Zahlreiche Zuhörer kommen zum Geschichtsvortrag über Mariazell und Locherhof in die Mühlbachhalle. Foto: Herzog

Im vergangenen Jahr bestand Mariazell 750 Jahre. In diesem Jahr ist Locherhof 700 Jahre alt. Wie unterscheiden sich die beiden Ortsteile von Eschbronn?

Die beiden dicht aufeinander folgenden Ortsjubiläen waren für die Gemeinde Anlass, mit Kreisarchivar Johannes Waldschütz und dessen Kollege Armin Braun zwei versierte Referenten für einen Vortrag einzuladen.

 

In einem ersten Teil durchleuchtete das Duo vor vielen interessierten Zuhörern in der Mühlbachhalle „die Wurzeln Mariazells und Locherhofs vom Mittelalter bis in die Zeit Napoleons“.

Widerspruch zu Mariazell

Bei der Ersterwähnung von Mariazell 1275 widersprach Waldschütz Bürgermeister Franz Moser: Es handle sich nicht um einen Geburtstag, sondern Namenstag. Ein Grund zum Feiern sei dies trotzdem.

Menschen hätten Ausgrabungen zufolge wohl schon um das Jahr 1000 in Mariazell gelebt. Wie das Gebiet um Mariazell in den Besitz des Klosters Reichenau gelangte, sei ungewiss. Vermutlich sei im späten zehnten Jahrhundert eine kleine Niederlassung gegründet worden.

Die älteste Kirche

Die Ersterwähnung Mariazells stamme aus dem Zins- und Steuerbuch des Bistums Konstanz. Aus einer anderen Quelle gehe hervor, dass die Kirchen in Schönbronn und Weiler zur Pfarrei Mariazell im Mittelalter gehörten. „Die Mariazeller Kirche kann deshalb vermutlich als die älteste Kirche im Schramberger Raum und der späteren Herrschaft Schramberg gelten“, folgerte Waldschütz.

1384 eine kleine Stadt

In der Ernennungsurkunde werde ein „offen haus“, also ein Wirtshaus, erwähnt. In ihrem Territorium herrschten die Klöster als geistliche und weltliche Herren. Nach dem Aussterben der Herren von Ramstein, eine nach der bei Schramberg gelegenen Burg benannte Familie, seien die Herren von Falkenstein erschienen. Auf deren Veranlassung sei Mariazell im 14. Jahrhundert zu einer kleinen Stadt ausgebaut worden.

Dies belege eine Urkunde vom Mai 1384. Und: Im Reichenauer Lehnbuch sei um diese Zeit von „Mariencelle das Stettlin“ die Rede, hatte der Historiker recherchiert. In dieser Zeit müsse Mariazell floriert haben, da immer wieder Bürger in Urkunden auftauchten.

1439 wieder ein Dorf

1437 seien erstmals Vogt, Richter und Gemeinde von Mariazell belegt. Im Jahre 1439 sei das Dorf Mariazell von Abt Martin von Reichenau an Hans von Rechberg verliehen worden, womit das Städtlein Mariazell nur rund 50 Jahre existiert habe.

Schwere Zerstörungen

Für den Ort sei dies keine glückliche Wendung gewesen. Die Herrschaftsausübung habe immer wieder zu Kriegen geführt. In einem um 1440 sei Mariazell schwer zerstört worden. 1507 sei das Dorf vollständig abgebrannt, und eine erneute Zerstörung habe es im 30-jährigen Krieg gegeben.

„Mitte des 17. Jahrhunderts fiel Mariazell an die Grafen von Nippenburg, dann kam Napoleon. Mariazeller waren nicht immer stolze Württemberger, sondern auch mal (Vorder)Österreicher. Und Villingen gehörte von 1805 bis 1810 zur Württemberg“, gab Waldschütz bekannt.

Foto: Herzog

Blick in Locherhofs Frühzeit

Nach Auskunft von Armin Braun wird im Jahre 1326 ein Hof zu „Affolterbach“, der zum Kloster Rottenmünster gehörte, als Vorgänger des späteren Locherhofs erstmals urkundlich genannt.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit habe der erwähnte Hof zusammen mit einem Apfelbaum an einem Bach gestanden. Auf der benachbarten Gemarkung Dunningen habe sich bis heute die Bezeichnung „Affoltergraben“ (Apfelbaum-Graben) erhalten.

Was „Loch“ einst bedeutete

Erst im Jahre 1483 sei dann erstmals Locherhof für den Hof zu Affolterbach urkundlich nachweisbar. Das aus dem Althochdeutschen stammende Wort Loch bedeute Wald, Hain oder Gehölz. „Der Name Locherhof leitet sich somit auf einen Hof mitten im Wald her. Dies wird dadurch bekräftigt, dass jahrhundertelang die späteren Locherhöfe auch Waldhöfe genannt wurden“, erklärte Braun.

Sie seien Eigentum des Klosters Rottenmünster gewesen und vom Mittelalter bis Ende des 18. Jahrhunderts von der Äbtissin des Klosters als Erblehen an verschiedene Lehensmänner vergeben worden. Etwa um 1489 sei der Locherhof in einen „Obere Hof“ und „Untere Hof“ und kurz danach bis 1615 in vier Höfe geteilt worden. Ab 1775 seien es drei Höfe gewesen. Die Lehensmänner, meist Bauern, hätten der Äbtissin für das geliehene Land und Hofgut Lehenszins überwiegend in Geldform bezahlt, wusste der Geschichtsexperte.

Dem Kloster Rottenmünster hätten von Anfang an die Zwing- und Bannrechte wie Jagd, Fischerei, Baurecht und Mühlenbann über die Höfe zugestanden.

Reformation um 1543

Herzog Ulrich von Württemberg habe nach der Rückgewinnung seines Landes aus der österreichischen Herrschaft 1543 die Reformation unter anderem in Locherhof und Buchenberg durchgeführt. Das Kloster Rottenmünster habe kein Widerspruch erhoben. Ein Versuch 1630, den evangelischen Glauben wieder rückgängig zu machen, sei erfolglos geblieben. Die Bauern hätten sich überwiegend selbst zur neuen Religion bekannt.

Zuwanderung ab 1779

Ab 1779 sei die Einwohnerzahl im Bereich der Locherhöfe durch Zuwanderung aus Buchenberg, Weiler und evangelisch Tennenbronn stark angestiegen, informierte Braun. Im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts seien bereits 50 Häuser und rund 100 Personen im Gebiet der Locherhöfe gezählt worden. 1808 habe die Einwohnerzahl bei 203 gelegen.

Vermutlich bis zum Beginn der Zuwanderung sei die Bevölkerung mehrheitlich katholisch gewesen. Eine 1651 erstmals erwähnte Kapelle habe zum unteren Locherhof gehört, sei für den katholischen Gottesdienst genutzt und 1804 in ein Backhaus umgebaut worden.

Aus „Wald“ wird Locherhof

Die Locherhöfe bildeten ab 1806 im Königreich Württemberg mit den Weilern Mönchhof und Mühllehen einen württembergischen Amtsort „Wald“ mit 351 Einwohnern. Bereits ein Jahr später bildeten die vormaligen Locherhöfe mit Locherhof eine selbständige Gemeinde, so Braun.

Ein zweiter Teil der jeweiligen Ortsgeschichte ist am Donnerstag, 19. März, vorgesehen.