Pfarrer Wolfgang Braun wünscht sich bei kontroversen Themen mehr Dialogbereitschaft. Foto: Frey

Immer mehr Menschen wenden sich von der katholischen Kirche ab. Die konservative Haltung gegenüber Themen wie Homosexualität, die Rolle der Frau sowie Verhütung empfinden viele als nicht mehr zeitgemäß. Der Balinger Pfarrer Wolfgang Braun kann das verstehen und fordert mehr Dialogbereitschaft.

Balingen - Die katholische Kirche hat es derzeit nicht einfach. Viele Menschen wenden sich ab, da sie einige Positionen als nicht mehr zeitgemäß empfinden. Es sind Themen wie die Segnung von Homosexuellen, die Stellung der Frau, Verhütung und die Rolle des Papstes, bei denen die katholische Kirche konservative Positionen vertritt und augenscheinlich nicht mit sich reden lässt. Genau das verärgere die Menschen, berichtet Pfarrer Wolfgang Braun. "Viele sagen: Wir werden nicht gefragt."

Braun erzählt, dass ihm das Kopfzerbrechen bereite und er sich wünschen würde, mehr in den Dialog zu treten und mehr über "Vernunft und Nachvollziehbarkeit" an die Themen heranzutreten.

"Ich habe immer gedacht, dass diejenigen, die kritisieren, kein Interesse am Glauben hätten. Aber das ist nicht so." Es würde mittlerweile auch den Kern der Gläubigen betreffen, die sich von der Kirche abwenden.

"Gelassenheit und Gottvertrauen"

"Die Kirche tut sich derzeit schwer damit, darauf einzugehen, was die Menschen bewegt." Gerade das Verhältnis der Kirche gegenüber Homosexualität würde die Menschen bewegen. Vor zwei Wochen erst hat der Vatikan die strikte Haltung gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren bestätigt. Das bedeutet: Keine Segnung für homosexuelle Paare. Einige Gläubige könnten das nicht verstehen, berichtet Braun. "Die Leute kommen teilweise auf mich zu und fragen: Was ist so schlimm daran?"

Auch die Rolle der Frau in Bezug auf die Bekleidung von Priesterämtern ist häufig Thema der Debatte innerhalb der Gemeinde. "Natürlich braucht es überall Zuständigkeiten und Hierarchie, aber was dieses Thema angeht, ist es bei uns immer noch sehr einseitig." Es sei wichtig zu fragen: "Was will Gott heute für uns Menschen?" Man müsse sich in dieser Hinsicht mehr öffnen und fragen: "Was dient in unserer Zeit unserem Glauben, und was ist es, was Gott will?", betont Braun. Man dürfe diejenigen, die progressive Positionen vertreten, nicht als Gefahr ansehen, die einer Anfechtung des Glaubens gleichkomme, sondern mit einer "Gelassenheit und Gottvertrauen" akzeptieren, dass das die "vermutete Wahrheit" dieser Menschen sei.

Auch mit der Frage der Geschlechteridentität müsse sich die Kirche auseinandersetzen, so Braun. "Natürlich hat die Kirche die Pflicht zu sagen: Nicht jeder kann sich jeden Tag neu erfinden." Aber das sei nicht das Problem. "Wenn ein Mensch für sich ein ›Zwischendrin‹ empfindet, dürfe man das nicht verurteilen, sondern sollte das begleiten. Da sei es schwierig mit der Bibel zu kommen und zu sagen: So sieht es aber die Schöpfung.

Kirche dem Wandel unterworfen

"Wir können nicht darüber hinweggehen, wenn wir in Europa demokratisch strukturiert sind, nach dem Motto: Wir sind die Kirche, und der Rest geht uns nichts an." Er wolle die Kirche nicht "zu einer Demokratie degradieren", aber Kirche sei nun einmal etwas, das sich entwickeln würde, und dieser Prozess müsse sich im Dialog und nicht in der stumpfen Vorgabe entwickeln, betont Braun.

Die Kirche sei in ihrer gesamten Geschichte immer einem Wandel unterworfen gewesen. "Die Kirche hat etwas Festes und Göttliches, aber sie ist immer auch ein Kind der Geschichte." Braun fügt hinzu: "Wir als Christen müssen jetzt einfach noch einmal grundsätzlich klären, was Glauben und Glaubensverkündung für uns bedeuten."