„Noch’n Gedicht!“: Das Stuttgarter Theater der Altstadt spielt eine Hommage an Heinz Ehrhardt.
Stuttgart - Die lachsfarbene Krawatte, der Straßenanzug, die dunkle Hornbrille – fertig ist das Bild des Komikers Heinz Ehrhardt. „Noch’n Gedicht!“, sagt es und lacht. Ehrhardt, geboren 1909 in Riga, verstorben 70 Jahre später in Hamburg, war das Gesicht des deutschen Nachkriegshumors: Ein fülliger, gut gelaunter Mann mit wenig Haupthaar, der Reime aus dem Anzugärmel schüttelte, Lieder sang und herzlich seichte Filmkomödien bevölkerte.
Ehrhardt verkörperte seine Zeit mit raffiniertem Wortwitz – und wird nun wieder lebendig im Theater der Altstadt. Charis Hager, Lou Bertalan und Ambrogio Vinella spielen unter der Regie von Uwe Hoppe (auch: Kostüme, Bühne, Zusammenstellung) einen Abend, der quer durch Ehrhardts Leben und Werk führt. „Wir sind alle nicht Heinz Ehrhardt!“, stellt das Trio eingangs fest und feiert den Abwesenden erst einmal mit einem Sketch und einem Gedicht. Beide gelten dem Mond: „Ich hänge am Himmel und scheine. Was soll ich auch anderes machen?“
Die Schattenseiten des Komikerlebens: Alkoholismus, Existenzangst
Hager, Bertalan und Vinella erweisen sich als vorzügliche Rezitatoren, bringen Heinz Ehrhardts glänzend lapidare Nonsenseverse trocken, mit ernstem Gesicht, beseelt, verzweifelt oder mit ausschweifender Körpersprache auf die Bühne; sie tanzen und singen den Ehrhardt (musikalische Leitung: Mikael Bagratuni). Am Rande erfährt der Zuschauer die Eckdaten des Komikerlebens – wie Heinz Ehrhardt aufwuchs, vom Erfolg noch träumte, wie er seine Frau im Fahrstuhl kennenlernte, wie schnell seine Familie wuchs, wie schwer es ihm zu Beginn fiel, sie zu ernähren.
Man hört auch von Ehrhardts offenkundigem Alkoholismus, von Bühnen und Garderoben, gespickt mit verborgenen Doornkaat-Fläschchen. Man hört, wie unbefleckt er aus den Kriegsjahren hervorging, bald zum berühmtesten TV-Gesicht der Nachkriegszeit wurde. Und immer wieder, dazwischen: Der singende, reimende Ehrhardt, der kalauernde Gesichtskomiker, dessen Unbeschwertheit in dieser Zeit so sehr willkommen war.
Unter dem Unterhaltsamen und Seichten gähnt oft ein Abgrund
Schwer übersehen lässt sich dabei, welche Abgründe sich in vielen vermeintlich leichten Gedichten verstecken: Die kleine Made wird vom Specht gefressen, der Kabeljau vom Hai. Das Theater der Altstadt lässt auch diese Seite Heinz Ehrhardts zu Wort kommen, spricht aus, was der vermeintlich Unpolitische über die USA und das Christentum reimte, lässt seine Avatare Verse aufsagen, hinter denen sich Kriegserfahrung und Depression verbergen könnten. Tiefer will Uwe Hoppe jedoch nicht schürfen, er fühlt sich letztlich doch der Nostalgie verpflichtet.
„Der Virus“ heißt ein Gedicht, mit dem Heinz Ehrhardt heute noch einmal Karriere macht: „So ein Virus ist geschockt, wenn man ihn mit Whisky blockt“ – „Auch das Bier, in großen Mengen wird den Virus arg versengen“, heißt es da. Zeilen, zu denen Charis Hager, Lou Bertalan und Ambrogio Vinella zuletzt noch einmal wunderbar über die Bühne tanzen, bei denen man aber kaum aufstoßen muss. Das Publikum lacht – und Heinz Ehrhardt selbst hätte sich gewiss nichts anderes gewünscht.