War das Hochwasser in Mühringen vermeidbar? In der Bevölkerung brodelt es. Einige geben der Stadtverwaltung die Schuld an den Überschwemmungen im Ortskern. Die Stadt wehrt sich gegen die Vorwürfe.
Die Mühringer im unteren Ortskern leben stets in Sorge vor Hochwasser. Deshalb atmeten viele auf, als es am Samstagabend hieß: Die Eyach wird wohl nicht über die Ufer treten. Am Sonntagmorgen sah die Welt anders aus. Dabei hätte die Eyach die Wassermassen wohl „gepackt“, wie Ortsvorsteher Eckard Lacher vermutete.
Doch durch gebrochene Bretter eine Wehrklappe drangen Wassermassen in den Ort. Der angrenzende Mühlkanal füllte sich komplett. Dabei hatte ihn die Stadt eigentlich stillgelegt. Für einige Mühringer ist deshalb die Schuldige gefunden: die Horber Stadtverwaltung. „Das Hochwasser ist hausgemacht“, sagt ein Mühringer, der in der Regel gut informiert ist. Ein betroffener Anwohner klagt am Sonntag: „Da wurde Schritt zwei vor Schritt eins gemacht. Die Stadt hat den Kanal dicht gemacht, obwohl die anderen Maßnahmen zum Hochwasserschutz noch gar nicht umgesetzt wurden.“
Doch warum rückt der Mühlkanal ins Visier der Kritik?
Mit dem Jahreswechsel 2022 zu 2023 hat die Stadt neben anderen für den Hochwasserschutz in Mühringen benötigten Grundstücken auch den sogenannten Mühlkanal als „Gewässer zweiter Ordnung“ erworben. Zum Kauf gehört auch die Wehranlage am Kanaleinlauf, an der nun die Bretter gebrochen sind.
Der Vorwurf aus der Bevölkerung: Die Stadt habe den Kanal an zwei Stellen „zugemacht“, also einen Damm gebaut, sodass Wasser aus dem Mühlkanal nicht wieder in die Eyach abfließen konnte. Besser wäre es dann sogar gewesen, den Kanal komplett zuzuschütten.
Wie reagiert die Stadt auf die Vorwürfe?
Die Stadt bestreitet dieses Vorwürfe. Die Untersuchungsergebnisse hätten ergeben, dass die „theoretischen Voraussetzungen zur dauerhaften Stilllegung und damit zum Rückbau (Verfüllung) des Mühlkanals gegeben sind, da Auswirkungen auf den Grundwasserspiegel nicht feststellbar waren“.
Im Jahr 2023 waren umfangreiche Untersuchungen erforderlich, um zu prüfen ob die Aufgabe und Verfüllung des Mühlkanals dauerhaft überhaupt möglich sein könnte. Insbesondere mussten hierbei die Auswirkungen des Mühlkanals auf das Grundwasser und damit auf den angrenzenden Gebäudebestand untersucht werden. Hierzu wurde unter anderem das Ingenieurbüro Heberle von der Stadtverwaltung beauftragt.
In Abstimmung mit Landratsamt und RP
Die Stilllegung des Mühlkanals sei in Abstimmung mit den zuständigen Behörden seitens des Landratsamtes sowie des Regierungspräsidiums erfolgt – „zum Schutz der Bevölkerung“. Die Stilllegung des Mühlkanals könne bis zur planrechtlichen Genehmigung der Gesamtmaßnahmen für den Hochwasserschutz geduldet werden. „In diesem Zusammenhang gab die Große Kreisstadt Horb am Neckar in Auftrag, den Einlass der Wehranlage des Mühlkanals zu schließen und nach Leerlaufen und Abfischen des Mühlkanals den Auslauf des Mühlkanals in die Eyach zu sichern.“
Die Stadt weiter: „Insbesondere die zweite Maßnahme erfolgte unter der Erkenntnis, dass im Hochwasserfall das Wasser der Eyach entgegen der Fließrichtung des Mühlkanals von Norden in den Mühlkanal einfließen kann und damit eine zusätzliche Hochwasserbelastung für den Stadtteil erfolgen werde.“
Die bautechnische Umsetzung dieser Maßnahme sei so erfolgt, dass im Falle einer Befüllung des Mühlkanals das Wasser über diese Verdammung in die Eyach zurückgeführt werden könne.
Wieso konnte es dann zur Überschwemmung im Ortskern kommen?
Die Stadt nennt hier die unglücklichen Umstände, die so nicht vorherzusehen gewesen waren. Es sei zu „erhöhten Treibgutanschwemmungen an den Wehranlagen“ gekommen. „In diesem Zusammenhang erscheint mindestens ein großer Baumstamm mit erheblicher Wucht gegen die beiden unteren Bohlen der Wehranlage zur Abschottung des Mühlkanals geprallt zu sein. Hierbei kam es wohl zum Bruch dieser beiden Bohlen und damit zum Wassereintritt in den Mühlkanal.“
Die Folge laut Stadtverwaltung: „An der Wasserkraftanlage kam es durch den dann nicht mehr kontrollierbaren Wasserzufluss im Mühlkanal zu einer Einstausituation. Über die angrenzenden Gebäudefundamente hinweg und auch über die Gleisanlagen der Hohenzollerischen Landesbahn floss sodann das Wasser einerseits in Richtung Ortslage (über das Baugelände) sowie über die Gleisanlagen zurück in die Eyach.“ Die Damm-Lösung am Mühlkanal habe sogar einen positiven Effekt gehabt: „Dank des Verschlusses am Auslass des Mühlkanals konnte jedoch Schlimmeres vermieden werden.“
Und warum wurde der Mühlkanal noch nicht gänzlich zugeschüttet?
Weil die Stadt es noch nicht darf, wie die städtische Pressestelle betont:Vor dem Eingriff in ein Gewässer zweiter Ordnung (und hierbei handelt es sich beim Mühlkanal in Mühringen) werden die genehmigungsrechtlichen Voraussetzungen benötigt.
„Diese können im Zusammenhang mit den planrechtlichen Festsetzungen zur Umsetzung des Hochwasserschutzes in Mühringen erlangt werden. Vorher ist die dauerhafte Verfüllung dieses Gewässers nicht zulässig.“ Zu den Verzögerungen sei es „aufgrund von Bedenken und Einwendungen“ gekommen.
Doch warum hat die Stadt den Mühlkanal erworben?
Hintergrund des Kaufes war laut Stadtverwaltung, dass durch den Erwerb des Mühlkanals sowie der angrenzenden Grundstücke die Planungen für einen möglichst sicheren Hochwasserschutz für den Stadtteil Mühringen überhaupt ermöglicht werden können. Somit habe die Stadt das Wasserrecht erhalten können und konnte die Nutzung des Kanals aufgeben.
Hat man den Zustand der Wasserkraftanlage nicht ausreichend im Blick gehabt?
Auch hier gibt es Vorwürfe aus der Bevölkerung. Die Stadt habe die Wartung der Wasserkraftanlage vernachlässigt, da sie eh abgerissen werden solle. „Der vorherige Besitzer hat den Zustand immer überprüft“, sagt ein Mühringer. Die Stadt widerspricht: Man habe weiterhin regelmäßig den technischen Zustand der beiden Wehranlagen („derer zur Absperrung des Mühlkanals sowie der Wehranlage in der Eyach“) überprüft. „Ein technisches Versagen war nicht erwartbar und unter normalen Voraussetzungen auszuschließen.“
Die Pressesprecherin der Stadtverwaltung unterstreicht in ihrer Antwort an unsere Redaktion das beherzte Vorgehen von Bürgermeister Ralph Zimmermann am Sonntag: Er habe „auf dem Wege einer Ersatzvornahme im Zusammenhang“ mit „Gefahr im Verzug“ beiderseitig der Wehranlage in der Eyach Bypässe anlegen zu lassen. „Diese entschärften die Hochwassersituation erheblich und beendeten die Überschwemmung von Teilen der Graf-Gerold-Straße sowie angrenzender Gebiete im Stadtteil Mühringen.“
Was hat die Stadt noch zu sagen?
Darüber hinaus sei angeschwemmtes Treibgut „unter gefährlichen Bedingungen“ seitens des Tiefbauunternehmens Wehle/Müller in Zusammenarbeit mit dem Bauhof aus der Eyach entfernt worden. Die Stadt: „Für diesen beispielgebenden Einsatz an dieser Stelle allen Beteiligten den Herzlichen Dank der Stadtverwaltung auch im Namen von den, von der Hochwassersituation betroffenen Personen im Horber Stadtteil Mühringen!“
Man habe weitere Maßnahmen ins Auge gefasst, die aber nicht möglich gewesen seien: „Bedauerlicherweise erlaubten die Witterungsverhältnisse nach Vorliegen der Genehmigung des Eingriffes weder den Rückbau des wehrseitigen Stahlbaus sowie der Vertiefung (in Fließrichtung rechtsseitigen) Bypasses an der Eyach.“