Vom Durchbruch der bürgerlichen Geschichten im 19. Jahrhundert: Wolfgang Lukas vergleicht Werke von Auerbach und Storm

Von Gerd Karjoth

Horb-Nordstetten. Einen weiteren Hochkaräter aus der Literaturwissenschaft präsentierten Irene Vogel, Vorsitzende des Berthold-Auerbach-Literaturkreises, und Agnes Maier, Leiterin der Städtischen Museen, mit Wolfgang Lukas von der Universität Wuppertal.

Lukas ist dort Experte für die Erzählliteratur des 19. Jahrhunderts. In der Vortragsreihe zum Berthold-Auerbach-Jahr wählte er ein Thema aus dem Sammelband "Berthold Auerbach – Werk und Wirkung", der im November erscheinen wird: "Theodor Storms Auerbach-Rezeption: Epochenwandel in der Erzählliteratur zwischen Vormärz und Realismus". Vormärz ist der historische Zeitabschnitt zwischen Ende des Wiener Kongresses 1815, der Julirevolution in Frankeich und der Beginn der Deutschen Revolution 1848/49 im März 1848, auch Märzrevolution genannt. Der Begriff Realismus steht für eine Geisteshaltung im 19. Jahrhundert zwischen 1848 bis 1890. Der Zeitraum wird auch "poetischer Realismus" genannt.

In diese Zeit fallen auch Schaffensphasen Auerbachs und Fontanes. Das Motiv der unerfüllten Liebe verbindet Auerbachs 1842 veröffentlichte Dorfgeschichte "Tollpatsch" und 1843 "Die Frau Professorin" mit Theodor Storms 1849 entstandener Novelle "Immensee".

In Lukas' Gegenüberstellung von Auerbachs Schwarzwälder Dorfgeschichten mit Storms norddeutsch-bürgerlichen Novellen zeichnete sich eine Entwicklung ab, der Lukas literaturwissenschaftlich nachspürte. Die Dorfgeschichte nahm zu Recht einen besonderen Platz ein und fand große Aufmerksamkeit, weil sie etwas Besonderes war. Der Durchbruch bürgerlicher Geschichten mit dem Indiz für bürgerliche Identität schuf auch den Unterschichten Zugang zur Literatur. Sowohl bei "Die Frau Professorin" von Auerbach als auch bei "Immensee" von Storm handelt es sich um unglückliche Liebesgeschichten, die Lukas beleuchtet.

Zitat Auerbach: "Fern von ihrem Schauplatz sind diese Darstellungen aufgenommen und ausgeführt worden. Einerseits nicht mitten aus dem Bauernleben heraus, anderseits nicht vom städtischen Gesichtspunkt befangen, diese Lebensbilder vor Augen zu stellen, war mein Bestreben."

Reinhard, ein Professor, und Lorle, ein Naturkind, Wirtstochter aus einem ländlichen Dorf, verlieben sich und heiraten. Sie ziehen in die Stadt. Lorle kommt mit der städtischen Lebenswelt und dem Bildungsbürgertum nicht zurecht. Reinhard, wieder dem Stadtleben verfallen, schwärmte zunächst von der Natürlichkeit seiner Frau und will ihr Bildung beibringen, was nicht gelingt. Er verfällt dem Alkohol. Der Ausgleich zwischen den Lebenswelten schlägt fehl. Lorle geht zurück ins Dorf. Drei Jahre nach Auerbachs Professorin erscheint Storms "Immensee". Eine Novelle mit der unglücklichen Liebesgeschichte zwischen Elisabeth und Reinhard (Richard). Sie weist viele Parallelitäten auf. Beide gehen in dem Bewusstsein und dem Schmerz, sich nicht wieder zu sehen auseinander. Ihre Gefühlswelt haben sie nie richtig ausgelebt. Es blieb bei der Jugendliebe, beim Wunsch einer Beziehung. Elisabeth heiratet auf Wunsch der Eltern den Freund Erich.

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