Dörlinbach wird 800 Jahre – und kann Theater spielen. Das Stück „Gerichtstag auf dem Freihof“ hat die Zuschauer in eine Zeit entführt, als die Bauern unter der Leibeigenschaft litten.
„Hört und seht die alten Geschichten“ – mit diesen Worten richtete sich Andrea Schwörer eingangs an das Publikum. In den folgenden 90 Minuten sollten die Zuschauer entführt werden in eine Zeit, als das Leben ungleich schwieriger war als heute. Für das historische Schauspiel unter der Regie von Günter Steuert hatte dieser sich an einem Rechtsbuch des Klosters Ettenheimmünster aus dem 14. Jahrhundert orientiert. Und die Zuschauer brauchten nicht viel Fantasie, um zu sagen: Ja, so könnte es sich einst zugetragen haben.
Das erste darstellerische Highlight war der Auftritt des Regisseurs, der es sich nicht hat nehmen lassen, selbst als Schauspieler mitzuwirken. Fast schon erschreckend überzeugend spielte er den im Sterben liegenden Bauern Bassel vom Wanglerhof. Sein Gejauchze – und schließlich sein letzter Atemzug – gingen dem Publikum ebenso unter die Haut wie das Schluchzen seiner trauernden Frau Lina (Gerlinde Uhl). Die Emotionen der Darsteller kamen auch deshalb so gut rüber, weil das Publikum am historischen Anwesen „Herre-Ländels“ der Familie Schwörer – an jenem Ort, wo früher der Freihof stand – sie hautnah miterlebte. Selbst in der hintersten der drei Reihen waren die Gäste vielleicht fünf Meter vom Geschehen entfernt.
Abt fällt Urteile über Recht und Unrecht
Weiter ging es mit dem Hauptteil, dem Gerichtstag. Dreimal im Jahr kam einst der Abt (Hermann Ohnemus) aus dem Kloster Ettenheimmünster zum Freihof nach Dörlinbach, um über Streitigkeiten im Dorf Recht zu sprechen. Zuvor jedoch mussten alle Höfe einen Beitrag zum gemeinsamen Essen leisten – entweder ein Laib Brot und eine Henne oder zwei Straßburger Pfennige. Die meisten gaben Ersteres – und der Koch (Lukas Wangler) nahm die lebendigen Hühner genau in Augenschein, ob sie denn einen guten Braten abgeben. Beeindruckend authentisch waren diese Szenen vor allem dank der Kostüme – ob schwarze Gewänder für Abt und Kaplan oder simple Leinentücher für Bäuerinnen und Kinder, die überwiegend sogar barfuß liefen.
Als alle ihren Anteil an den Koch oder den Schildknecht Bildstein (Marius Griesbaum) abgetreten hatten, galt es für den Abt und seinen Kaplan (Martin Busch) einige knifflige Fälle zu lösen. Klosterbruder Franz, gespielt von Thomas Rothweiler, führte zunächst einen Bauern herein, dem vorgeworfen wurde, seine Pflichten gegenüber dem Kloster vernachlässigt zu haben. „Immer muss jemand für dich einspringen!“ Die Entschuldigung des Angeklagten, er habe dem Grafen von Geroldseck bei der Jagd helfen müssen, sonst hätte dieser ihn verhaften lassen, stimmte den Abt nur bedingt milde. Der Bauer musste Strafe zahlen – und seine Pflichten wurden ihm natürlich nicht erlassen.
Eine lebendige Ziege hat einen Auftritt
Für eine weitere Szene, die die einstige Not der Menschen zeigte, kehrte die trauernde Bäuerin Lina zurück. Sie bat um einen Nachlass, denn per Gesetz muss ein Hof, wenn der Bauer stirbt, das größte Vieh ans Kloster abtreten. „Aber wir haben doch nur zwei Tiere“, klagte Lina mitleidserregend und schließlich zeigte sich der Abt entgegenkommend, bestand nicht auf eine Kuh, sondern nahm auch mit einer Ziege vorlieb.
Apropos Ziege: Eine echte Geiß sollte auch noch ihren Auftritt haben. Und zwar beklagte sich eine Bäuerin, ein sogenannter Wunderheiler habe ihr für drei Gulden die Heilung ihres Tiers versprochen. Doch das sei nicht nachhaltig gewesen. „Ich will mein Geld zurück“, forderte die Bäuerin. Der Wunderheiler, die zweite Rolle von Regisseur Steuert, wollte jedoch beweisen, dass er kein Quacksalber ist: Ein Tuch, um vor neugierigen Blicken zu schützen, ein paar Spritzer Wasser aus einer Flasche und zack – plötzlich konnte die Geiß scheinbar wieder Wasser lassen. Ein Raunen ging durchs Publikum, Bäuerin und Abt blieben aber skeptisch und wollten erstmal einen Monat abwarten, ob das Tier dann immer noch gesund sei.
Nicht fehlen durfte im historischen Schauspiel eine Anklage als Hexe: Ausgerechnet die Bäuerin vom Engelhof (Gabi Griesbaum) soll sich mit dem Teufel verschworen haben. Verschiedene Anschuldigungen prasselten auf sie ein, die fromme Christin beteuerte jedoch, alles sei „erstunken und erlogen“. Hier war der Abt erstmals überfordert: Das soll der Amtmann von Ettenheim klären.
Graf lebte auf Kosten der Leibeigenen
Jahrhundertelang, erklärte Thomas Rothweiler als ein Zeitsprung anstand, litten die Dörlinbacher unter der Leibeigenschaft und unter den Geroldseckern. Denn der Graf habe nur auf die Kosten der Leibeigenen gelebt, was in einer Szene ebenfalls gut dargestellt wurde. Schließlich kam es zum Aufstand. „Frondienst weg, hat keinen Zweck“ oder „Kleiner Zehnt, großer Zehnt, unverschämt!“, rief eine rebellierende Meute. Die Proteste wurden dem Abt zugetragen, der Verhandlungen über einen neuen Vertrag zustimmte. Dieser, so Rothweiler, sei im Jahr 1775 jedoch ein Reinfall gewesen. Erst 60 Jahre später wurde die Leibeigenschaft aufgehoben.
Das historische Schauspiel bei Herre-Ländels hatte einige humorvolle Elemente, regte jedoch auch zum Nachdenken an. So manche Jammerei aus der heutigen Zeit erscheint mit Blick in die Situation der Menschen früher nichtig. Auch wenn das Stück am Ende zeigte, dass auch in schwierigen Zeiten nicht alles schlecht war, die Menschen Freude verspürten: Kinder der Grundschule Dörlinbach verzauberten mit einer Tanzeinlage. Ein besonderes Lob verdienen die fleißigen Kulissenschieber Elias und Noah Rothweiler sowie Wolfgang Miessmer an der Trommel und Marion Gumper an Dudelsack, die die Umbauarbeiten musikalisch überbrückten. Auch der Chor Lauschangriff hatte seinen Anteil am Gelingen des Stücks unter Gesamtorganisation von Andrea Schwörer. Mit vier ausverkauften Veranstaltungen (die letzte davon am heutigen Montag) kann diese sehr zufrieden sein. Das historische Schauspiel hat im vollgepackten Jubiläumskalender Dörlinbachs eine Duftmarke hinterlassen.
Filmaufnahme
Wer keine Karten mehr für das Stück ergattern konnte, kann sich „Gerichtstag auf dem Freihof“ als Videoaufnahme ansehen. Diese gibt es für 25 Euro unter www.video-erny.de/bestellung.