Branchenexperten zeigen sich von den sehr guten Quartalszahlen des Stuttgarter Autobauers nicht überrascht. Sie verweisen aber auf Risiken – insbesondere die Knappheit bei den Halbleitern.
Stuttgart - Die Alarmstimmung des vorigen Jahres ist bei Daimler endgültig der guten Laune gewichen. In der ersten Jahreshälfte 2020 war der Konzerngewinn wegen des Absatzeinbruchs infolge der Coronakrise noch auf minus 1,1 Milliarden Euro eingebrochen – ein Schock. Schon zuvor hatte Daimler-Chef Ola Källenius ein rigides Sparprogramm angestoßen. Seither wurde schwer mit den Arbeitnehmervertretern gerungen. Und heute, ein Jahr später?
Nach dem Gewinnsprung auf 4,4 Milliarden Euro von Januar bis März hat der Autobauer auch im zweiten Quartal wieder glänzend verdient. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) betrug satte 5,2 Milliarden Euro. Analysten hatten im zweiten Quartal lediglich 4,1 Milliarden Euro erwartet. Bereinigt um Sondereffekte lag das Ebit bei 5,4 Milliarden Euro. Die vorläufigen Ergebnisse der Sparten liegen deutlich über den Markterwartungen, weshalb sie auch in der Nacht zu Donnerstag veröffentlicht wurden. Die vollständigen Zahlen sollen erst am nächsten Mittwoch präsentiert werden.
„Hohe Kosteneinsparungen zahlen sich aus“
Branchenexperten zeigen sich schon jetzt beeindruckt: „Daimler hat starke Zahlen präsentiert“, sagte Stefan Bratzel unserer Zeitung. Sie kämen aber nicht völlig überraschend. „Die hohen Kosteneinsparungen und der Verkauf margenträchtiger Modelle mit hoher Innovationsstärke zahlen sich aus“, sagte der Leiter des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach. Auch der Absatz in China – dem für Daimler wichtigsten Markt – laufe sehr gut.
Doch ist dieser „Absatzmarkt ein zweischneidiges Schwert“, unterstreicht Bratzel die Risiken. „Hohe Verkaufszahlen führen auch zu großer Verwundbarkeit im Falle politischer und wirtschaftlicher Krisen.“ Zudem werde die Transformation in Richtung Elektromobilität und Digitalisierung das Unternehmen „auch noch viel Geld kosten“.
China für hochwertige Autos besonders attraktiv
LBBW-Branchenanalyst Frank Biller sieht den längst erholten Absatzmarkt in China für Daimler durchweg positiv, da dort mit hochwertigen Fahrzeugen höhere Erträge zu erzielen seien als in Europa oder den USA. Die „starken Quartalszahlen“ haben ihn auch nicht überrascht, nachdem Volkswagen bereits vor einer Woche positive Eckdaten vorgelegt hätte. Biller geht nun davon aus, dass der Daimler-Chef am nächsten Mittwoch den Ausblick für das Gesamtjahr bestätigen werde. Für Mercedes-Benz Cars & Vans werde eine Ebit-Marge von zehn bis zwölf Prozent und für Daimler Trucks& Buses von sechs bis sieben Prozent erwartet – auch im Lichte der Knappheit bei den Halbleiterbauteilen. Diese dürfte sich, so Biller, „im dritten und vierten Quartal bremsend auswirken“. Günstig beeinflusse der Chipmangel wiederum die Gebrauchtwagenpreise, die auf diese Weise stabilisiert würden.
Die Halbleiterkrise plagt derzeit besonders den Standort Sindelfingen, wo die Produktion der Flaggschiffe S-Klasse und EQS sowie der E-Klasse behindert wird. Källenius geht nur kurz darauf ein: „Wir erzielen in allen Divisionen eine starke finanzielle Performance, trotz der anhaltend geringen Verfügbarkeit von Halbleitern, die sich im zweiten Quartal belastend auf unsere Produktion und den Absatz ausgewirkt hat.“ Zur aktuellen Lage vor Ort äußerte sich Daimler nicht.
„Deutlich über den Markterwartungen“
Trotzdem kam die Auto- und Transportersparte Mercedes-Benz auf ein Ebit von 3,437 Milliarden Euro, was auch auf „ anhaltende Kostendisziplin“ zurückgeführt wird – zudem auf die Durchsetzung höherer Preise am Markt. Tatsächlich verkaufte Mercedes-Benz zwischen April und Ende Juni weltweit 581 201 Pkw – ein Zuwachs von 27 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im ersten Halbjahr waren es insgesamt 1,162 Millionen Fahrzeuge (plus 24,3 Prozent).
Auf der Belastungsseite gibt Daimler Kosten von 107 Millionen Euro für Rechtsverfahren offenbar im Zusammenhang mit dem Dieselskandal an – wobei die Reihe der Verfahren mit dem Urteil des Bundesgerichtshofs zum sogenannten Thermofenster einen weiterhin günstigen Verlauf nahm.
Börse honoriert gute Zahlen zunächst nicht
Auch im Geschäft mit Lastwagen und Bussen blieb viel mehr hängen als vor einem Jahr. Das Ebit stieg auf 820 Millionen Euro. Der Absatz von Daimler Trucks & Buses sei in fast allen Regionen gestiegen, hieß es. Källenius will die Truck-Sparte noch 2021 separat an die Börse steuern. Dort rutschten die Daimler-Aktien am Donnerstag nach einem guten Start mit dem Dax ins Minus ab – die guten Zahlen wurden nicht honoriert.