Am Donnerstagmittag stand der Intercity, mit dem es am Donnerstag, 23. Januar, auf der Gäubahnstrecke direkt vor Horb zum Unfall kam, noch im Horber Bahnhof. Ein Bahnsprecher erklärte, dass dieser Zug jedoch nun in die Werkstatt nach Leipzig überführt werde. Dies sollte am Donnerstag noch im Laufe des Tages geschehen. "Bevor das geschieht, ist eine sogenannte lauftechnische Untersuchung erforderlich." Foto: Lück Foto: Schwarzwälder Bote

Nahverkehr: Auch ohne Ausbau gibt es genug Stress: Technische Störungen, Tarifchaos, VVS-Veto des Landes

Polit-Streit um die Gäubahn, Umstieg in Stuttgart-Vaihingen, Eutingen und Horb wollen in den VVS. Doch was bedeutet das für die Pendler?

Horb/Eutingen . Die Gäubahn. Sie ist für unsere Raumschaft die Lebensader nach Stuttgart. Und die Verbindung in den Süden. Doch es hakt hier überall – nicht nur beim Streit um den Ausbau für den Fernverkehr. Das Interimskonzept auf der Gäubahn – der Nahverkehrspreis gilt auch für den IC-Fernverkehr und der Stundentakt – hat sich offenbar teilweise bewährt.

Oli Dischoe, Sprecher der schweizerischen SBB: "Die SBB ist zufrieden mit dem Übergangskonzept, die Reisendenzahlen sind seit Einführung der stündlichen Reisemöglichkeit deutlich gestiegen, alleine im Jahr 2019 konnten wir eine Fahrgaststeigerung von rund 15 Prozent verzeichnen."

Wie hat sich die Pünktlichkeit im Fernverkehr entwickelt?

Der SBB-Sprecher: "Grundsätzlich ist die SBB mit der Betriebsstabilität auf der Gäubahn zufrieden, die Pünktlichkeit der IC Zürich–Stuttgart liegt mit knapp 90 Prozent für eine grenzüberschreitende Linie auf einem guten Niveau. Die Anschlüsse in Singen – aus Richtung Stuttgart kommend – können in knapp 80 Prozent der Fälle gehalten werden, in Richtung Stuttgart liegt die Zahl weit höher. Es kommt vereinzelt zu Anschlussbrüchen aufgrund von Verspätungen auf der Gäubahn."

Das sind die Probleme der Pendler auf der Gäubahn:

Sebastian Lazar ist persönlicher Mitarbeiter von Horbs Landtagsabgeordneten Timm Kern (FDP). Er wohnt in Eutingen und pendelt nach Stuttgart zu seinem Arbeitsplatz im Landtag –­ mitten in der Stadt. Lazar: "Inzwischen fahren sehr viele Menschen aus unserer Region ab Bondorf. Dort stehen so viele Menschen am Gleis wie selten auf dem weiteren Weg nach Stuttgart. Kein Wunder: Hier gilt der günstigere VVS-Tarif, dazu ist das Parkhaus kostenlos und sowhl der Regionexpress als auch die IC-Züge halten hier.."

Doch wer den Intercity-Zug nach Stuttgart nimmt, hat auch nervige Probleme. Bahnpendler Matthias Rüth aus Eutingen arbeitet als Berufsschullehrer in Stuttgart. Er sagt: "Als Pendler auf der Gäubahn nutze ich regelmäßig den IC um 6.30 Uhr ab Bondorf. Leider weist dieser oft Mängel an der Tür auf, sodass der Zug des öfteren zu spät in Stuttgart ankommt. Das Einzige, was bei der DB sehr gut funktioniert, ist das monatliche Abbuchen der Fahrkarte und die App. Auf die muss ich täglich schauen bevor ich losfahre, um zu sehen, ob der Zug pünktlich ist oder nicht."

Der Tarifdschungel BW-Tarif, Monatskarte oder was auch immer. Man muss rechnen und googeln, ehe man den günstigsten Preis für seine Verbindung hat. Lazar: "Aktuell buche ich für die sechs bis acht Fahrten pro Woche digitale Einzelfahrscheine des BW-Tarifs weil das mit Bahncard 50 die günstigste Lösung ist." Bahnpendler Lazar wünscht sich deshalb, dass Landesverkehrsminister Winfried Hermann sein Versprechen wahr macht, dass der verbundübergreifende BW-Tarif mit seinen Vergünstigungen auch zum Fahrplanwechsel im Dezember mit einem ordentlichen Abschlag auf Monats-, Jahres- oder Wochenfahrkarten eingeführt wird. Denn bislang gelten die günstigen Tarife nur für Einzelfahrscheine

Landesverkehrsminister gegen VVS-Beitritt

Lazar: "Gute Mobilitätspolitik bedeutet sicher nicht, dass sich alles an einem Bahnhof wie in Bondorf konzentriert. Es ist ein absolutes No-Go, dass der wichtige Pendlerzug um 6:50 Uhr nicht am wohnortnahen neuen Haltepunkt Eutingen-Nord hält. Deshalb ist es ein gutes Zeichen, dass der Landkreis Freudenstadt jetzt beschlossen hat, mit Horb und Eutingen dem VVS beizutreten. Dann müssen die Pendler aus Eutingen oder Horb nicht mehr nach Bondorf fahren, sondern könnten von ihrem Bahnhof vor der Tür losfahren, ohne draufzuzahlen.: Das Landesverkehrsministerium lehnt bisher ab."

In der Tat: Im August 2019 hatte Ministerialdirektor Uwe Lahl in einer Antwort auf Timm Kerns Anfrage folgendes geschrieben: "Eine weitere Ausdehnung großer Verbünde ist dagegen kritisch zu sehen. Damit große Verbünde lokale und regionale Gegebenheiten abbilden können, müssen innerhalb eines Tarifes zahlreiche Sonderregelungen und Untertarife eingeführt werden, die die Einfachheit und Übersichtlichkeit eines Tarifes konterkarieren. Daher sieht die Landesregierung für eine Integration des Landkreises Freudenstadt in den VVS keine Notwendigkeit. Mit dem BW-Tarif gibt es bereits einen Tarif, der dieselben verkehrlichen Wirkungen erzielen kann."

Bahnpendler Lazar hofft, dass Landkreis und VVS dennoch zueinander finden – trotz des Vetos vom Landesverkehrsministerium: "Der Beitritt zum VVS würde nicht nur die Preise für Horber und Eutinger senken, sondern auch sicherlich strategisch die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass es eine S-Bahn-Verlängerung beispielsweise im 30-Minuten-Takt bis nach Horb oder gleichwertige Verbesserungen für uns Pendler bringt. Das ist natürlich auch ein entscheidender Punkt, wenn die A 81 bei Böblingen dreispurig ausgebaut wird und das Stuttgarter Kreuz weiter so ein Nadelöhr bleibt Mit besseren Bahnangeboten könnte man dann frustrierte Autofahrer leichter gewinnen." Laut Verkehrsminister Hermann soll es hier bis zum Jahr 2026 auf der Autobahnbaustelle keine "verkehrsbehindernden Maßnahmen" geben.

Ausgebremst durch Stuttgart 21?

Die Zukunft für die Pendler sieht auf der Gäubahn nicht so rosig aus. Klar ist: Es wird mehr Umstiege geben. Lazar: "Das ist immer stressig, weil man nicht weiß, ob man den Anschlusszug bekommt. Und dieser Umstiegsdruck nervt einfach."

Und den gibt es für die Bahnpendler ab dem Jahr 2025 gleich doppelt. Dann fährt die Gäubahn nicht mehr bis zum Hauptbahnhof durch. Das hat gleich zwei Gründe: Eigentlich sollte die Gäubahn dann bis zum Flughafen gehen. Dort im neuen dritten Gleis neben der jetzigen S-Bahn-Station halten und weiter Richtung Stuttgart Hauptbahnhof.

Allerdings: Der Bau dieses Flughafen-Bahnhofs verzögert sich weiter. Nach dem Planfeststellungsbeschluss 2016 gab es Klagen, das Eisenbahnbundesamt hatte im Oktober 2019 grünes Licht gegeben. Die Bahn hat den Bauauftrag für 500 Millionen Euro vergeben, aber, so ein Bahnsprecher: "Dessen ungeachtet halten Projektgegner die Revision vor dem Bundesverwaltungsgericht aufrecht; die letztinstanzliche Entscheidung trifft das Gericht voraussichtlich Ende Mai 2020."

Und die neue Schienenverbindung zwischen der jetzigen Gäubahn und dem Flughafen steht auch noch nicht. Ein Bahn-Sprecher: "Die öffentliche Erörterung für den Planfeststellungsabschnitt 1.3a wird voraussichtlich Mitte nächsten Jahres stattfinden. Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir uns – auch angesichts der hohen Bereitschaft von Verbänden und Betroffenen, vor dem Verwaltungsgericht gegen Baugenehmigungen zu klagen – zu einem laufenden behördlichen Verfahren, insbesondere zu Terminen, derzeit nicht äußern können und wollen. Nach der öffentlichen Erörterung dauert es wohl etwa ein Jahr, bis das Eisenbahn-Bundesamt einen Planfeststellungsbeschluss erlässt. Wann die Bauarbeiten beginnen, lässt sich jedoch Stand heute nicht vorhersagen." Klar ist aber, so der Bahnsprecher: "Während dieser Umbauarbeiten wird auf dieser Strecke ein Jahr lang kein Zug fahren können."

Ab 2025 – das große Umsteigen

Deshalb soll 2025 das große Umsteigen auf der Gäubahn für die Bahnpendler starten. Entweder in Stuttgart-Vaihingen oder am Nordhalt. In Stuttgart-Vaihingen liegt der Ausstieg aus der Gäubahn und der Einstieg in die S-Bahn Richtung City 240 Meter auseinander. Ein Bahn-Sprecher: "Für viele Gäubahn-Nutzer, insbesondere für viele Berufspendler, die nicht im direkten Umfeld des Stuttgarter Hauptbahnhofs arbeiten, wird die neue Umstiegsmöglichkeit mit einem Reisezeitgewinn verbunden sein. Denn – anders als heute – können Pendler dann bereits am Regionalhalt in Vaihingen auf die S-Bahn oder die Stadtbahn umsteigen und in direkter Nähe ihres jeweiligen Arbeitsplatzes aussteigen."

Die zweite Möglichkeit: Der sogenannte Nordhalt. Er ist am Nordbahnhof, an dem die Gäubahn jetzt auch vorbeifährt. Stuttgarts Sprecher Sven Mathis: "Um die Gäubahn weiter aufzuwerten, sollte der zusätzliche Endhaltepunkt "Nordhalt" bis 2025 im Bereich des Nordbahnhofs gebaut werden. Ziel ist es, die Züge der Gäubahn von Vaihingen über die Panorama-Strecke weiterzuführen." Die Stadt Stuttgart beteiligt sich an den Planungskosten mit 250 000 Euro. Auch hier beim Nordhalt – an dem die S-Bahn Richtung Ludwigburg oder Hauptbahnhof fährt – sind es zur S-Bahn 240 Meter Fußweg, zur Stadtbahnhaltestelle Löwentorbrücke sind es 190 Meter Fußweg. Wie lange die Umstiege für Gäubahnpendler bleiben – völlig unklar..

Warum fährt die Gäubahn so lange nicht die alte Strecke bis Hauptbahnhof?

Das lehnen Stuttgart und die Bahn ab. Stuttgarts Stadtsprecher Sven Mathis: "Dort, wo jetzt noch Gleise liegen, wollen wir bauen: Dringend benötigte Wohnungen. Es geht um 5600 Wohnungen, viele davon gefördert. Ziel der Stadt ist es, direkt nach Inbetriebnahme des neuen Tiefbahnhofs den Rückbau einzuleiten und mit der Entwicklung und Bebauung der Flächen zu beginnen. Insbesondere die Fläche A3 – direkt am Hauptbahnhof, im Bereich des heutigen Kopfbahnhofs – und der Fläche C1 – um die Wagenhallen, wo auch der Nordhalt ist – soll mit den ersten Projekten begonnen werden." Der Tiefbahnhof soll 2025 fertig sein.