Sven Saile (von links) und Thorsten Weil stellen die Kriminalitätsstatistik 2021 vor. Der städtische Ordnungsamtsleiter Bernd Pfaff, Oberbürgermeister Ralf Broß und Bürgermeister Christian Ruf freuen sich über die zurückgegangenen Fallzahlen und die hohe Aufklärungsquote. Foto: Cools

72,3 Prozent der Fälle in Rottweil werden von der Polizei aufgeklärt – ein landesweiter Spitzenwert, wie beim Pressegespräch zur Kriminalitätsstatistik für 2021 betont wird. Doch es gibt auch Schattenseiten: Die Gewalt gegen Polizisten nimmt zu.

Rottweil - Ist Rottweil eine sichere Stadt? Nach Ansicht von Rottweils Oberbürgermeister Ralf Broß definitiv. Hier gebe es keine dunklen Ecken, die man nachts meiden sollte, was zum Wohlfühlfaktor der Stadt beitrage.

Nach einem Anstieg der Fallzahlen ab 2018 bis 2020, zeigt sich nun laut der Auswertung des Polizeireviers Rottweil für 2021 ein Abfallen der Gesamtfallzahlen um 141 beziehungsweise 12,9 Prozent auf 1159 Fälle. Die Zahlen bewegen sich damit laut Thorsten Weil, derzeit Revierleiter in Rottweil, leicht unter dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre (1192 registrierte Straftaten).

Tatverdächtige meist männlich

Auch die Häufigkeitszahl, die angibt, wie viele Straftaten es pro 100 .000 Einwohner gibt, und die als ein Indikator für die Gefährdung durch Kriminalität gilt, hat um rund 12,1 Prozent beziehungsweise 641 abgenommen und liegt bei 4641. 2014 betrug die Häufigkeitszahl noch 6247.

Als Tatverdächtige (TV) wurden 2021 insgesamt 635 Personen ermittelt – 59 weniger als im Vorjahr. 481 davon waren männlich. Dass weniger Tatverdächtige als Straftaten verzeichnet werden, liegt in Seriendelikten begründet.

Weniger junge Tatverdächtige

Signifikant zurückgegangen ist die Zahl der TV unter 21 Jahren. Bei den Jugendlichen hat sie sich von 80 auf 44 fast halbiert und ist hier nach Einschätzung der Polizei "bemerkenswert niedrig". Erklärt wurde dies unter anderem mit der guten Vernetzung zwischen Polizei, Stadt, Schulen, Jugendgerichtshilfe und anderen Beteiligten.

Bei den TV waren 32,4 Prozent nicht deutsch. 2020 lag diese Zahl noch bei 36,5 Prozent. Während die Zahl nicht deutscher Tatverdächtiger von 2020 auf 2021 um 18,6 Prozent abgenommen hat, ist die Zahl der tatverdächtigen Asylbewerber und Flüchtlinge um 13 Prozent gestiegen. Die langfristige Betrachtung zeige jedoch, dass es sich etwa um ein gleichbleibendes Niveau handle, so der stellvertretende Revierleiter Sven Saile.

Love Scamming

Besonders stolz ist man in Rottweil auf die Aufklärungsquote von 72,3 Prozent (Landesschnitt: 65,3 Prozent). Bisheriger Spitzenwert war 67,1 Prozent (2020).

Im vergangenen Jahr wurden 261 Personen Opfer einer Straftat (2020: 285). 217 davon waren Erwachsene. Die Zahl der weiblichen Opfer ist dabei gestiegen (von 103 auf 129). Thorsten Weil erklärte das mit einer Verlagerung der Kriminalitätsentwicklung hin zu geschlechtsunspezifischen Betrugs- und Cybercrime-Delikten. Auch Love Scamming spiele dabei eine Rolle. Dabei wird dem Opfer, das über soziale Netzwerke oder Online-Partnerbörsen kontaktiert wird, Liebe vorgespielt, so dass dieses dem virtuellen Partner irgendwann Geld überweist, um dem "Partner" aus einer vermeintlichen Notlage herauszuhelfen.

Deutlich weniger Diebstähle

Deutlich zurückgegangen sind 2021 die Diebstahlsdelikte (98 Fälle weniger als im Vorjahr, Rückgang von 27,4 Prozent) und Wohnungseinbrüche (vier Fälle 2021). Dabei spiele Corona eine Rolle, erklärte Saile. Die Bürger seien viel häufiger zu Hause gewesen. Die Polizei habe in diesem Bereich zudem einen Schwerpunkt gesetzt.

Das Handwerk legen konnte die Polizei einer Person, die serienmäßig ältere Menschen in Einkaufsmärkten bestahl und damit in der Statistik für einen Anstieg von vier (2020) auf 13 Fälle (2021) sorgte, wie Sven Saile berichtete.

Abgenommen haben auch die Zahlen der Gewaltkriminalität (um 24 Fälle, 38,1 Prozent) und der Aggressionsdelikte im öffentlichen Raum (22 Fälle weniger, Rückgang von 39 Prozent). Zudem gab es 2021 104 Körperverletzungen (2020: 136) und 30 Fälle schwerer beziehungsweise gefährlicher Körperverletzung (Vorjahr: 45).

Hohe Dunkelziffer bei Rauschgift

Hoch bleiben die Fallzahlen trotz eines Rückgangs um 11,7 Prozent im Bereich Rauschgiftkriminalität. 151 Straftaten wurden in diesem Zusammenhang 2021 registriert. Mit verstärkten Ermittlungs- und Kontrollaktivitäten versuche man, das hohe Dunkelfeld aufzuhellen, erklärte Thorsten Weil.

Eine bedenkliche Zunahme beobachtet die Polizei bei den Gewalttaten gegen Polizisten, auch wenn größere Verletzungen bislang ausblieben. 2020 waren es noch 16 Fälle, 2021 fast doppelt so viele.

Bodycams bieten Chance

Auch deshalb sei man mit Bodycams ausgestattet, die als ergänzendes Einsatzmittel zur Deeskalation vor allem präventiven Charakter haben sollen. Diese hätten aber nur einen Effekt, wenn das Gegenüber noch steuerungsfähig sei, weiß Sven Saile.

Die Cams böten jedoch auch die Chance, einen Vorgang vollständig darzustellen und "rechtmäßig zurückzufilmen". Oft sei man als Polizei damit konfrontiert, dass Vorgänge von Bürgern gefilmt und einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Szenen veröffentlicht würden – mit der Intention, die Polizei zu diskreditieren.

Respekt gegenüber Polizei fehlt

Insgesamt stelle man eine zunehmende kritische Haltung gegenüber des Staats und der Polizei fest, erklärte Weil. Es fehle an Respekt. Hinzu kämen vereinzelt Enthemmung durch Alkohol oder Rauschmittel, eine Gruppendynamik und Solidarisierungseffekte.

Aktuell arbeiten rund 50 Beamte im Polizerevier Rottweil im Schichtdienst. Auch wenn das Personal knapp sei, werde außerordentlich gute Arbeit geleistet, lobte Weil. Zudem seien die Wege zwischen Stadt und Polizei kurz, was insbesondere beim Thema Montagsspaziergänge hilfreich sei, betonte OB Broß. Gerade in diesem Bereich habe die Polizei mit großem Aufwand gute Arbeit geleistet und laut Bürgermeister Christian Ruf "geräuschlos für Sicherheit gesorgt".