Die Geschichte von 400 Jahre Armenstiftung in Hechingen haben Dietrich Bulach (links mit dem Lagerbuch) und Rolf Vogt (mit der Entlassungsurkunde aus der Leibeigenschaft) erforscht und daraus ein Buch geschrieben. Foto: Klaus Stopper

Kredite statt nur Almosen – diese Idee verfolgte eine 1525 gegründete Armenstiftung in Hechingen. Sie war vergessen. Dietrich Bulach und Rolf Vogt machten sich auf die Spur.

Armut bekämpfen – eine damals neuartige Idee dazu wurde in Hechingen im Jahr 1525 umgesetzt. Jakob Vögelin, ein Pfarrer, gründete damals eine Almosenstiftung, die nicht nur Brot an Arme verteilte, sondern die auch Kredite vergab, mit denen sich Einwohner ein besseres Leben ermöglichen konnten.

 

Sie bestand 400 Jahre lang. Erst die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg bedeutete ihr faktisches Ende. Das alles war gründlich in Vergessenheit geraten, bis Rolf Vogt, studierter Historiker, ausdauernder Erforscher der lokalen Geschichte, früher Redakteur unserer Zeitung und nun Leiter der Hechinger Heimatbücherei dort zufällig auf ein von Hand geschriebenes „Lagerbuch“ aus dem Jahr 1589 stieß, in dem die vergebenen Darlehen dieser Stiftung aufgelistet waren.

Buch schildert an Hechinger Beispiel Geschichte der Armenfürsorge

Es war der Beginn einer akribischen Forschungsarbeit, an der sich bald auch Dietrich Bulach aus Sigmaringen beteiligte. Der ehemalige Lehrer beschäftigt sich intensiv mit Familienforschung. Das Ergebnis dieser Mühen und detektivischen Arbeit in verschiedensten Archiven ist ein Buch mit dem Titel „Das Heilige Almosen und die Suppenküchen – 400 Jahre Bettel und Armenfürsorge in Hohenzollern-Hechingen“.

Für Hechingen beginnt diese Geschichte mit einer Urkunde aus dem Jahr 1486, in der der damalige Fürst einen Jakob Vögelin aus der Leibeigenschaft entließ. Trotz Leibeigenschaft war dessen Familie wohl vermögend. Jedenfalls wurde dieser damals etwa 16-jährige Junge Priester.

Grundidee entsprach dem genossenschaftlichen Modell

1525, am Ende seines Berufslebens, gründete er diese Stiftung, die ein Stück weit einer Genossenschaft entsprach. Geld wurde zu einem Zinssatz von fünf Prozent an Bedürftige verliehen – ein höherer Zinssatz hätte damals als unchristlich gegolten.

Dass die Zinsen jährlich beglichen wurden, wurde streng überwacht. Nur beim Fürstenhaus, das sich 100 Gulden geborgt hatte, war man gnädig. Eine Zwangsvollstreckung war ja auch kaum denkbar. Über andere Schuldner weiß man, dass sie Geld für Pferde, Äcker oder Wiesen liehen. Aber auch Schuhe und andere Lebensnotwendigkeiten wurden davon angeschafft.

Fürstenhaus hat sein Stiftungs-Darlehen nie zurückgezahlt

Eine Frist für die Rückzahlung des Geldes gab es nicht. Oft bestanden die Schulden über Generationen hinweg. Das Lagerbuch von 1589 war dazu da, die jeweiligen Schuldner und ihre Außenstände systematisch aufzulisten. Im Lagerbuch stehen 55 Schuldner in Hechingen und weitere 36 aus den umliegenden Landgemeinden.

Im Mittelalter war Armut noch etwas völlig normales

Die beiden Autoren Dietrich Bulach und Rolf Vogt betten in ihrem Buch das Geschick dieser Stiftung in die allgemeine Geschichte der Armenfürsorge ein. Während im Mittelalter Bettler noch etwas Normales waren, die der Oberschicht eine Chance auf religiös gebotene Mildtätigkeit boten, wurde Armut im Lauf der Zeit immer mehr als Übel gesehen, ihr Leben reglementiert, in Armenhäuser verbannt.

Ideen der Tötung aller Bedürftigen wurden nicht in die Tat umgesetzt

Wer seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten konnte, musste in seine Heimatgemeinde zurück. Es gab sogar Ideen, Truppen aufzustellen, die obdachlose Arme zusammentreiben und möglicherweise töten sollten. Realisiert wurde das nie. Stadtkornpflege (1511), Milde Stiftung (1748) und Armenkasse (1774), später auch Suppenküchen sind Beispiele für Institutionen der Armenpflege. Beseitigt wurde die Armut dadurch nie.

Das 112 Seiten umfassende Buch ist ab sofort in der Alten Synagoge Hechingen, im Hohenzollerischen Landesmuseum, in der Hohenzollerischen Heimatbücherei und im örtlichen Buchhandel zum Preis von zehn Euro erhältlich.