Seit 1820 gibt es die Löwen-Apotheke an ihrem heutigen Standort am Sonnenplatz. Ihre Geschichte geht aber an anderen Standorten bis ins 17. Jahrhundert zurück. Foto: Schabel

Doris Haenle hat ein Werke über die kürzlich geschlossene Apotheke geschrieben, die über Jahrhunderte von ihren Vorfahren betrieben wurde.

Das Aus der Löwen-Apotheke zum 31. März bedeutete für die Stammkunden einen herben Verlust. Die Nachricht hat auch Doris Haenle berührt, obwohl die in Unterthingau lebt, einer kleinen Gemeinde im Ostallgäu in Bayern. Aber die 81-Jährige ist in Lahr geboren – und sie hat eine persönliche Verbindung zur Löwen-Apotheke. Denn deren Historie ist eng mit ihrer Familie verknüpft. Ihre Vorfahren führten die Apotheke über mehrere Generationen, eine Tafel an der Westfront des Gebäudes erinnert zum Beispiel an Christian Friedrich Haenle, der die Apotheke 1820 an den heutigen Standort verlegte.

 

2020 hat Haenle begonnen, die Geschichte ihrer Familie zu erforschen. Herausgekommen bei der sechsjährigen Arbeit ist ein Buch, das seine Leser in mehrere Jahrhunderte der Lahrer Stadtgeschichte blicken lässt. Es geht um die Löwen-Apotheke, um Haenles Vorfahren und die Herausforderungen, denen sie sich stellen mussten. All das ist eingebettet in ein Szenario der jeweiligen Zeit. Der Clou daran ist, dass sie ihr Buch „Der Löwe von Lahr“ nicht als akademische Abhandlung angelegt hat. Vielmehr ist es eine „historische Erzählung“, wie es im Untertitel heißt. Mit einer Handlung wie ein spannender Roman, in dem die Autorin den Leser auch an den Gedanken ihrer Protagonisten teilhaben lässt.

Die Autorin hatte 20 Jahre eine Werkstatt für Bilderrahmen in Lahr

Haenle ist seit jeher ein kunstsinniger Mensch, in Lahr hat sie zum Beispiel 20 Jahre lang eine Bilderrahmen-Galerie geführt. Aber als Schriftstellerin hatte sie sich nie versucht, ehe sie sich an ihr Buch setzte. Beim Blick in die Familiengeschichte habe sie indes so viele interessante Sachen herausgefunden, dass sie beschlossen habe, all das aufzuschreiben, erzählt sie bei einem Gespräch mit unserer Redaktion. Die Zeit dazu habe sie gehabt, nachdem sie ein mehrjähriges Projekt abgeschlossen habe, die Restaurierung eines alten Hauses in ihrer neuen Heimat im Allgäu. Als das erledigt war, habe sie sich der Erforschung ihrer Familiengeschichte gewidmet.

Sie ging im Generallandesarchiv Karlsruhe sowie im Lahrer Stadtarchiv auf Spurensuche und hat natürlich auch Briefe und Unterlagen aus Familienbesitz studiert. „Als ich diese alten Zeilen zum ersten Mal las, hatte ich das Gefühl, als öffne sich ein Fenster in eine andere Zeit. In eine Welt, in der Apotheker nicht nur Händler von Arzneien waren, sondern Gelehrte, Handwerker und oft auch stille Helfer in Zeiten von Not und Krankheit“, schreibt sie im Vorwort ihres Buches.

Die Lahrer Apothekengeschichte ist durchaus unübersichtlich, beim Gespräch des Autors mit Haenle ist es nicht ganz einfach, den Überblick über all die Namen zu behalten. Der erste in Quellen genannte Lahrer Apotheker war Karl Friedrich Sopher, der 1626 von Colmar nach Lahr kam und eine Apotheke am Engelplatz – dem heutigen Marktplatz – gründete. Ihm ist ebenso eine Episode in Haenles Buch gewidmet wie Johann Martin Schnell (1666 – 1725), der 1693 die einzige Apotheke in Lahr betrieb. Ende der 1770er-Jahre beginnt dann die Zeit der Apothekerfamilie Haenle in Lahr, und zwar mit Landoberschultheiß Johann Daniel Haenle, der neuer Besitzer der Unteren Apotheke wurde. Für diese erhielt sein Sohn Georg Friedrich Haenle (1763-1824) 1786 die Konzession.

Doris Haenle Foto: Promo

Das Apothekertum hatte sich im Mittelalter von einer bloßen Kräuter- und Gewürzkrämerei hin zu einem angesehenen Berufsstand entwickelt. Doch dessen Vertreter unterlagen strengen Ordnungen und wurden regelmäßig kontrolliert – die Visitationsberichte waren gefürchtet, boten Anlass für Intrigen und dramatische Vorgänge, wie Doris Haenle anschaulich beschreibt.

Fünf Generationen ihrer Familie führten die Löwen-Apotheke, die Tafel am Gebäude erinnert an einen ihrer berühmtesten Ahnen: Christian Friedrich Haenle (1789 – 1863), der die Untere Apotheke 1820 als Löwen-Apotheke an den heutigen Standort am Sonnenplatz verlegte.

Ihr imponiere sehr, was Christian Friedrich Haenle in seinem Leben alles geschafft hat, betont die 81-Jährige. Ein angesehener Wissenschaftler sei er gewesen, habe zahlreiche Studien verfasst. Die Stadt Lahr verdankt ihm die Gründung des Lahrer Gewerbevereins sowie seine mineralogische Sammlung, die bis heute die Grundlage der städtischen Exponate in der Villa Jamm bildet, wie Historiker Walter Caroli in einer eigenen Publikation über die Löwen-Apotheke hervorgehoben hat.

Buch ist wie ein Roman geschrieben

Der letzte der Familie, der die Löwen-Apotheke betrieb, war Friedrich Reinhard Haenle. 1905, nach 16 Jahren als Inhaber, verkaufte er den Betrieb. Denn er war unzufrieden, in welche Richtung sich der Beruf entwickelt hatte: Einst war es darum gegangen, im eigenen Labor Arzneimittel selbst herzustellen, jetzt gaben sich bei ihm Pharmazievertreter die Klinke in die Hand, damit er ihre Medikamente verkaufte – das habe ihm überhaupt nicht gefallen, erzählt Doris Haenle.

Damit endet der Apothekerzweig in ihrer Familie. Sie selbst ist gelernte Vergolderin, 15 Jahre lang führte sie ein Einrahmungsfachgeschäft in Kempten, ab 1996 dann in der Obertorstraße in Lahr. Die Enkelin der Apothekerfamilie Haenle ist indes zutiefst beeindruckt davon, was ihre Vorfahren in diesem Beruf geleistet haben.

Was in ihrem Buch ist Fakt, was Fiktion? Denn geschrieben ist es wie ein Roman – mit einer Spannungsdramaturgie und einem Blick in das Innenleben ihrer Figuren. „Es ist alles wahr“, sagt die Autorin über die Handlung. Sie habe sich in ihre Protagonisten – ihre Ahnen – versetzt und nachempfunden, was die einst bei ihren realen Sorgen gefühlt haben müssen.

Die letzte Inhaberin geht in Rente und hat keinen Nachfolger gefunden

Ihr Buch erscheint zu einem Zeitpunkt, da die Löwen-Apotheke gerade geschlossen hat. Bis vor wenigen Tagen wurde das verbliebene Inventar verkauft, nun zeugen herunterlassene Jalousien an den Schaufenstern und ein weißer Blickschutz an der Glastür vom Ende einer jahrhundertelangen Tradition. Inhaberin Renate Kronauer-Gruber, die fast 40 Jahre als Apothekerin gearbeitet hat, geht in Rente und hat keinen Nachfolger gefunden (wir berichteten). Dem Vernehmen nach soll ein Betrieb aus dem Gesundheitsbereich – aber keine Apotheke – der neue Nutzer werden.

Dass das Aus der Löwen-Apotheke ausgerechnet dann kommt, wenn ein Buch über sie fertiggestellt wird, ist eine besondere Pointe der Geschichte – aber natürlich Zufall. Denn das konnte Doris Haenle nicht wissen, als sie mit ihrer Arbeit begonnen hat. „Es wäre schön, wenn die Apotheke weiter existieren würde“, aber man müsse die Entscheidung von Renate Kronauer-Gruber respektieren, sagt die Autorin. Die habe sie bei ihren Forschungen ebenso unterstützt wie Stadtarchivar Thorsten Mietzner. Von der früheren Museumsleiterin Gabriele Bohnert stamme der Tipp, ihr Buch als Erzählung anzulegen.

Bleibt noch zu klären, woher die Löwen-Apotheke denn nun ihren Namen hat: Lahr stand über einen langen Zeitraum unter der Herrschaft der Nassauer, deren Wappen zwei Löwen zeigt.

Das Buch

„Der Löwe von Lahr – Eine historische Erzählung“ von Doris Anna Haenle ist ab Mitte Mai im Buchhandel und online erhältlich. Das Buch hat 174 Seiten und kostet 14,90 Euro (ISBN: 978-3-6951-7055-5).