Margrethausen ist nicht nur Albstadts zweitkleinster, sondern ein ziemlich unterschätzter Stadtteil, wie die historischen Führungen im Jubiläumsjahr noch vielfach zeigen werden. Markus Deufel und Hans Raab haben die erste davon geleitet – und ausgepackt.
Viel älter als die 750 Jahre seit der ersten urkundlichen Erwähnung ist Albstadts Kloster-Stadtteil Margrethausen mit „Obstbäumen, Wiesen und murmelnden Wässerlein“, wie es in einer Beschreibung des Oberamts Balingen von 1880 heißt.
Ortschaftsrat Markus Deufel, der seine erste Dorfführung so gestaltet, als hätte er schon Tausende geleitet, berichtet von drei Franziskanerinnen, die 1339 eine Klause errichtet hätten, die später zum Kloster St. Gallen gehörte, und vom „ungeheueren Anwachsen“ des Besitzes durch Schenkungen und Erbschaften. „Das Kloster ist das zweitälteste Gebäude Albstadts nach der Alten Kirche St. Michael in Burgfelden“, fügt Hans Raab hinzu – bei der ersten von vielen historischen Dorfführungen im Jubiläumsjahr spielt er Ping-Pong mit Deufel, zum Vergnügen der Teilnehmer, und verrät, dass die Tierberger um 1500 zwei Nonnen nach Lautlingen verschleppt hätten.
Deufel hat alte Bilder mitgebracht, zeigt den Südflügel und die Klosterkirche, die beide abgerissen wurden, nachdem das Kloster 1811 aufgelöst wurde und Teile davon an die Schule gingen. Die neue Kirche St. Margareta, 1933/34 errichtet, hat nicht nur die Besonderheit, dass Besucher hinabsteigen müssen, um hinein zu gehen, sondern auch ein riesiges Mosaikfenster des Ulmer Künstlers Wilhelm Geyer, der die Geschwister Scholl kannte. Das „Kunstwerk par excellence“ sei eine eigene Führung wert, betont Raab. Zufall: Die zentrale Figur darauf hat verdammt viel Ähnlichkeit mit den Spengler-Zwillingen Krishan und Lennart, den politisch aktiven Ärzten und Vereinsfunktionären. Alle schauen und müssen lachen: Stimmt tatsächlich.
Weniger lustig ist Deufels Bericht über das schlimmste Hochwasser der Dorfgeschichte am 5. Juni 1895, das fünf Menschenleben gekostet hat – die Markierung an der Klostermauer lässt Schauriges erahnen. Heute ist die Eyach gezähmt, wird von der weltweit zweiten Textilbetonbrücke überspannt und fließt am Margretwerk vorbei, in den 1950er- und 60er-Jahren der größte Arbeitgeber. Als 15-Jähriger habe sich Gregor Götz mit einem Handwebstuhl selbstständig gemacht, 1902 die Mühle gekauft, um die Strickmaschinen mit Wasserkraft anzutreiben, und vom Faden bis zum fertigen Textil alles im Haus produziert – anders als andere Textiler.
Als erste Mühle oberhalb Balingens seien dort, wo heute das Trödel-Bistro Juwel und das Vereinsheim der Narrenzunft „Runkelriabaweible“ stehen, auch Lebensmittel produziert worden, weiß Deufel: aus Runkelrüben.
Vorbei an Gnadenhaus und den einstigen Standorten von Dorfbrunnen und Waschhäusern geht es zur Stelle an der Eyach, wo Hans Raab als Kind Schwimmen lernte. Das Freibad Schönenbühl kann Markus Deufel nur noch als Foto zeigen – aber sein Vater habe dort noch gebadet. Die Linde in der Dorfmitte steht ebenfalls nicht mehr, doch das geschichtskundige Duo kennt die Geschichte dazu – so wie zu vielen anderen Orten in Margrethausen: Festhalle, Schule, Kindergarten, Siedlung der Donauschwaben und Backhaus, das Deufels Vater 1954 neu erbaut hat.
Außerdem kennen sie die Biografie von Hugo Bertsch, nach dem eine Straße benannt ist, der in der weiten Welt sein Glück fand und sehnsuchtsvoll geschrieben hat: „Du kleine grüne Insel in Gottes tiefem Meer, du Spielplatz meiner Jugend, ich seh’ dich nimmermehr!“
Wer Margrethausen mit neuen Augen sehen will, hat Gelegenheit bei den Führungen jeweils samstags ab 17 Uhr und sonntags ab 10.30 Uhr am 7. und 8. Juni, am 5. und 6. Juli, am 2. und 3. August, am 6. und 7. September sowie am 4. und 5. Oktober. Im Stüble der Runkelriabaweible bewirtet am 5. Juli ab 17 Uhr die Narrenzunft und am 6. Juli ab 10.30 Uhr der Schorle-Club, am 7. Juni ab 17 Uhr die TSG Margrethausen am Klosterparkplatz und am 5. Oktober ab 10.30 Uhr die Sternsinger in der Bewesenwirtschaft von Bauer Gerold.