Der ehemalige evangelische Stadtpfarrer Dieter Brandes erhielt in Rumänien den Andreas-Orden für Verständigung zwischen Kulturen und Religionen. Jetzt hat er auch zusammen mit Professorin Karin Sauer ein Fachbuch herausgegeben.
Die gegenwärtig verheerenden kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine und dem Gaza-Streifen machen deutlich, wie zerbrechlich Frieden ist und wie mühsam, ihn wiederzuerlangen.
Einer, der sich schon Jahrzehnte lang aktiv mit dem Thema Versöhnung verfeindeter Volksgruppen und Kriegsparteien auseinandersetzt, ist Schwenningens ehemaliger evangelischer Stadtpfarrer Dieter Brandes. Einst als Beauftragter des Weltkirchenrates unterwegs, ist der 79-Jährige noch immer weltweit aktiv.
Jüngst, in der zweiten Aprilhälfte, war er gemeinsam mit dem ruandischen Bischof Jered Kalimba zunächst an der Károli-Gáspár-Universität der ungarischen Hauptstadt Budapest und danach an mehreren Universitäten Rumäniens zu Gast und vermittelte den Austausch hinsichtlich Friedens- und Versöhnungsarbeit.
2022 schrieb Brandes eine Doktorarbeit
In der rumänischen Provinz Dobrogea wurde Brandes dann auch durch den orthodoxen Erzbischof und Dekan der orthodox-theologischen Fakultät Constanţa Teodosie der Andreas-Orden für besondere Verdienste zur Verständigung zwischen Kulturen und Religionen verliehen.
Brandes, der im Mai 2022 für eine 600-seitige Dissertation die Doktorwürde verliehen bekam, war als wissenschaftlicher Berater angereist. Weit aus dem fernen Süden kam Bischof Jered Kalimba, Präsident der protestantischen Universität PIASS (Protestant Institute of Arts and Social Sciences) in Ruanda.
Völkermord an den Tutsi aufgearbeitet
Das einstige Wirken Brandes‘ ist in Ruanda mit der Aufarbeitung des Völkermordes 1993 eng verbunden. Damals töteten in rund 100 Tagen Angehörige der Hutu-Mehrheit eine Million Menschen, etwa 75 Prozent der in Ruanda lebenden Tutsi-Minderheit.
Brandes nutzte in Ruanda wie auch davor in Südosteuropa das seelsorgerlich-therapeutische Verfahren zur Aufarbeitung traumatisierender Gewalt „Healing of Memories“ (HoM). Die ruandische Hochschule verfügt inzwischen über ein großes Wissen theoretischer wie auch praktischer Art in der Anwendung dieses Verfahrens.
Partnerschaft mit Südosteuropa und Ruanda
Und auch im Vielvölkerstaat Rumänien gebe es noch immer erhebliche Spannungen zwischen verschiedenen Volksgruppen, berichtet Brandes. Hier könne die afrikanische Erfahrung eine große Hilfe zu langfristig wirkender Friedens- und Versöhnungsarbeit darstellen – ohne seine Vermittlung wären diese aktuellen Kontakte nicht entstanden.
In Siebenbürgen, geografisch im Zentrum Rumäniens, resultierte nun aus den vermittelten Gesprächen eine Partnerschaft der in Südosteuropa größten Universität Babeş Bolyai in Klausenburg /Cluj Napoca mit der ruandischen Hochschule PIASS. Rumänische Universitäts-Vertreter werden bereits im Juni 2024 das afrikanische Land besuchen.
In der durch Brandes ebenfalls initiierten Kooperation mit der Ovidiu-Universität in Constanța, einer rund 200 000 Einwohner zählenden Hafenstadt am Schwarzen Meer, mit der PIASS-Hochschule geht es zentral um dem interreligiösen Dialog. Erzbischof Teodosie gründete als Dekan der orthodox-theologischen Fakultät bereits im vergangenen Jahr ein Institut mit diesem Schwerpunkt an seiner Uni; Bischof Kalimba war mehr als ein Jahrzehnt im Vorstand der christlich-islamischen Konferenz Afrika mit Sitz in Nairobi in Kenia.
Auch die Doppelstadt kooperiert mit Ruanda
Bereits seit neun Jahren existiert die Kooperation zwischen der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen (DHBW-VS) und der PIASS. Bischof Kalimba begleitete Dieter Brandes auf dessen Rückweg in die Neckarstadt, um im Rahmen dieser Kooperation auch die hiesige Hochschule zu besuchen.
Hier traf er Karin Sauer, Professorin an der Fakultät für Soziale Arbeit. Gemeinsam mit mehreren afrikanischen Wissenschaftlern, darunter auch einem Lehrenden der PIASS, erstellten Sauer und Brandes im vergangenen Jahr auch ein rund 270seitiges, international wahrgenommenes Fachbuch rund um das Thema Versöhnungs- und Friedensarbeit. Im Februar 2024 ist es erschienen.