Auf dem ehemaligen Kasernen-Areal „Oberer Brühl“ in Villingen könnte ein Holzbau-Quartier mit hunderten geförderten Wohnungen entstehen. Foto: Marc Eich

Das wäre ein Coup für VS: Die Stadt verhandelt mit einem Investor, der im Oberen Brühl ein Holzbau-Quartier realisieren möchte. Die Pläne dürften in gleich mehrerer Hinsicht überzeugen.

Im seit Jahren stockenden Wohnbauprojekt im Areal Oberer Brühl in Villingen kommt überraschend neue Bewegung auf. Aus einer nichtöffentlichen Sitzung ist nun an die Öffentlichkeit gedrungen, dass die Stadt mit einem Großinvestor verhandelt, der das gesamte verbliebene Gelände an der Kirnacher Straße übernehmen und vollständig bebauen möchte.

 

Für die Verwaltung könnte dieses Vorhaben in mehrfacher Hinsicht ein Glücksfall sein. Das ehemalige Kasernenareal hatte sich zuletzt als kaum vermarktbar herausgestellt. Schwierige Rahmenbedingungen hatten dazu geführt, dass trotz mehrfacher Ausschreibungen kein Investor gefunden werden konnte, der dort zügig Wohnraum realisiert und dabei Sozialwohnungen bereitstellt.

Zuletzt hatte der Rat darüber diskutiert, die städtische Wohnungsbaugesellschaft mit dem Projekt zu beauftragen. 126 geförderte Wohnungen sollten so entstehen. Allerdings hätte das die Stadt rund zehn Millionen Euro gekostet – viel Geld angesichts knapper Kassen.

Die Summe könnte nun tatsächlich eingespart werden. Vielmehr noch: Das Projekt könnte Geld in die Kassen spülen und gleichzeitig die Not an bezahlbarem Wohnraum in VS lindern.

Schnelle und klimafreundliche Umsetzung

Der Gemeinderat hat deshalb in einer nichtöffentlichen Sitzung Oberbürgermeister Jürgen Roth beauftragt, in Verhandlungen mit dem Interessenten einzutreten. Dabei geht es um ein Paket, das mehrere hundert Wohnungen umfassen dürfte – und zwar vollständig in Holzbauweise. Ziel ist es, das Areal in kurzer Zeit zu einem durchgehend klimafreundlichen Wohnquartier zu entwickeln.

Ein Insider erklärt: Sollte das Vorhaben tatsächlich umgesetzt werden, würde das fraktionsübergreifend auf große Zustimmung stoßen. Aufgrund der Holzbauweise seien ökologische Aspekte abgedeckt, der Sozialwohnungsbau befriedigt Unterstützer von Geringverdienern und Benachteiligten, und die eingesparten Kosten sowie der damit verbundene Bauboom dürften wirtschaftlich orientierte Kräfte freuen.

Unternehmen bestätigt Gespräche

Wer könnte für diesen Erfolg sorgen, der OB Jürgen Roth zum Strahlen bringen dürfte? Bei dem potenziellen Investor handelt es sich um die deutsch-schweizerische Nokera AG mit Sitz im Kanton Zürich. Das Unternehmen bestätigte auf Anfrage unserer Redaktion, „dass zwischen Nokera und der Stadt Villingen-Schwenningen Gespräche stattgefunden haben“. Weitergehende Aussagen wollte man derzeit nicht treffen.

Nokera hat sich auf industrielle Fertigung von Gebäuden in Holz-Hybridbauweise spezialisiert. In Stegelitz bei Magdeburg betreibt das Unternehmen eine neue Produktionsstätte, die nach eigenen Angaben die weltweit größte Fabrik für modulare Serienfertigung von Holzbauelementen ist – rund 116 000 Quadratmeter groß und auf klimaneutrale Prozesse ausgelegt. Für dieses Konzept erhielt die Firma den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2025.

Zahlreiche Bauprojekte in Deutschland

Allein in diesem Jahr konnte Nokera Aufträge für mehrere hundert Wohnungen in Berlin, Stuttgart und Heilbronn gewinnen. Erst am Dienstag verkündete das Unternehmen zudem einen Zuschlag für die Bebauung eines ehemaligen Kasernen-Areals in Kassel. Dort entstehen 73 sozial geförderte Wohnungen mit ein bis fünf Zimmern.

Das Projekt gibt einen Einblick in eine mögliche Umsetzung in VS: Die Gebäude werden in Holzhybridbauweise errichtet, mit Treppenhauskomponenten aus Stahlbetonfertigteilen sowie Außen- und Innenwänden in Holztafelbauweise. Die Bäder werden als komplett vorgefertigte Raumzellen auf die Baustelle geliefert und per Kran an die vorgesehenen Stellen gesetzt.

Die Ausstattung der Wohnungen umfasst Fußbodenheizung, bodentiefe Fenster, Balkone sowie Raumcontroller zur Steuerung von Heizung, Licht und Sonnenschutz. Sie sind zudem mit PV-Anlagen ausgestattet und werden mittels Fernwärme beheizt. Fertigstellung: Bereits in weniger als zwei Jahren.

Serielles Bauen – wie geht das?

Nokera erklärt die standardisierten Prozesse
Das Unternehmen setzt auf serielles Bauen, bei dem ein Großteil der Gebäude schon weitgehend fertig in die Baustelle kommt. Holztafelbauwände, Badmodule und Holzbetonverbunddecken werden in modernen Werken vorgefertigt und exakt nach Plan produziert. Auf der Baustelle werden die Elemente laut Nokera dann geschossweise montiert – ähnlich wie beim Zusammenbauen von Möbeln nach dem „IKEA-Prinzip“. Auch der Innenausbau ist vorkonfektioniert, sodass viele Bauteile direkt eingesetzt werden können. Die Komponenten werden just-in-time geliefert, wodurch die Baustelle praktisch zur Endmontagestelle wird. So lässt sich das gesamte Wohnquartier laut des Unternehmens deutlich schneller und effizienter errichten als bei herkömmlicher Bauweise. Die Errichtzeit gibt das Unternehmen mit drei bis sechs Monaten an.