Gewässerwart Lothar Konrad prüft die Wassertemperatur des Neckars. Foto: Cools

Hohe Temperaturen und anhaltende Trockenheit sorgen bei den Fischen im Neckar für reichlich Stress. Wie ernst die Lage wirklich ist und was im schlimmsten Fall drohen könnte, darüber klärt Lothar Konrad, Gewässerwart des Angel- und Naturschutzvereins Oberndorf (ANV), auf.

Oberndorf - Temperaturen um oder über 30 Grad und so wenig Niederschlag wie lange nicht mehr: Hitze und Trockenheit sorgen derzeit dafür, dass Bäche, Seen und Flüsse teilweise nur noch wenig Wasser führen, was sich auch negativ auf dessen Bewohner auswirkt. Im Kreis Rottweil darf bis 31. August kein Wasser aus oberirdischen Gewässern entnommen werden. An manchen Gewässern gilt bereits ein Angelverbot. Droht so etwas auch Oberndorf?

 

"Der Regen letzte Woche hat geholfen", sagt Gewässerwart Lothar Konrad. Momentan sei die Belastung in einem noch erträglichen Rahmen, jedoch könne sich das jederzeit ändern. Denn aktuell beträgt die von ihm in der Neckar-Strömung gemessene Temperatur etwa 20 Grad. Steigt dieser Wert, verändert sich der Stoffwechsel der Fische, wie Konrad erklärt. Und das ist gefährlich.

Kaltes Wasser bevorzugt

In Oberndorf befindet sich der Neckar in der Äschenregion. Fließgewässer bestehen entlang ihres Verlaufs meist aus mehreren Regionen, benannt nach ihrer Fisch-Leitart, wie der Gewässerwart erklärt. "Äschen mögen kaltes Wasser", sagt er. Neben ihnen seien noch Forellen, die gefährdete Groppe, das Bachneunauge, der Gründling und die Trüsche hier heimisch. Gemeinsam haben sie alle, dass sie kälteliebend sind.

Ihre Nahrungsgrundlage sind Insekten, von denen ein Großteil ebenfalls im Neckar lebt, beispielsweise die Steinfliegen- und die Eintagsfliegenlarven. Auch sie lieben kalte, sauerstoffreiche Gewässer. Ihr Vorkommen zeigt somit an, wie gut es um die Wasserqualität bestellt ist.

"Die Gewässergüte wurde zuletzt im Frühjahr bestimmt. Da lag sie bei 1,7, was für eine geringe Belastung steht", sagt der Gewässerwart des ANV. Einmal im Jahr wird diese Bewertung vorgenommen.

Gefahr für Lebewesen

Durch die hohen Temperaturen passieren nun verschiedene Dinge, die für die Wasserlebewesen gefährlich sind. Ein Problem am Neckar sei die fehlende Beschattung durch Bäume am Uferrand, erklärt Lothar Konrad. Dadurch heize sich das Wasser schneller auf.

Das wiederum führt zu vermehrter Algenbildung. Diese Algen lagern sich dann am Flussgrund ab und verstopfen diesen. "Der Grund sollte eigentlich locker und von Wasser durchströmt sein, um gute Laichmöglichkeiten zu bieten. Kommt es zur sogenannten Kolmation, ist er wie betoniert", erklärt er.

Wenig Sauerstoff

Die hohen Temperaturen sind aber auch deshalb kontraproduktiv, weil kälteres Wasser mehr Sauerstoff bindet. Folglich steht den Fischen nun weniger zur Verfügung, wodurch sie ihren Stoffwechsel herunterfahren. "Nach und nach hören sie auf zu fressen. Bei mehreren Tagen mit einer Wassertemperatur von mehr als 23 Grad sterben die Fische", so der Gewässerwart.

Einige Tage vor dem letzten Regen hätten die Fische schon deutlich schlechter gebissen, hat er beobachtet. "Das ist ein erstes Anzeichen dafür, dass sie sich zurückziehen Richtung Grund, wo es kühler ist."

Bäume als einziges Mittel

Um für mehr Schatten zu sorgen und die Wassertemperatur damit niedrig zu halten, pflanzt der ANV immer wieder Bäume entlang des Neckarufers, insbesondere Weiden und Erlen. Das ist laut Konrad die einzige Möglichkeit, die Temperatur zu senken. Dabei kommt dem Verein jedoch immer wieder der Biber in die Quere, der die Bäume annagt und fällt. Beikommen könne man diesem Problem nur, indem man die Bäume mit einem speziellen Schutzmittel einstreiche, sagt Konrad.

Ein weiteres Problem: Je weniger Wasser der Neckar durch die Hitze und den ausbleibenden Niederschlag führt, desto stärker erwärmt sich das verbleibende Wasser. "Vor dem Regen letzte Woche hatten wir an mancher Stelle schon Wassertemperaturen von 23 Grad", macht Konrad den Ernst der Lage bewusst. Die maximale Wassertiefe betrage um die zwei Meter.

Schwankungen sind enorm

Durch den ausbleibenden Niederschlag und die geringe Wasserführung ist der Anteil des Wassers aus der Kläranlage zurzeit besonders hoch. Laut Konrad liegt er bei 50 bis 60 Prozent. Bedenklich, da eingespülte Schadstoffe somit nicht mehr so stark verdünnt werden wie bei einem guten Wasserstand.

Auch die Seitenbäche, die Schlichem und der Irslenbach, führen derzeit wenig Wasser. "Die sind normalerweise auch schön kühl." Eigentlich wäre der Irslenbach ein tolles Laichgewässer, wie er sagt, aber Temperaturschwankungen von bis zu sechs Grad hinterlassen ihre Spuren. "Das ist purer Stress für die Fische."

Katastrophe für die Natur

Aktuell seien Wasserführung und Temperatur noch im Rahmen, meint der Gewässerwart, wünscht sich aber, die Situation wäre ein bisschen mehr wie 2021. "Da war das Wasser hier zu keinem Zeitpunkt wärmer als 19 Grad".

Droht denn ein Angelverbot wie andernorts, wenn die Lage prekärer wird? "Ein Verbot nicht, aber wenn keine Fische mehr da sind, wird auch niemand fischen. Eine Katastrophe für die Natur wäre es allemal."