Bauministerin Klara Geywitz (SPD). Foto: dpa/Britta Pedersen

Bauministerin Klara Geywitz will mehr Menschen dazu bewegen, aus teuren Großstädten wegzuziehen. Doch der Vorschlag ist nur auf den ersten Blick eine gute Idee, meint Hauptstadtkorrespondent Tobias Heimbach.

Es ist ein scheinbares Paradox: Seit Jahren ächzen viele Menschen in Deutschland über hohe Preise fürs Wohnen. Mieten steigen in Metropolen immer weiter, Eigentum ist dort selbst für Gutverdiener zum unerfüllbaren Traum geworden. Gleichzeitig gibt es in Deutschland mehr als zwei Millionen Wohnungen, die leer stehen.

 

Die scheinbare Lösung: Wenn der Wohnraum nicht dort vorhanden ist, wo die Menschen leben, muss man eben die Menschen dorthin verteilen, wo die Wohnungen sind. So stellt sich offenbar Bundesbauministerin Klara Geywitz einen Teil der Lösung der Wohnungskrise vor. Die SPD-Politikerin will nämlich Menschen zum Umzug aus der Großstadt ins Umland oder in kleinere Städte bewegen. Dorthin, wo Wohnraum noch verfügbar und günstiger ist. „Gerade in kleinen und mittelgroßen Städten ist das Potenzial groß, weil es dort auch Kitas, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und Ärzte gibt“, sagte sie der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Das klingt plausibel – ist aber nur auf den ersten Blick eine gute Idee.

Grundsätzlich gilt: Menschen verteilen sich nicht zufällig über das Land. Die Bevölkerungsstruktur gehorcht einer gewissen Gravitation: Wirtschaftliche Perspektiven und Lebensqualität sind anziehend. Menschen gehen dorthin, wo sie eine Chance für sich sehen: für Ausbildung, Studium und Arbeit. Stuttgart, München und Hamburg haben nicht grundlos hohe Mietpreise, sondern weil es hier viel gut bezahlte Arbeit gibt – und auch Museen, Restaurants und ein gewisses Flair. Wohnen ist dort günstig, wo all das fehlt. Geywitz‘ Plan widerspricht also der Logik, warum Menschen sich an bestimmten Orten ansiedeln.

Auch die Vorhersagen sind nicht auf Geywitz‘ Seite. Eine Bevölkerungsprognose des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), das Geywitz‘ Bauministerium unterstellt ist, hat erst vergangenen Monat einen Bericht veröffentlicht. Diesem zufolge wächst Deutschlands Bevölkerung bis zum Jahr 2050 vor allem in wirtschaftsstarken Großstädten und deren Umland. Also dort, wo die Probleme beim Wohnraum schon heute am größten sind. Strukturschwache Gebiete mit günstigem Wohnraum werden weiter Einwohner verlieren.

Natürlich haben kleine Städte und das Land auch ihre Vorzüge, wie Geywitz richtig sagt. Weniger Lärm, weniger Hektik sind für viele Menschen attraktiv. Wenn Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Kulturangebote und eine gute Verkehrsanbindung vorhanden sind, mag es sein, dass auch viele Großstadtbewohner das Leben in einer kleineren Stadt für sich entdecken könnten.

Doch in der Mehrzahl entscheiden die Menschen anders. Die Verstädterung ist ein Trend, weltweit und in Deutschland. Geywitz will also, dass die Menschen den entgegengesetzten Weg gehen. Auf ihrer Seite hat sie allerdings nur ein gutes Argument: Günstigere Preise fürs Wohnen. Denn wenn das Land und Kleinstädte attraktiver werden, folgen auch die Menschen.

Zudem wohnt Geywitz‘ Vorschlag eine gewisse Ungerechtigkeit inne. Sie verweist auf die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Wer seine Arbeit an drei oder vier Tage in der Woche von zu Hause erledigen kann, der nimmt vielleicht eine längere Strecke zum Büro in Kauf. Doch Jobs, die Homeoffice ermöglichen, sind meist auch diejenigen, die besser bezahlt sind.

Für viele schlechter bezahlte Arbeiten muss man zwingend vor Ort sein: Das betrifft Reinigungskräfte, Verkäuferinnen oder Altenpfleger. Für diese Menschen ist eine Flucht vor hohen Preisen fürs Wohnen ausgeschlossen. Es ist nicht ohne Ironie, dass so ein Vorschlag von einer Sozialdemokratin kommt.