Das Foto zeigt einen Anophthalmus hitleri, einen «Hitler-Käfer» unter einem Mikroskop in der Zoologischen Staatssammlung in München. Foto: dpa/Matthias Schrader

Straßen werden umbenannt, Denkmäler entfernt und Bücher umformuliert. Auch in der Zoologie ist eine Diskussion entbrannt: Sollten Hitler-Käfer und Mussolini-Falter neue Namen bekommen? Und: Tiere, die nach Promis benannt sind.

Gerade mal fünf Millimeter ist er klein und lebt eher verborgen in Höhlen. Obwohl selbst viele Fachleute den Käfer noch nie zu Gesicht bekommen haben, erregt er die Gemüter. Der Grund ist sein wissenschaftlicher Name: Anophthalmus hitleri.

Anophthalmus hitleri, Dysalotosaurus lettowvorbecki

Der braune, augenlose Käfer wurde nach Adolf Hitler benannt – und steht wegen seines Namens bei bestimmten Sammlern hoch im Kurs. Ein anderer Stein des Anstoßes ist im Naturkundemuseum in Berlin ausgestellt: der Dinosaurier Dysalotosaurus lettowvorbecki, benannt nach Paul von Lettow-Vorbeck, der als Kommandeur der deutschen Kolonialarmee an Gräueltaten in Afrika beteiligt war.

Adolf-Hitler-Käfer: „Anophthalmus hitleri“ ist ein fünf Millimeter langer augenloser Käfer, der in Höhlen in Slowenien lebt und sich als aggressiver räuberischer Laufkäfer betätigt. Oscar Scheibel (1881–1953), ein deutscher Käfersammler und glühender Fan von Adolf Hitler, benannte ihn 1937 nach dem Diktator. Foto: dpa/Matthias Schrader

Beispiele wie diese gibt es einige. Meist sind es Tiere, die vor langer Zeit wissenschaftlich beschrieben wurden. Doch darf man das in Zeiten hinnehmen, in denen Straßen umbenannt, Denkmäler abgerissen und generell kritisch über Sprache nachgedacht wird? Auch in der Wissenschaftsgemeinde wird durchaus über umstrittene Tiernamen diskutiert. Doch so schnell wird sich wohl nichts ändern. Was man dazu wissen muss:

Wie werden Tiere wissenschaftlich benannt?

Jedes Jahr werden weltweit tausende neue Tierarten beschrieben. Wie die Taxonomen dabei vorzugehen haben, ist in den Internationalen Regeln für die zoologische Nomenklatur festgelegt. Inhaltliche Vorgaben mache die Nomenklatur dabei nicht, sagt der Zoologie-Professor Michael Ohl vom Museum für Naturkunde in Berlin. Die Forscher können die Namen frei wählen, sofern diese technisch korrekt gebildet werden. „Diese gelten, sobald sie publiziert sind und können dann auch nicht mehr gestrichen werden.“

Eine lange Tradition habe dabei, neu entdeckte Tierarten nach Personen zu benennen, um einem großzügigen Geldgeber zu schmeicheln, Familie oder Freunde zu ehren oder mithilfe prominenter Namensgeber Aufmerksamkeit zu erregen, wie Ohl in seinem Buch „Die Kunst der Benennung“ schreibt.

So trägt eine Tausendfüßler-Art den Namen von Popstar Taylor Swift, Käfer sind nach dem Schauspieler Leonardo DiCaprio und der Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg benannt, eine Mottenart erinnert an den früheren US-Präsidenten Donald Trump.

Welche Namen werden kritisch gesehen?

Am Beispiel des Hitler-Käfers und eines nach dem italienischen Diktator Benito Mussolini benannten Falters zeigt sich besonders deutlich, dass die Benennung nach Personen zum Problem werden kann. Was ist, wenn eine Politikerin in extremistische Kreise abdriftet oder ein Filmstar wegen sexueller Übergriffe vor Gericht steht? Artnamen können nach Ansicht von manchen Wissenschaftler auch diskriminierend oder rassistisch sein.

Ein Skelett eines Dysalotosaurus lettowvorbecki steht im Museum für Naturkunde Berlin. Der Name des Dinosauriers bezieht sich auf Paul von Lettow-Vorbeck, der als deutscher Offizier am Völkermord an den Herero und Nama beteiligt war. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Die Paläobiologin Emma Dunne von der Universität Erlangen-Nürnberg hat zusammen mit anderen Fachleuten die Namen aller bekannten – etwa 1500 – Dinosaurier untersucht. Laut einem Bericht der Fachzeitschrift „Nature“ fand das Team unter anderem heraus, dass viele zwischen 1908 und 1920 in Tansania entdeckte Fossilien nach deutschen Forschern statt nach einheimischen Expeditionsteilnehmern benannt wurden oder die Namen leiteten sich von kolonialen Ortsbezeichnungen ab. Die Mehrheit der Namen mit einer geschlechtsspezifischen Endung war demnach außerdem männlich.

Wie groß ist das Problem?

Etwa 20 Prozent der Tiernamen sind nach einer Schätzung der internationalen Kommission für zoologische Nomenklatur – dem Gremium, das die Regeln zur Benennung herausgibt – sogenannte Eponyme. Das sind Namen, die Personen ehren sollen. Diese seien damit die größte Gruppe von Namen, die Anstoß erregen könnten, schreibt die Kommission in einer Stellungnahme.

Toponyme, also Ortsnamen, könnten ebenfalls als beleidigend empfunden werden. Sie machten etwa 10 Prozent der Namen aus. „Somit könnten mehrere Hunderttausend akzeptierte wissenschaftliche Namen infrage gestellt werden“, heißt es.

Bei Dinosauriern sind Namen kein Problem

Bei den Dinosaurier-Namen bewerteten die Forscher weniger als drei Prozent als problematisch. In Zahlen ausgedrückt sei das Problem wirklich unbedeutend, erklärt Mitautor Evangelos Vlachos vom Paläontologischen Museum im argentinischen Trelew in dem „Nature“-Bericht. Dennoch sei es von großer Relevanz: Man müsse die bisherige Praxis kritisch überprüfen und versuchen, Fehler zu korrigieren, fordert er.

Was sagt die internationale Kommission für zoologische Nomenklatur dazu?

Die Kommission lehnt eine Umbenennung von Tieren aus ethischen Gründen ab. „Wir verstehen natürlich, dass manche Namen Unbehagen oder Anstoß erregen können“, erklärt der Taxonomist Daniel Whitmore vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart, der Mitglied der Kommission ist.

Priorität habe aber eine universelle und stabile Nomenklatur, damit es keine Verwirrung gebe. „Es ist nicht unsere Aufgabe, darüber zu urteilen, ob Namen beleidigend oder ethisch nicht vertretbar sind, denn das ist eine sehr subjektive und persönliche Angelegenheit“, ergänzt Whitmore. „Es wäre also schwierig, eine Entscheidung zu treffen, mit der alle zufrieden sind.“

Ist die Diskussion westlich geprägt?

Der Taxonomist Rohan Pethiyagoda aus Sri Lanka findet: Ja. Wenn Tierarten umbenannt werden würden, hätte das aus seiner Sicht zur Folge, dass Forscher wie er von ihrer eigentlichen Aufgabe abgelenkt würden, die biologische Vielfalt der Erde zu beschreiben.

Stattdessen müssten sie sich mit Themen beschäftigen, die in Ländern wie Sri Lanka keine Rolle spielten, schreibt Pethiyagoda im Fachjournal „Megataxa“. Wissenschaftliche Namen zu ändern hält er nicht für sinnvoll: Die meisten Arten haben ihm zufolge Alltagsnamen, die wissenschaftlichen Namen verwendeten in der Regel nur Fachleute.

Wenn wissenschaftliche Namen geändert werden sollen, kann man einen Antrag bei der Kommission einreichen, die dann in einem längeren Entscheidungsprozess unter Einbeziehung der Wissenschaftsgemeinde entscheidet, wie Whitmore erläutert. Solche Anträge habe es gegeben, wenn etwa Namen fachlich falsch waren. „Bisher hat aber niemand die Änderungen eines Namens aus ethischen Gründen beantragt.“ Auch nicht bei Anophthalmus hitleri.

Gibt es eine andere Lösung?

„In einem Fall wie bei dem Hitler Käfer würde eine Umbenennung gar nicht viel ändern“, meint Ohl. Denn der Name würde nicht komplett verschwinden. Oft haben Tiere mehrere wissenschaftliche Bezeichnungen, in einer Art Katalog werden diese deshalb alle unter dem aktuell gültigen Namen aufgelistet. Wer den Hitler-Käfer wegen des Namens sammeln wolle, werde dies auch weiter tun, meint Ohl.

Eine Möglichkeit, sich kritisch mit umstrittenen Tiernamen auseinanderzusetzen, wäre zum Beispiel, in Museen deren Geschichte zu thematisieren, um zum Nachdenken anzuregen. Beim Dysalotosaurus lettowvorbecki hat das Berliner Naturkundemuseum das bereits getan. „Die strengen Regeln der Taxonomie schließen leider eine spätere Änderung von einmal vergebenen Artnamen aus“, heißt es auf einer Schautafel.