„Einst & Heute“: Der Band 2025/26 wurde jetzt in Schömberg vorgestellt. Das historische Jahrbuch des Landkreises Calw beinhaltet zwölf Beiträge. Auch die NS-Zeit kommt nicht zu kurz.
Was wäre gewesen, wenn der junge Hermann Hesse Ende des 19. Jahrhunderts nach Brasilien ausgewandert wäre? Auf diesen Gedanken kam Schömbergs Bürgermeister Matthias Leyn, als in der Ausgabe 2025/26 von „Einst & Heute“, dem historischen Jahrbuch des Landkreises Calw, auf einen Beitrag von Kilian Spiethoff stieß.
Wenig bekannte Facette
Es ist eine bislang wenig bekannte Facette aus dem Leben des in Calw geborenen späteren Nobelpreisträgers, die der Kreisarchivar und Redakteur von „Einst & Heute“ im Deutschen Literaturarchiv in Marbach recherchiert hat. Hesse hat darüber nachgedacht, als er 1895 in der Uhrenfabrik Perrot als junger Mann ein Praktikum absolvierte.
Spannend und bewegend
„Es sind gerade solche kleinen prägnanten Ausschnitte vergangenen Lebens, die spannend und bewegend in ‚Einst & Heute‘ geschildert werden“, sagte Hans Schabert. Der frühere Vorsitzende des Kreisgeschichtsvereins Calw (KGV) und Mitglied des Redaktionsbeirats stellte den neuen Band im Kurhaus Schömberg anstelle des erkrankten Spiethoff vor.
Weitere Unterstützung
Ähnlich wie Leyn ging es Sparkassendirektor Ralph Günthner. Er hat als Bad Wildbader als Erstes den Beitrag von Andrea Mack gelesen. Und dabei mit Interesse verfolgt, dass der Kurort im Enztal schon 1562 von dem Engländer William Turner in dessen Muttersprache beschrieben wurde.
Die Sparkasse Pforzheim Calw fördert das Jahrbuch, so KGV-Vorsitzender Tobias Roller. Das ermögliche es dem Verein, den Band herauszugeben. Und Roller freute sich, dass ihm Günthner die weitere Unterstützung zusicherte.
Die kommt auch vom Landkreis Calw. „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft – wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit“, zitierte Erster Landesbeamter Frank Wiehe aus George Orwells dystopischem Roman „1984“. Das war der Einstieg zu einem philosophischen Exkurs.
Zwölf Beiträge
Zwölf Beiträge finden sich im Band 2025/26, der nun in einer Auflage von 1600 Exemplaren vorliegt. Die Pfeghöfe des Klosters Hirsau, so eine Art Finanzämter mit Naturallager, beschreibt Armin Langner. Sie bildeten einen Grundstock an Wirtschaftsgütern für das Kloster. Auch Klaus-Peter Hartmann beschäftigt sich mit Hirsau. Es geht um die Renaissance-Ausmalung der Basilika St. Peter und Paul und dem Gothaer Tafelaltar durch den Herrenberger Heinrich Füllmaurer (wir berichteten).
Direktor der Pilgermission
Als amüsant wie berührend bezeichnet Redakteur Spiethoff den Beitrag von Dietmar Waidelich, der sich mit dem Wilderern beschäftigt. Diese „frühmoderne soziale Randgruppe“ habe zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert die Wälder unsicher gemacht. Joachim Schnürle beschreibt das Leben des Schlossersohns Friedrich Veiel (1866-1950), der es zum Direktor der Pilgermission St. Chrischona in Basel gebracht hat.
„Stunde Null“
Auch die NS-Zeit kommt nicht zu kurz. Calws Stadtarchivar Frank Engel zeichnet ein Porträt des gegen Hitler aktiven Malers Kurt Weinhold. Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs in Neuweiler und Umgebung beschreibt Hans Schabert. Wie schwierig es war, in der „Stunde Null“ unter schwersten Bedingungen ein neues demokratisches Deutschland aufzubauen, zeigt Autor Ulrich Schmelzer an Walter Wolf, der von 1945 bis 1946 Bürgermeister von Nagold war.
„Liebenzeller Bank“
Die Ausgrabungen Hans Peter Köpfs in der Nagolder Turmstraße beschreibt Lena Hauser. In seinem zweiten Beitrag befasst sich Schabert mit der „Liebenzeller Bank“. Sie war nach dem Mauerbau 1961 im Schatten des Kalten Krieges entstanden, als Westberliner meinten, ihr Geld auf westdeutschem Boden in Sicherheit bringen zu müssen. Die Genossenschaftsbank ist später in den Vereinigten Volksbanken aufgegangen.