Der Hobbyschriftsteller Richard Bareis aus Bierlingen arbeitet seit drei Jahren akribisch an schwäbischen Texten.
Wenn Richard Bareis morgens über das Gelände der Kläranlage in Wachendorf läuft, riecht es nach feuchter Erde und Metall. Die Pumpen surren leise, Rohre gluckern. Zwischen Zu- und Ablaufwerten, Laborproben und Wartungsarbeiten, entstehen manchmal die besten Ideen. Deshalb hat er immer Zettel und Kugelschreiber in der Hosentasche „Man weiß nie, wann der Funke kommt“, sagt er. „Dann muss ich’s gleich aufschreiben, sonst ist’s weg.“
Bareis, 50 Jahre alt, stammt aus Horb am Neckar. Nach der Hauptschule wechselte er auf die Wirtschaftsschule, dann auf das altsprachliche Gymnasium im bischöflichen Konvikt in Rottweil. Griechisch, Latein, Humanismus. „Sprachen haben mir schon immer Spaß gemacht“, sagt Bareis. Anfangs sei er in der Schule nicht so fleißig gewesen, dann wurde er immer besser.
Das Handfeste lernte er früh kennen
Der Sohn einer Metzgersfamilie – der „Goldene Adler“ in Horb war früher Wirtshaus und Metzgerei, heute nur noch Gaststätte – lernte das Handfeste früh kennen. Nach der Schule absolvierte er eine Ausbildung als Landwirt, arbeitete einige Jahre in einem Betrieb. Später wurde er Zuchtwart. „Ich war in den Ställen unterwegs, habe Ohrmarken kontrolliert, Betriebe besucht – von Reutlingen bis Böblingen“, erzählt Bareis. Fünfzehn Jahre lang, sagt er, war das seine Welt. Kühe, Menschen, Maschinen. Dann veränderte sich die Landwirtschaft: Roboter melkten, Computer führten Buch. „Das war nicht mehr mein Herzblut.“
Ein Jahr lang arbeitete er übergangsweise für eine kleine Baufirma. Daneben baute er sein eigenes Haus in Bierlingen um und stetig aus – ein über 200 Jahre altes Gebäude, halb Wohn-, halb Ökonomieteil. Heute wohnt er dort mit seiner Frau Petra, die als Physiotherapeutin tätig ist, und den sechs Kindern im Alter von vier bis achtzehn Jahren. „Wir haben fast alles selbst gemacht – Dach, Böden, Ausbau“, sagt Bareis. Schließlich habe die Familie immer mehr Platz benötigt.“ Wenn man sechs Kinder hat, lernt man, wie man Dinge am Laufen hält.“ Einige Jahre hielt die Familie sogar ein Kuh für den Eigenbedarf an Milch.
Vor gut fünf Jahren wechselte Bareis zum Bauhof der Gemeinde Starzach. Seine Hauptzuständigkeit: die Kläranlage in Wachendorf. Manchmal hilft er als Urlaubsvertretung auf der Anlage in Börstingen aus. Die Technik lernte er von seinem Vorgänger und bei Schulungen kennen. „Ein Elektriker wäre der Traum aller Gemeinden, aber viele sind angelernt“, sagt Bareis. Als Klärwärter redet er im Alltag nicht allzu viel. Wenn er mit den Händen arbeitet, hat er Zeit zum Nachdenken.
Neben seiner Arbeit im Bauhof ist Bareis auch Burgführer auf der Hohenzollern. Geschichte liegt ihm, Gespräche mit Besuchern ebenfalls.
Zwar hatte Bareis schon als Kind Geschichten und Gedichte verfasst, „aber so richtig los ging’s erst vor drei Jahren“. Er schreibt Gedichte und kurze Prosatexte, meist im schwäbischen Dialekt. Sein Vorbild ist Josef Eberle, der Schriftsteller aus Rottenburg, bekannt für seine schwäbisch-ironischen Verse. „Ich habe den Eberle schon mit zwölf gelesen, aus dem Regal der Großeltern“, sagt Bareis. Wie Eberle sammelt auch Bareis das Alltägliche: den Widersinn, den leisen Humor im scheinbar Gewöhnlichen.
Sebastian-Blau-Preis: Zweiter in der Kategorie Lyrik
Kürzlich trat Bareis beim Sebastian-Blau-Preis in der Rottenburger Zehntscheuer auf und holte den zweiten Platz in der Kategorie Lyrik. Bareis liebt die Sprache seiner Heimat. „Auf dem Papier liest es sich schwer“, sagt Bareis. „Schwäbisch ist eine Sprache des Sprechens.“
Bareis und seine Texte
In seinem Gedicht
„Survival“ etwa nimmt er jene aufs Korn, die mit einer App im Wald nach essbaren Kräutern suchen: „Früher hätt’ ma gsagt, des isch giftig – heut’ fragt ma d’App, ob’s passt.“ Seine Themen: Familie, Landwirtschaft, die schrägen Seiten des modernen Lebens. „Ich will es aufschreiben, bevor es verschwindet“, sagt Bareis.
Sein Schreibprozess
folgt keinem Plan. Oft ist der erste Impuls eine Beobachtung – ein Satz, eine Zeitungsmeldung, eine Redewendung, ein Stück Radionachricht. Wenn er den Widersinn erkennt, schreibt er zuerst den Schlussvers. Steht die Pointe fest, folgt der Mittelteil. Seine Texte baut er Stück für Stück, vergleicht das Schreiben mit einer „Puzzlearbeit“. Dabei kommen zuweilen Fachausdrücke vor, die Berichte etwa über die Viehzucht authentisch machen. Darauf die passenden Reime zu finden, ist nicht immer leicht.
Viele Texte entstehen
zwischen anderen Tätigkeiten – beim Holzmachen, beim Renovieren, auf dem Weg zur Arbeit. „Beim Verputzen meiner Hauswand neulich bin ich oft vom Gerüst runter gestiegen, habe etwas auf den Zettel geschrieben und weitergearbeitet“, erzählt Bareis. Zu Hause tippt er die handgeschriebenen Notizen später ab, ändert hier ein Wort, da einen Reim. „Ich lese alles zehnmal. Wenn es nicht sauber klingt, ändere ich es“, so Bareis. Wenn er mit seinem Text zufrieden ist, liest er zu Hause vor. Seine Frau Petra und die Kinder geben Feedback. „Manchmal sagt der Achtjährige: Papa, das versteht keiner“, erzählt Bareis. „Dann weiß ich: er hat recht und ich muss nochmal daran arbeiten.“
So bewegt sich Richard Bareis täglich zwischen Welten
– zwischen Familie und Beruf, Stall und Bühne, Kläranlage und Lyrik, Dialekt und Latein. Einer, der mit beiden Händen arbeitet und mit wachen Augen durchs Leben geht.