben – im Tor – steht Geßlers Ehefrau Blanda. Hier ist gar nichts mehr zu vernehmen. Franz Geßler lächelt zufrieden: "Das ist der Beweis. Wir haben guten Westwind, der den Schall vom Luziferturm Richtung Marktsteige trägt. Wenn Christina Rauscher im Luziferturm gefoltert worden wäre – den Schrei hätte man auf dem Marktplatz nicht gehört."

Wie plausibel ist das Experiment, wie plausibel ist dieser Beweis?

Fakt ist: Schon dort, wo die Häuser der Neckarstraße durch ihre Dächer noch den Verkehrslärm der Dammstraße und das Rauschen des Neckars abhalten, ist der Schrei recht leise. An der Kreuzung zwischen Marktsteige und Sommerhalde allenfalls flüsterleise. Geßler: "Es ist sicher, dass der Marktplatz in der Vergangenheit nicht nur die Häuserfront auf dem Sporn hatte, sondern auch noch Häuser hangabwärts gebaut waren. Beispielsweise vor dem Schiff oder am oberen Teil der Marktsteige. Diese Gebäude haben den Schall von unten noch stärker abgehalten als jetzt!"

Es kann also als belegt gelten, dass ein 107 Dezibel lauter Schrei aus dem Luziferturm nicht auf dem Marktplatz gehört werden konnte. Auch wenn es im Jahr 1605 keinen Verkehrslärm und möglicherweise kein Flussrauschen gab wie am gestrigen Sonntag.

Was war dann im Luziferturm? Geßler: "Laut den Aufzeichnungen war hier eine Ruebkammer. Mit fünf bis sieben Zentimeter Holzbohlen verkleidet." Das war die U-Haft des Mittelalters und der frühen Neuzeit.

Wo wurden die Delinquenten dann gefoltert? Geßler: "Es muss direkt am Marktplatz oder in der unmittelbaren Nähe gewesen sein. Ich habe schon einen sehr konkreten Verdacht, aber ich warte noch die Bestätigung hinzugezogener Historiker ab."

Ist der Luziferturm jetzt weniger gruselig? Historisch weniger wert?

Geßler: "Nein. Im Putz hat es jede Menge Inschriften der Inhaftierten gegeben. Ein Teil davon habe ich abgepaust. Leider wurde der Putz irgendwann mit Dispersionsfarbe überstrichen, so dass diese Inschriften zerstört wurden. Dafür gibt es noch Schnitzereien in den Bohlen. Die haben die Bantleons dankenswerterweise gerettet und aufgearbeitet!"Sven Bantleon: "Diese Bohlen lagen oben auf den Balken einfach so rum!"

Das heißt: Nicht mal der Ritterspielverein, der sich ja die Historie auf die Brust geheftet hatte, hat den Wert dieser Schnitzereien erkannt. Erst die Bantleons, die hier im letzten Jahr den Turm gekauft haben, haben die Schätze wiederentdeckt und zu Tischen verarbeitet. Und dabei die alten Schnitzereien erhalten. Franz Geßler: "Dafür kann man die Bantleons nicht genug loben!"

Noch besser: Auch diese Schnitzereien, die jetzt teilweise in den Tischen sind, haben einen hohen historischen Wert.

Heimatforscher Geßler: "Diese Schnitzereien bilden auch historische Musikinstrumente ab. Mein Bruder Norbert als Musikspezialist hat diese Skizzen in die Wissenschaft eingebracht. Teilweise wurden die Instrumente sogar nachgebaut und mit ihnen experimentiert!"

Deshalb ist auch Bantleon froh über das Schrei-Experiment. Obwohl es bewiesen hat, dass er und sein Bruder nicht mit der Folterkammer werben können. Der Gastronom: "Es ist doch toll, immer mehr über den Luziferturm zu erfahren!"

Auch Theatermacherin Pina Bucci ist froh über das Schrei-Experiment: "Wir planen ohnehin ein Stück, in dem auch Christina Rauscher vorkommt. Da hilft es natürlich, nicht nur Eindrücke aus erster Hand zu bekommen, sondern auch noch das breite fundierte Wissen von Franz Geßler."