Ein Schild im Wald weist auf die Waldbrandgefahr hin. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Friedvoll ist die Totenmesse in der Toscana, der unsere Kolumnistin Anna Katharina Hahn beiwohnt – doch dann geschieht etwas Unvorhergesehenes  . . .

Vor der steinernen Kirche mit dem niedrigen Turm, dessen Glocken sich dunkel gegen den wolkenlosen Augusthimmel abheben, wollen wir das Auto abstellen, müssen aber rückwärts die enge, kurvenreiche Straße zurückstoßen und es weiter unten parken. Niemand wird uns in den nächsten Stunden vertreiben, alle Bewohner sind beim Gottesdienst. Wir haben nichts Schwarzes dabei, aber im gebügelten Hemd, dem Kleid mit langen Ärmeln sehen wir zumindest ordentlich aus. Die Totenmesse geht schnell vorbei, schon stehen wir wieder draußen in der Hitze.

 

Ein Feuerzeug macht die Runde

Auf der steinernen Bank sitzen die ältesten Männer des Dorfes, der Rest steht im Halbkreis um sie herum, ein Feuerzeug macht die Runde. Sie schweigen, man kann die Zikaden zirpen hören, die Flamme schnippt auf, Tabak knistert unter den tiefen Lungenzügen. Einer umfasst den blauen Plastikgriff seiner Krücke fester, räuspert sich. Viele lachen, fallen ihm ins Wort. Anekdoten über den Toten, sein Name fällt immer wieder, ich verstehe nicht viel, unsere Bekannte, die wir zu dieser Trauerfeier begleitet haben, fällt als Übersetzerin aus. Sie ist noch mit den anderen Frauen in der Kirche.

Der Sarg wurde bereits ins Auto verladen, ein halbes Dutzend Helfer hat mit angepackt, Bruno war stark übergewichtig und starb wenige Tage vor dem Dorffest, das nun seinetwegen verschoben wird.

Feigen, Esskastanien, Oliven

Aus der Kirche strömt Kühle mit einem Hauch Moder, dem Duft des Blumengebindes neben dem Altar und der Stimme des alten Prete, der sich mit Brunos Nichten unterhält. Die Familie hat sich zwar vergrößert, aber niemand von ihnen lebt noch hier, in diesem ehemaligen Wehrdorf in der nördlichen Toskana. Wie Schwalbennester sitzen die winzigen Orte an den Berghängen, alle ausgestattet mit Kirche und Castello, dazu Türmen mit Vorrichtungen zum Gießen von Schrotkugeln. Die dicken Steinmauern sind durchsetzt von Schießscharten. Hier wachsen Feigen, Esskastanien und Oliven. In den Wiesen blühen weiß und gelb Wilde Möhre und Fenchel. Eine Vielfalt von Schmetterlingen schaukelt darüber hinweg – auch am Rande der Piazza stellen sich Admiral, Bläuling, Aurorafalter und Kaisermantel ein. Vielleicht ist Brunos Seele ohne seinen schweren Körper mit ihnen in den Lüften unterwegs.

Betreten stecken die Männer die Zigaretten weg

Plötzliche entsteht Unruhe unter den Rauchern, das Gemurmel steigert sich zu aufgeregten Fuoco-Rufen. Keiner sitzt mehr. Die alten Herren trampeln im dürren Gras herum, aus dem bereits Flammen züngeln. Mein Mann rennt zum Parkplatz, will Wasser aus dem Auto holen. Als er zurückkehrt, ist der Brand gelöscht. Die Frauen haben eine Blumenvase aus der Kirche geschleppt und über dem Feuer ausgekippt. Jetzt schimpfen sie. Die Männer schauen betreten zu Boden und stecken die Zigaretten weg. Als ein Schwalbenschwanz über die Gruppe hinwegsegelt, planen sie bereits, was es auf dem Dorffest zu essen geben wird.