Wie geht es im Pflegeheim St. Hildegard weiter? Seelbach und Schuttertal wünschen sich einen neuen Betreiber. Foto: Baublies

Klappt’s auch ohne die Caritas? Nach der Schocknachricht, dass der Verband das Pflegeheim St. Hildegard schließt, richten Seelbach und Schuttertal den Blick nach vorne.

„Der Zeitungsbericht hat eingeschlagen wie eine Bombe“ – mit diesen Worten fasste ein Zuhörer in der Frageviertelstunde des Gemeinderats die Stimmung in Seelbach zusammen. Die Schließung des Pflegeheims St. Hildegard zum Jahresende ist Thema Nummer Eins, eine Petition für den Erhalt hat inzwischen mehr als 900 Unterzeichner. Der Betreiber, der Caritasverband Lahr, sah sich nach seiner Ankündigung viel Kritik ausgesetzt. Am Montag wurde im Rat zuerst öffentlich ohne, dann nichtöffentlich mit der Caritas diskutiert.

 

Das sagt der Gemeinderat: „Uns alle hat die Schließung stark getroffen“, meinte Stefanie Scharffenberg (CDU) in der Sitzung. Sie habe, nachdem sie die Nachricht erhalten habe, mit Bewohnern des Pflegeheims und Angehörigen gesprochen. „Es sind Tränen geflossen. Sie haben Ängste, es herrscht Hilflosigkeit, sie sind fassungslos“, so Scharffenberg. Martina Schweiß (SPD) ergänzte: „Wir brauchen eine Tagespflege und eine stationäre Einrichtung“. „Wir wollen um den Standort kämpfen. Wir müssen konstruktiv bleiben und Lösungen suchen“, warf Markus Himmelsbach (Grüne) den Blick nach vorne. Albert Himmelsbach (Freie Bürgerliste), der von einer „Katastrophe“ sprach, mahnte, in der Diskussion nicht über das Ziel hinauszuschießen. Alle Räte einte eine Ansicht: Sie seien von der Caritas zu spät informiert und vor vollendete Tatsachen gestellt worden.

Das sagt die Caritas: Nachdem die Diskussion mit dem Gemeinderat am Montagabend noch hinter verschlossen Türen blieb, nahmen Mirko Poetzsch und Mireille Ochalek-Starzetz vom Vorstand der Caritas am Dienstagmittag im Gespräch mit unserer Redaktion Stellung zu den Vorwürfen. „Wir haben unglaublich viel Rücksicht genommen, unsere Kommunikation hatte Hand und Fuß“, ist Ochalek-Starzetz überzeugt. Hätte man früher über die Pläne informiert, sagt sie, hätte die Caritas nicht garantieren können, „dass die Menschen, die es betrifft, die Nachricht aus unserem Mund hören“. Das Wohl der Mitarbeiter und Bewohner sei stets im Fokus gewesen. Zudem habe man ihnen erst jetzt mit dem Umzug ins neue Pflegeheim St. Marien in Ettenheim einen neuen Arbeits- beziehungsweise Pflegeplatz, anbieten können, ergänzt Poetzsch.

Caritasverband wehrt sich gegen Vorwürfe

Er wehrt sich darüber hinaus gegen die Vorwürfe, die Caritas hätte ins Heim nicht investiert. Alleine 2024 habe man 70 000 Euro für die Instandhaltung ausgegeben. Die Schließung, so Poetzsch weiter, sei nie der langfristige Plan gewesen. Im Gegenteil. Noch 2018 habe man einen Neubau in Seelbach angestrebt, von der Gemeinde sogar ein entsprechendes Grundstück angeboten bekommen, was jedoch zwei Jahre später revidiert worden sei. Also habe man sich mit der Sanierung beschäftigt, zuletzt wurde der Druck der Baurechtsbehörde, neue Brandschutzvorgaben umzusetzen, so groß, dass eine Schließung unausweichlich gewesen sei. Denn die Investitionen in Höhe von mehr als vier Millionen Euro, die man unter diesen Umständen hätte tätigen müssen, „hätten wir nie wieder erwirtschaftet“, ist sich Ochalek-Starzetz sicher.

„Wir haben ein großes Defizit in diesem Haus“, fasst Mirko Poetzsch zusammen. „Dieses kleine Haus kann uns runterreißen“, ergänzt Ochalek-Starzetz. Die beiden glauben nicht, dass ein potenzieller neuer Betreiber das Pflegeheim wirtschaftlich unterhalten könnte. Denn als kirchlicher Träger sei die Caritas, anders als ein privater Investor, gut abgesichert. Außerdem hätte ein Nachfolger noch stärkere Probleme, Personal zu finden, da der Großteil der Mitarbeiter den Weg von Seelbach nach Ettenheim mitgehen wolle, so Ochalek-Starzetz. „Und die notwendigen Investitionen muss auch ein neuer Betreiber tätigen.“

Wohnraum für Senioren soll entstehen

Die Vorsitzenden betonen, dass sie am Konzept – Wohnraum für Senioren – festhalten. Sie wünschen, dass ein Investor, der das Haus der Caritas abkauft, deren Werte teilt. „Wir haben die Hand drauf, zumindest bis zu einer gewissen Schmerzgrenze“, erklärt Mirko Poetzsch. Heißt: Man will (zunächst) nur verkaufen, wenn der Investor eine entsprechende Nutzung plant. Gerne sei man bereit, mit der Gemeinde abzusprechen, wie diese aussehen soll.

Das sagen die Bürgermeister: Seelbachs Rathauschef Michael Moser hält es „zumindest nicht für unrealistisch“, dass sich ein neuer Betreiber für das Pflegeheim findet, erklärt er am Dienstag unserer Redaktion. Der Bürgermeister, laut dem es zurzeit in der Gemeinde „keinen Ort gibt, an dem man nicht über das Thema spricht“, kündigt an, in naher Zukunft weitere entsprechende Gespräche zu führen. Erste „gute Gespräche“ habe es bereits gegeben. „Am Schluss muss die Schnittmenge für alle passen“, meint er. Heißt für die Caritas, die Gemeinde, und den Investor. Einen nahtlosen Übergang könne er sich, Stand jetzt, allerdings nur schwer vorstellen. Schließlich soll bereits Ende des Jahres Schluss sein und ein neuer Betreiber müsste erst ausreichend Vorbereitungen treffen und die erforderlichen Sanierungen vornehmen.

Schuttertals Bürgermeister hat erst aus der Zeitung von der Schließung erfahren

Moser kann die Ängste und Sorgen der Betroffenen verstehen und auch, dass man auf die Nachricht der Schließung mit Wut reagiert. „Es geht mir ja selbst so.“ Bei aller Enttäuschung über die Caritas gelte es nun jedoch nach der Aufklärung, „kühlen Kopf zu bewahren und den Blick in die Zukunft zu richten“. Findet sich kein neuer Betreiber, müsse man gemeinsam mit der Caritas andere Lösungen finden. Auch deshalb ist es Moser wichtig, mit dem Verband in gutem Dialog zu bleiben. Ob sich die Gemeinde selbst finanziell an einer Lösung beteiligen könne, sei derzeit offen, erklärte Moser. „Unsere Haushaltslage ist kompliziert, wie bei fast allen Kommunen. Weil es uns aber so wichtig ist, werden wir alle Möglichkeiten sorgfältig prüfen und abwägen.“ Gleichzeitig macht er deutlich, dass finanzielle Beteiligungen wie zur Eröffnung der Einrichtung heute kaum mehr realisierbar seien.

Unterstützung erhält Moser aus Schuttertal. „Wir werden alles versuchen, einen neuen Betreiber zu finden. Man darf sich aber nicht der Illusion hingeben, dass es nahtlos übergeht“, erklärt Bürgermeister Matthias Litterst unserer Redaktion. Sowohl die Tagespflege als auch den stationären Bereich würden auch viele Schuttertäler in Anspruch nehmen. Zudem hat die Nachbargemeinde beim Neubau des Gebäudes einst, wie Seelbach, Geld beigesteuert. Entsprechend enttäuscht ist Litterst, dass er die Nachricht aus der Zeitung erfahren hat. Er hätte sich gewünscht dass man etwa ein Jahr früher unterrichtet worden wäre. So hätte man sich schon frühzeitig auf die Nachfolgersuche begeben können.

Infoveranstaltung

Die Caritas Lahr möchte die Bürger bei einer Infoveranstaltung über die Hintergründe der Schließung von St. Hildegard aufklären. Termin ist Montag, 2. Juni, ab 19 Uhr im Bürgerhaus in Seelbach.