Inge Hässler steht Suchtkranken als Leiterin der Fachstelle in Villingen-Schwenningen zur Seite. Foto: Heinig

"Corona hat uns zurückgeworfen". Inge Hässler, die Leiterin der "Fachstelle Sucht" mit Anlaufstellen in Villingen und in Schwenningen, hat schon vielen suchtkranken Menschen geholfen. In der Pandemie gab es indes mehr Rückfälle als sonst.

Villingen-Schwenningen - Das ist für die Diplom-Sozialpädagogin deshalb so bedauerlich, weil sie weiß, wie schwer der Schritt für die Betroffenen überhaupt ist, sich endlich helfen zu lassen. Die im Lockdown unmöglich gewordenen Gruppenangebote, auch für Angehörige und besonders Kinder, der Austausch und die Nachsorge fehlten – auch wenn das rund 20-köpfige Team von Inge Hässler den Kontakt mit regelmäßigen Telefon- und Videogesprächen oder bei Spaziergängen zu halten versuchte.

 

Glaube gibt ihr Kraft

Inge Hässler stammt aus Brigachtal. Hier ist sie aufgewachsen. Ihren Heimatort hat sie nie verlassen und lebt mit ihrem aus Berlin stammenden Partner auch heute noch dort. Ehrenamtlich engagierte sie sich schon früh in der Katholischen Jugend von Brigachtal, war zehn Jahre lang Pfarrgemeinderatsvorsitzende und ist bis heute Wortgottesdienstleiterin. "Der Glaube stärkt, er erdet mich", sagt die 60-Jährige. Nach dem Abitur 1981 am HoptbühlGymnasium studierte sie an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Schwenningen, damals noch "Berufsakademie", Soziale Arbeit mit dem Landratsamt als Ausbildungsbetrieb.

Erste Anstellung bei Jugend- und Berufshilfe

Beim Verein für Jugend- und Berufshilfe erhielt sie ihre erste Anstellung. Ein Glücksfall, denn in den 1980er-Jahren waren die Arbeitsstellen auch im sozialen Bereich rar und die Wartelisten entsprechend lang. Sie betreute Jugendliche, die auf einem angespannten Arbeitsmarkt aufgrund diverstelle fanden, schrieb mit ihnen Bewerbungen und schulte sie in Tugenden wie Pünktlichkeit und Höflichkeit.

Mit 30 wurde Inge Hässler plötzlich Witwe. Die beiden Söhne waren noch klein, sie musste beruflich pausieren. Der Wiedereinstieg führte sie in die Jugendhilfestation Donaueschingen, sie leistete in Familien sozialpädagogische Hilfe bei der Kindererziehung und der Bewältigung eines Alltags, der in der Regel von Suchterkrankungen eines Elternteiles, von Arbeitslosigkeit und häuslicher Gewalt geprägt war.

Knüpfen eines Netzwerkes

2002 fand sie den Weg zur "Fachstelle Sucht", die getragen wird vom baden-württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation (bwlv) und die 2023 ihr 70-jähriges Bestehen feiert. Zuständig war sie zunächst für die Prävention. Der bwlv ist der größte Suchthilfeträger im Land und wendet sich mit seinen Angeboten an Betroffene, aber auch an Angehörige, Lehrer, Arbeitgeber, Ausbilder und Multiplikatoren in der offenen Jugendhilfe. "Niederschwellig" soll der Zugang zur Beratungsstelle vor allem sein, betont Inge Hässler, und so vielen Menschen wie möglich auch bekannt. Daher gehört das Knüpfen eines Netzwerkes zu den Haupttätigkeiten, die sie 2019 als Einrichtungsleiterin übernahm.

Ob Frauenfrühstück, 55plus, Angehörigengruppe oder die Kinderhilfen "Tandem" – für Inge Hässler ist das Angebot der "Fachstelle Sucht" die eine, die öffentliche Diskussion über Süchte die andere Seite der gleichen Medaille. Bei Jugendlichen sei der Konsum von Alkohol und Nikotin in den vergangenen Jahren tatsächlich zurückgegangen, weil die Gesellschaft nicht weggeschaut habe. Gleiches wünscht sie sich aktuell beim Thema Cannabis. Ja, sie sei für die Legalisierung im Sinne der Entkriminalisierung des Rauschmittel-Konsums, aber nein, das bedeute nicht, dass er jungen Menschen generell erlaubt werden solle. "Es braucht klare Richtlinien für die Abgabe und die Qualität von Cannabis", sagt sie entschieden Denn die Droge könne zu schweren Psychosen führen.

Sorgen um Heroinabhängige

Sorgen macht sich Inge Hässler um die 165 Heroinabhängigen im Schwarzwald-Baar-Kreis, die aktuell substituiert, das heißt ersatzweise mit dem Medikament Methadon versorgt werden. In Gefahr sei die ärztliche Überwachung, denn es finden sich dafür keine niedergelassenen Spezialisten mehr. "Das haben die Suchtkranken nicht verdient", findet Inge Hässler, denn die meisten von ihnen können mit dem Medikament "ein ganz normales Leben" führen. Der begleitende Arzt brauche zwar eine Fachausbildung, neben dem allgemeinen Ärztemangel macht die Suchtberaterin vor allem aber die überbordende Bürokratie im deutschen Gesundheitssystem für die nachlassende Hilfsbereitschaft der Mediziner aus.

"Alles kommt in Bewegung"

Wer den Weg zur Fachstelle Sucht gefunden hat, beginnt, sein Suchtproblem zu lösen. Häufig kommen zuerst besorgte Angehörige, erzählt Inge Hässler. Zwar passiere nichts, was der Ratsuchende nicht wolle, und man unterliege natürlich der Schweigepflicht – "es sei denn es geht um Leib und Leben zum Beispiel der Kinder". Aber sobald die Co-Abhängigkeit analysiert, den Angehörigen zugehört und ihnen geraten werde, ergeben sich im häuslichen Umfeld Veränderungen und "alles kommt in Bewegung", weiß sie aus Erfahrung. Und endet in den meisten Fällen Dank ambulanter und/oder stationärer Therapie und später in einer Selbsthilfegruppe mit einem Happy End. Es sei denn, es kommt eine Pandemie mit Lockdowns dazwischen. Dann brauchen die Betroffenen noch mehr Kraft dafür – und Menschen wie Inge Hässler an ihrer Seite.