Im Kalten Krieg bereitete man sich auch in Empfingen auf den Ernstfall vor / Telefon mit Schloss gesichert
Von Joachim Frommherz
Empfingen. Käme es zum Ernstfall, die Führungsriege Empfingens wäre wohl hoffnungslos verloren. Die Leitstelle außer Funktion, das Telefon tot, statt Lebensmittel stapeln sich Akten und Ordner im Schutzraum für die Gemeinde-Administration unter dem Pfarrsaal. Auf längere Sicht würden auch die 40 Zentimeter dicken Mauern sowie Gas- und Drucktüren nichts nützen. Glücklicherweise wird es zu dem Ernstfall aber wohl nie kommen.
Heutzutage ist es kaum mehr vorstellbar: Aber vor rund drei Jahrzehnten – zur Zeit des Kalten Krieges – war die Bedrohung durch militärische Konflikte alles andere als reine Fiktion. Gemeinde und auch Privat-Personen haben sich in Empfingen fürs Schlimmste gewappnet. Bis heute Gott sei Dank umsonst.
Mittlerweile liegt der letzte Krieg auf deutschem Boden 65 Jahre zurück. Bunker haben ihre Bedeutung verloren. In dem Anfang der 1980er-Jahre errichteten Schutzraum ist heute die Registratur der Gemeinde untergebracht: Rechnungsbelege reihen sich an Abfallgebühren und Jahresbescheide. Als Regal dienen die Stockbetten, auf denen neun Leute Platz gefunden haben. Einiges deutet noch auf eine Verschanzung im Ernstfall hin. Seien es die chemischen Toiletten, die fünf olivgrünen Matrazen, oder die vier orangefarbenen Schalensitze. Transluzierende Streifen würden bei Dunkelheit für Orientierung im Bunker sorgen.
Die Belüftungsanlage tut auch heute noch gute Dienste. Eine halbe Stunde am Tag springt sie an und vertreibt Moder und Muff aus dem abgeschotteten Raum. Von außen wird die Luft angesaugt und durch einen speziellen Sand geleitet, in dem Schadstoffe herausgefiltert werden sollen, und dann in den Schutzraum geleitet. Das zusätzliche Entfeuchtungsgerät schafft das richtige Klima für die Lagerung der Akten.
Wollte man vom Schutzraum aus telefonieren, man hätte schlechte Karten. Das Freizeichen bleibt aus, die Leitung scheint tot. Außerdem ist die Wählscheibe mit einem Schloss gesichert. Wo der Schlüssel dafür ist? Bürgermeister Albert Schindler weiß es im Moment nicht. Ist aber auch nicht schlimm. Immerhin ist die Gefahrenlage entspannt.
Es fällt einem schwer, sich vorzustellen, wie man es im Ernstfall in diesem abgeschotteten, kleinen Raum bis zu 18 Menschen mehrere Tage aushalten sollen. Diese Frage stellt sich auch Empfingens Bürgermeister, der zu Hause – neben drei weiteren Privatleuten in der Gemeinde – selbst einen Bunker besitzt. Eigentlich habe er nur einen Keller unter die Garage bauen wollen. Auf Anraten seines stark auf Selbstschutz achtenden Amtsvorgängers Reinhold Köhler entschloss er sich aber, einen Bunker zu errichten und diese laut Köhler "einmalige Chance" zu nutzen. "Heute würde ich das nicht mehr machen", stellt Schindler klar. Aber das damals sei nunmal eine andere Zeit gewesen. Überdies gab es Unterstützung seitens des deutschen Staates für den privaten Schutzraum-Bau – ein Indiz für dessen Sorge um seine Bürger. "Damals waren das 14 000 Mark", erinnert sich Schindler. Das habe für die Kosten der Technik gereicht. Der Zuschuss insgesamt deckte rund ein Drittel der Baukosten ab. Heute gibt es keine staatlichen Gelder mehr.
Wie im gemeindeeigenen Bunker läuft auch beim bürgermeisterlichen Schutzraum die Belüftung eine halbe Stunde am Tag, sie funktioniert also noch. Aber: Seinen eigentlichen Zweck dürfte er wohl nicht mehr erfüllen. Immerhin, so ganz nutzlos ist er nicht. Steht er auch viel leer: Im Herbst füllt er sich mit Äpfeln und Kartoffeln, die hier gelagert werden.