Reinhold Wahr organisiert ehrenamtlich Hilfsgüter für osteuropäische Länder. Foto: Thomas Fritsch

Der Nagolder Reinhold Wahr organisiert seit vielen Jahren Hilfslieferungen in Europa, vor allem in den Osten. Wie sein Alltag aussieht, was ihn dazu bewegt und vor welchen Herausforderungen er täglich gestellt wird, erzählt uns der 64-Jährige im Gespräch.

Ein Mann unterhält sich gerade recht offen mit zwei älteren Frauen, als ich den Flur des Wohngebäudes betreten. Er grüßt herzlich, begleitet mich in seine Wohnung im ersten Stock. Reinhold Wahr aus Nagold ist ein sehr positiver Mensch. Auf dem Weg nach oben erzählt er, ein Lastwagen mit Hilfsgütern sei genau heute auf dem Weg nach Kiew, voll beladen mit Lebensmitteln, Kleidung und Hygieneartikeln.

 

Güter, an deren Beschaffung er maßgeblich beteiligt ist. Wahr engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich für das Missionswerk Friedensstimme in Gummersbach. Er telefoniert mit den Firmen, organisiert die Waren, ein LKW des Missionswerks fährt dann die Stationen – von Flensburg bis nach Wien – in Richtung Osteuropa an. Länder wie die Ukraine, Lettland, Litauen oder Weißrussland, bis nach Sibirien. Die Fahrer, auch ehrenamtlich beim Missionswerk tätig.

40 Jahre lang hat er als Mineralölkaufmann im Unternehmen seiner Familie gearbeitet, der Fritz Wahr Energie GmbH in Nagold. Am Aufbau der Firma beteiligt gewesen zu sein erfülle ihn mit Stolz, sagt er, doch seine Leidenschaft habe schon immer darin gelegen, etwas für seine Mitmenschen in Not zu unternehmen. Sein erstes Paket habe er schon sehr früh geschnürt.

Religionslehrer gibt ersten Anstoß

Als neunjähriger Schüler, erzählt Wahr, da habe er noch keine Ahnung gehabt. „Ich wusste überhaupt nicht Bescheid.“ Zur Weihnachtszeit habe sein damaliger Religionslehrer gefragt, wer aus der Klasse seinen Gedanken teile, den Menschen in Not zu helfen. Wahr habe sich beschämt gefühlt: Er sei als einziger aufgestanden und zum Lehrer nach vorn gegangen. „Die Worte haben mich damals wirklich bewegt“, erinnert er sich.

Er fasste den Entschluss: Zu Weihnachten will er ein Paket für Menschen in der DDR zusammenpacken und abschicken, an eine evangelische Kirchengemeinde im sächsischen Zwickau. Der christliche Glaube sei schon damals ein sehr großer Faktor für sein Engagement gewesen.

Mehrere Pakete, knapp 15 Kilo schwer, vollgepackt mit Mehl, Zucker, Bananen oder Zitrusfrüchten habe er damals vorbereitet – möglich nur durch die Unterstützung seiner Mutter. „Die Pakete durfte ich dann mit dem Fahrrad nach Iselshausen fahren“, dafür habe es keine Hilfe mehr gegeben. Die Pakete, erzählt er kamen auch an, wenn nicht ganz pünktlich an Weihnachten. An den Brief aus Zwickau erinnert er sich noch ganz genau. „Das Gefühl zu helfen hat mich schon überwältigt.“

Abweisung steht an der Tagesordnung

Wahr zeigt mir sein kleines und beschauliches Büro, ausgestattet mit einem Laptop, zwei Telefonen sowie sehr, sehr vielen und langen Telefonlisten. Jeden Morgen stehe er um 4 Uhr auf, bis 14 oder 15 Uhr sei er dann damit beschäftigt, die Listen abzutelefonieren. Darunter sind Firmen wie Dr. Oetker, Südzucker, oder erst kürzlich dazugekommen, die Schwartauer Werke in Schleswig-Holstein.

Meist würden die Firmen Lebensmittel spenden, die sowieso entsorgt werden müssten, erklärt er. Solange das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht mehr als zwei Tage überschreite und sie auf ihrer Fahrt gekühlt werde, dürfe die Ware die Grenzen passieren. Oft müsse er die Unternehmen aber länger bearbeiten. „Meisten gibt es immer Anschiss, wenn sie meine Nummer sehen.“ Er aber bleibt hartnäckig, und das meist mit Erfolg.

Wie in einem Agententhriller

Nicht immer hat sich Wahr aber von der Sicherheit seines Büros aus für seine Mitmenschen eingesetzt. In den 90er Jahren war er selbst unterwegs, hat in Fahrzeugen Bibeln nach Polen, Tschechien oder Rumänien geschmuggelt. Das Buch, im kommunistischen Ostblock verboten. „Ich war hochgradig kriminell damals“, erzählt er und muss dabei herzlich lachen.

Die Reisen seien aber nicht immer ganz ungefährlich gewesen. Übergaben tief in den Wäldern Rumäniens – Wölfe und Bären damals wie heute keine Seltenheit – hätten seine Begleiter nervös gemacht. Er habe sich immer durchgerungen, der Angst zum Trotze. An der rumänischen Grenze sei ihr Fahrzeug auch mal angehalten worden.

Der Grenzpolizist habe darauf bestanden, in den Unterboden des Fiats zu bohren. Aber nur ein einziges Mal, so Wahrs Kompromiss. Der Polizist sei darauf eingegangen. Und habe natürlich eine Bibel getroffen. Das Ende, dachte er damals. Irgendwie habe er es aber geschafft sich rauszureden. „Das Auto war eben richtig gut isoliert“, sagte er dem Beamten. Und durfte passieren.

Diese wilden Zeiten hat er hinter sich gelassen. „Heute bin ich ein richtiger Opa geworden“, scherzt er. Seiner guten Laune tut dies aber keinen Abbruch. Er will diese Arbeit tun, solange er einen klaren Verstand habe und gut beieinander sei. Er zitiert eine seiner Lieblingsstellen der Bibel: „Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung schafft.“ Solange sein Gott ihm Arbeit schenke, wolle er sie auch vollenden. „Das ist meine Motivation.“