Es ist wieder so weit: der historische Kalender geht an den Start. Für 2025 in zweifacher Ausgabe – der eine zeigt historische Ansichten aus Balingen, der andere aus Frommern, Dürrwangen und Stockenhausen. Weilstetten bleibt dieses Mal außen vor.
1300 historische Aufnahmen und Postkarten hat Hobby-Historiker Günther Meinhold für den neuen historischen Kalender gesichtet. „Ingrid Helber war dabei eine unentbehrliche Hilfe“, sagt er beim Besuch in unserer Redaktion. Die Historikerin lacht – schließlich habe sie viel Spaß gehabt bei den Reisen in die Vergangenheit.
Die beiden sind ein eingespieltes Team. Der erste historische Kalender erschien 2019, die Idee dazu hatte Frommerns Ortsvorsteher Stephan Reuß. Als ein Verlag gefunden war, machte Meinhold sich daran, seinen großen heimatkundlichen Fundus zu durchforsten. Das hat er auch heuer wieder getan und insgesamt 24 Kalenderseiten gestaltet.
Darum ist Weilstetten nicht dabei
Novum in diesem Jahr: Die von Helber zusammengetragenen Erläuterungen zu den Fotos und Postkarten stehen direkt neben den Bildern. „Das ist für die Leser einfacher“, erklärt die Historikerin die Intention dahinter. Bei ihren Recherchen wurde sie von Stadtarchivarin Nicole Scheletz.
Warum es, anders als in den Vorjahren, keine Motive aus Weilstetten gibt? Der Grund ist profan: „Der Absatz war zu gering.“ Das sagt Meinhold und fügt hinzu, dass schlicht zu wenige Interessenten in die Verkaufsstelle ins Weilstettener Rathaus gekommen seien.
Fast täglich Post aus dem Schützengraben
Die Leidenschaft für historische Postkarten wurde bei Meinhold durch seinen Großvater Konrad geweckt. Dieser schrieb als Soldat im ersten Weltkrieg seiner Verlobten täglich eine Postkarte aus dem Schützengräben. Erstaunlicher Weise, berichtet der Enkel, seien diese meist binnen 24 Stunden bei der Adressatin Christine in Täbingen angekommen. Nach dem Tod des Opas erbte Meinhold die vielen Ansichtskarten, lernte, die altdeutsche Schrift zu lesen und begab sich auf Spurensuche nach den Motiven.
Davon profitieren die Fans des historischen Kalenders. Zu jedem Motiv haben die beiden Macher spannende Geschichten zu erzählen. So ist in der Balingen-Edition im Monat April der Bahnhof zu sehen – vor hundert Jahren war der Vorplatz eine grüne Wiese. „Unsere Vorfahren waren wohl umweltbewusst“, sagt Helber und schmunzelt.
Die Wirtschaften gibt es längst nicht mehr
Das Café Adler, die Krone am Marktplatz, das Gambrinus – alle diese Wirtschaften gibt es längst nicht mehr. Wohl aber Ansichtskarten, bei deren Anblick man im Februar ins Schwelgen kommen kann. So wie Meinhold selbst: „Als der Adler zugemacht hat, ist mein Opa zwei Häuser weiter ins Café Adler gegangen. Kaffee und Kuchen statt Frühschoppen.“
Helbers Lieblingspostkarte haben die Macher im Juli platziert. Sie zeigt eine Ansicht des Balinger Freibads mit Schwimmern und die damaligen Umkleidekabinen. Im Hintergrund zu sehen sind die Balinger Berge. Mit Höhenangaben. „Das musste ich in der Schule auswendig lernen und habe es gehasst“, erinnert sich Meinhold.
Das Foto sei aber auch Zeugnis, warum die meisten Frommerner damals nicht schwimmen konnten. „Unter der Woche mussten sie arbeiten und am Wochenende war das Becken überfüllt.“
Der Pfarrer half bei der Ernte mit
Auch in den Ortsteilen gibt es im Jahresverlauf einiges zu entdecken. Die Aprilseite zum Beispiel ziert ein schwarz-weißes Gruppenbild. Es zeigt die Konfirmanden des Jahres 1929 aus Dürrwangen und Stockenhausen. Die Konfirmation fand damals traditionell im März statt. Mit auf dem Bild ist Pfarrer Gotthold Rentschler. Über ihn weiß Meinhold: „Wenn bei der Ernte schlechtes Wetter war und es schnell gehen musste, hat er auf den Feldern mitgeholfen.“
Im April liegt der Fokus auf dem heutigen Schulverbundsgebäude. Das neue Schulhaus wurde 1949 gebaut, in einer Zeit direkt nach dem Krieg, als das Geld allenthalben mehr als knapp war. Warum die Frommerner dennoch einen Neubau bekamen? Nach dem Motto „Frechheit siegt“, berichtet Helber, habe der junge Lehrer Hans Wik sich beim Miniserium gemeldet. Er hat schlicht und einfach behauptet: „Uns kracht das Schulhaus ein.“
Fake News aus der Vergangenheit
Fake News als Phänomen von heute? Nicht ganz, wie ein Blick auf die August-Aufnahme zeigt. Dort ist das Gebäude der Firma Eberhard dominierend. Die fluffigen, malerischen Wolken am Himmel wurden mit den damaligen Möglichkeiten der Kunst nachträglich eingefügt. Und auch im November wurde getrickst. Auf dem Gruppenfoto aus dem Jahr 1939 sind die Mitglieder der Kriegskameradschaft Frommern in schmucken Uniformen zu sehen. Die Hakenkreuzsymbole wurden nachträglich entfernt.
Etwas ist übrigens anders als in den Vorjahren: Nach zehn Erscheinungsjahren kommt der Kalender nicht mehr im gewohnten Gelb, sondern in Rosatönen in den Handel. Zu haben sind die Jahresplaner bei der Infothek im Rathaus, beim Papierhaus Daniel sowie in den Buchhandlungen Rieger und Osiander.