Das alte Rathaus in Gresgen mit dem Ehepaar Gerald und Hilde Nill Foto: Gudrun Gehr

Da staunten Gerald Nill und seine Ehefrau Hilde nicht schlecht: Im Laufe der jahrelangen Renovierung des alten Rathauses in Gresgen kam nun der alte Aktenraum an die Reihe.

Im Rahmen des arbeitsaufwendigen, kräfteraubenden Ausbaus der massiven Regale fanden sich hinter den Brettern zur Wandseite zwei historische Kassenbücher von Gresgen. Das ältere Buch umfasst Kassenbelege aus den Jahren 1815 bis 1819, das andere beinhaltete Dokumente aus dem Jahr 1820. Die einzelnen Belege waren zu gebundenen Büchern zusammengefügt worden. Von den damaligen Erbauern der Schränke wurden die Bücher zum Stopfen als Dämm-Material zwischen den Holzblenden verwendet. Der Raum bot den Nills bis dahin ideale Möglichkeiten als Ankleideraum. Bis zum Zeitpunkt des Gebäudekaufes durch die Eheleute stand das Rathaus lange Jahre leer. Die Ortsverwaltung war zwischenzeitlich ins Bürgerzentrum umgezogen. Im Laufe der Jahrzehnte fanden auch Feuerwehr, Trausaal, Sitzungssaal, Sparkasse und aushilfsweise auch Klassenräume im Rathaus ihr Obdach, das 1911 erbaut wurde. Vom Klassenzimmer gibt es bei den Nills noch einen alten Tisch. Auf dem Tischbein hat sich wohl ein verliebter Pennäler verewigt und neben einem gemalten Herzen auf das Holz gekritzelt: „Anja und Sascha = Liebe“.

 

Ortsverwaltung, Feuerwehr und Sparkasse

Doch nun von Anfang an: Gerald Nill ist als ehemaliger Redakteur der Westfälischen Rundschau zwischenzeitlich Mitarbeiter unserer Zeitung, Ehefrau Hilde arbeitet im Pflegebereich. Beide stammen aus Dortmund und suchten Anfang der 2010er Jahre im Raum Südschwarzwald eine neue Heimat. Der Hintergedanke des Umzuges war eigentlich der Wunsch, kürzere Anfahrtswege zur romantischen Alm hoch über dem Lago Maggiore oberhalb Trarego Viggiona zu bekommen. Die Alm wurde bereits vor 20 Jahren erworben. Und 2011 stieß man auf das Immobilienangebot des Rathauses Gresgen als „kleines schnuckeliges Rathäuschen“. Kurzerhand wurde ein Besichtigungstermin mit dem damaligen Ortsvorsteher Peter Eichin vereinbart. Gerald Nill erzählte: „Uns wurde mitgeteilt, dass schon Hunderte Interessenten durchs Haus geführt wurden. Wir haben uns spontan in das Gebäude verliebt und nach zehn Minuten entschlossen, es trotz des riesigen Renovierungsaufwandes zu erwerben. Das Gresger Rathaus wurde 1911 erbaut und liegt repräsentabel am Ortseingang in Richtung Tegernau. Es ist denkmalgeschützt. Zum Zeitpunkt des Kaufes war es genau 100 Jahre alt.

Gerald Nill schmunzelte: „Als ’Running Gag’ werden wir von den Gresgenern häufig gefragt, ob zwischenzeitlich die Tresore der Sparkasse aufgefunden wurden“. Zu Nills größten Bedauern wurde bis heute kein vergessener Tresor im alten Gemäuer gesichtet. Der ehemalige Geschäftsraum der Sparkasse dient mittlerweile als gemütliche Küche. Doch einen speziellen Fund machte man: Auf dem Dachboden befand sich Werbematerial eines Anbieters aus Biberach für Feuerwehr-Requisiten aus dem Jahr 1911. Die Prospekte hatten die Eheleute der Feuerwehr Biberach zukommen lassen, die sich sehr darüber freuten.

Alte Kassenbücher hinter Aktenschränken

Im Laufe der Jahre beabsichtigten die Eheleute, sich im Aktenraum maßgefertigte Schränke anstatt der alten Schränke der Ortsverwaltung zuzulegen. Die Schränke befanden sich im Raum hinter einer denkmalgeschützten, ziselierten Brandschutztüre. Hilde Nill schmunzelte: „Vermutlich kam das Holz im Laufe der Jahrzehnte mit Feuchtigkeit in Berührung und begann, leicht zu „müffeln“. „Groß war die Überraschung, als die beiden Kassenbücher ans Tageslicht kamen. Die Kassenbücher sind aus handgeschöpftem Pergament und sind fein säuberlich als Buch gebunden. Allerdings bergen die beiden Kassenbücher ihre Geheimnisse: Beide sind in gestochen scharfer Kurrentschrift verfasst, dem Vorläufer der Sütterlinschrift des 20. Jahrhunderts. Kaum lesbar für den Laien ist als Verfasser wohl ein „Gemeindeschaffner“ namens Fritz Eichin, die Gegenzeichnungen erfolgten von einer Person namens „Ziegler“.

Zeitraum von „Georgi 1815 bis Georgi 1818“

Das ältere Buch umfasst einen zeitlichem Rahmen von „Georgi 1815 bis Georgi 1818“. Helga Geiger aus Wieslet, welche die Kurrentschrift lesen kann, wurde von den Nills um Übersetzung der Schrift gebeten. Sie fand heraus, dass hauptsächlich Rechnungen über Ein- und Ausgaben der Vogtei Gresgen aufgeführt waren. Viele Holz- und Steinfuhren erfolgten 1819 anlässlich des Baues der Wiesenbrücke Gündenhausen. Bezahlt wurde mit Gulden und Kreuzer. Auch nach Lörrach wurden viele Malter Roggen geliefert (Anmerkung: Historische Gewichtseinheit mit schwankendem Volumen zwischen 100 und 150 Litern). Geschäftliche Kontakte nach Tegernau, ins Elsass und nach Waldshut gehen hervor. Auch ist die Unterstützung des Großherzoglichen Badischen Militärs mit der Kriegskasse verfolgbar.

Hilde Nill hatte eine nahe liegende Lösung für die seltsame Verwendung der Kassenbücher, sie meinte: „Wahrscheinlich wussten die Leute beim Umzug in den damaligen Neubau des Rathauses nicht, was mit den Dokumenten geschehen sollte. Wohl fehlte damals ein Geschichtsbewusstsein, weshalb man sie kurzerhand als Dämmmaterial hinter den Schrank stopfte“.

Die Kassenbücher werden künftig eine sichere Verwahrung in einem Archiv finden.