Bürgermeister Alemazung kann nachvollziehen, warum die Hilfsbereitschaft der Heubacher allmählich schwindet. Foto: G/ttfried Stoppel

Joy Asongazoh Alemazung ist Bürgermeister der kleinen Stadt Heubach im Ostalbkreis. Wie viele ächzt die Kommune unter dem Zuzug Geflüchteter. Dass die Stimmung zu kippen droht, ist für ihn besonders schmerzvoll.

Mitgefühl kann schnell in Missgunst umschlagen. Vor rund einem Jahr hat Familie Maier (Name geändert) aus Heubach im Ostalbkreis ukrainische Familien mit allem Notwendigen versorgt, bei den Gängen aufs Amt begleitet, Hilfsgüterkonvois in die Ukraine mitorganisiert. Heute muss ihr eigener Nachwuchs auf einen Kindergartenplatz warten. Die städtischen Einrichtungen sind rappelvoll, auch mit ukrainischen Kindern. „Diese Familie versteht die Welt nicht mehr“, erzählt der Heubacher Bürgermeister Joy Asongazoh Alemazung. „Sie fragen mich, ob die Stadt Flüchtlinge besser behandelt als die Bürger von Heubach.“

 

Wie viele Bürgermeister im Ostalbkreis und anderen Landstrichen Deutschlands muss Alemazung dabei zusehen, wie seine kleine Stadt, die etwa 10 000 Menschen beheimatet, an Grenzen stößt. Wie Bürger, die anfangs Geflüchtete willkommen hießen, langsam nervös werden, weil ein Ende des Krieges in der Ukraine nicht absehbar ist, weil die Bilder aus Lampedusa Schlimmes befürchten lassen für die Zukunft Europas. „Die Menschen sind müde geworden. Sie bekommen in ihrem Alltag zu spüren, dass die Regierung überfordert ist“, sagt Alemazung. „Das ist gefährlich. Das ist der Nährboden für Wut und rechtes Gedankengut.“

Bürger fühlen sich im Nachteil gegenüber Geflüchteten

Die Anzeichen mehren sich. Per E-Mail erreichen den Bürgermeister vorwurfsvolle Fragen: Warum mittellose Heubacher, die eine bezahlbare Wohnung suchen, eine Absage von der Städtischen Wohnbau erhalten, Geflüchtete aber untergebracht werden? Warum Ukrainer, wenn sie schon „einfach so“ Bürgergeld kriegen, nicht wenigstens in den dünn besetzten Restaurants als Aushilfen arbeiten? Auf der Facebook-Seite des Bürgermeisters stiegen Wogen der Empörung auf, nachdem der Verwaltungsausschuss im Juni beschlossen hatte, Jugendlichen aus der Ukraine die Eintrittsgebühr für das Heubacher Freibad zu erlassen. Warum ihnen und nicht der Jugend von Heubach?

Ähnlich gestimmt ist ein älteres Ehepaar, das sich vor der Eisdiele San Marco im Herzen von Heubach niedergelassen hat. „Als wir damals vor 40 Jahren aus Schlesien übersiedeln mussten, hat uns keiner die Miete erlassen“, sagt die Frau mit leicht bitterem Unterton. „Und ich war keinen Tag arbeitslos“, ergänzt ihr Mann. Bei aller Ungleichbehandlung: Die AfD würde er aber trotzdem nicht wählen. „Wenn die mal an der Macht sind, weiß ich nicht, ob die uns als Deutsche betrachten oder als Polen.“

Eine solide Gemeinde

Heubach ist eigentlich keine Kommune auf dem absteigenden Ast. Im Gegenteil. Die Stadt ist finanziell solide aufgestellt und kann auf eine traditionsreiche Geschichte zurückblicken. Seit dem 16. Jahrhundert brauen die Heubacher ihr eigenes Bier – erst neulich verlieh der größte deutsche Landwirtschaftsverein DLG der Sorte Heubacher Uralb Spezial die Goldmedaille. Auch stammen zwei Traditionsfirmen von hier: die Unterwäschehersteller Triumpf und Susa. Letztere näht ihre Mieder bis heute vor Ort.

Bei der Bundestagswahl 2021 hat die AfD in Heubach auch nicht besonders punkten können. 12,5 Prozent der Stimmen – kein außergewöhnlicher Wert für eine ländliche Region. Im Alten Sudhaus trifft sich zwar ein Stammtisch, „den man besser nicht zitieren sollte“, sagt Restaurantchef Joachim Fern. Aber der sei nicht repräsentativ für die Stadt.

Dass die Heubacher eigentlich keine Vorbehalte haben gegen andere Länder und Kulturen, zeigte nicht zuletzt die Wahl ihres Bürgermeisters. Seit eineinhalb Jahren regiert ein gebürtiger Kameruner die Stadt, ein CDU-Mann, nachdem 30 Jahre lang Bürgermeister mit rotem Parteibuch im Rathaus saßen. Als nach der Wahl ein Vize-Landrat aus Bayern in Heubach zu Gast war und Lokalpolitiker ihm berichteten, „ein Schwarzer“ sei nun am Zuge, fand dieser daran nichts Besonderes: „Haben wir bei uns überall.“ – „Aber unsrer ist richtig schwarz.“

Pressevertreter aus aller Herren Länder schwärmten von den „weltoffenen Heubachern“, die den Traum von Martin Luther King auf der Ostalb ganz beiläufig wahr gemacht haben. Und trotzdem droht die Stimmung allmählich zu kippen wie ein See, wenn das Algenwachstum überhandnimmt. Für den 48 Jahre alten Bürgermeister, der zwar selbst nicht als Flüchtling hierherkam, aber das Gefühl gut kennt, angefeindet zu werden, ist das besonders schmerzvoll.

Von der Bundespolitik aufs Land

Dabei hatte alles so gut angefangen. Joy Asongazoh Alemazung, ein Schwäbisch Gmünder, Jahrgang 1974, Katholik und Vater von drei Kindern, benötigte nur einen Wahlgang. Sechs weitere Kandidaten buhlten um die Gunst der Heubacher, trotzdem erhielt Alemazung 66 Prozent der Stimmen. Sein Wahlkampf verlief nahezu störungsfrei, bis auf ein paar hässliche Facebook-Kommentare, einen Stinkefinger auf der Straße und den missbilligenden Spruch eines Seniors beim Blick in seinen Wahlkampf-Flyer („Hen die koin andara gfonda?“).

Seine Biografie kann sich sehen lassen. Er kam nach Deutschland zum Studieren, promovierte in den Politikwissenschaften, Schwerpunkt Staatenbildung, und arbeitete zuletzt für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Im Wahlkampf fragte ihn jeder Dritte, warum er die Bundespolitik verlasse und sich für ein Nest wie Heubach interessiere. Ob ihn nicht die landläufige Vorstellung schrecke, fernab der Großstadt seien die Vorbehalte gegenüber Menschen anderer Herkunft viel größer? Alemazung antwortete dann immer, seine Erfahrung sei eine völlig andere. „Die Menschen, besonders die konservativ gestimmten, öffnen sich, wenn ich ihnen herzlich begegne, ihnen Zeit schenke. Das ist in größeren Städten nicht möglich.“

Tränenreiche Amtseinführung in der Stadthalle

Selten war die Amtseinführung eines Bürgermeisters in Heubach so bewegend wie im Dezember 2021. „Bewahren Sie sich unbedingt Ihr herzerfrischendes Lachen“, schloss Landrat Joachim Bläse seine Rede bei der festlichen Vereidigung in der Stadthalle. Danach machte der neue Amtsinhaber der Stadt Heubach eine Art Liebeserklärung, bei der selbst hart gesottenen Ostälblern die Tränen kamen. „Ich stamme aus einer Familie mit 13 Geschwistern, ich war der Drittälteste“, erzählte Alemazung. „Ich habe gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Nun ist Heubach meine Familie.“ Er sei sicher, gemeinsam mit den Bürgern alle Herausforderungen stemmen zu können, „Berge zu versetzen“, wie der fromme Katholik sagte. Wenige Wochen später marschierten die Russen in der Ukraine ein.

Als die ersten Flüchtlinge Heubach erreichten, war die Hilfsbereitschaft noch groß. Mehr als 100 Haushalte boten an, Ukrainer in ihren Wohnungen unterzubringen. Mittlerweile sind 300 ukrainische Flüchtlinge und 35 Asylbewerber in Heubach gemeldet – und das ehrenamtliche Engagement ist weitgehend abgeebbt. Alemazung bedauert das, kann es den Heubachern aber nicht verübeln. „In Kamerun pflegen wir zu sagen: Nächstenliebe beginnt zu Hause“, sagt er. „Wenn aber das eigene Haus ins Wanken gerät, schwindet die Fähigkeit zu helfen.“

Als den Bürgermeister die ersten Beschwerden erreichten, ging er noch jeder einzelnen nach. Mehrmals täglich griff er zum Telefonhörer, zur Überraschung der Wehklagenden. Familie Maier bekam nun doch noch einen Kindergartenplatz. Bei der Städtischen Wohnbau erhalten jetzt Heubacher den Vortritt. Und nach dem missglückten Erlass der Freibadgebühren veranlasste er, dass dieser auf alle Heubacher Kinder ausgedehnt wird, die aus einkommensschwachen Familien stammen.

Allmählich stößt aber auch der Bürgermeister an Grenzen. „Ich werde nicht mehr meinem Anspruch gerecht, alle Bürger anzuhören und aufzuklären“, sagt er. Doch nur so habe er eine Chance, den Heubachern zumindest das Gefühl zu geben, ernst genommen zu werden. Als Nächstes werde er dauerhaft einen Praktikanten einstellen. „Ich tue, was in meiner Macht steht, um Frust und Ängste abzufedern“, sagt Alemazung. „Aber diese ist begrenzt.“

Blick über den Tellerrand

Die Debatte darüber, wie man die Zuwanderung eindämmen und der AfD den Wind aus den Segeln nehmen könnte, verfolgt er mit Skepsis. Er mache sich keine Illusionen, sagt er. Keine Seeblockaden, keine verstärkten Grenzkontrollen könnten die Menschen dauerhaft davon abhalten, nach Europa zu kommen. Von seinen Reisen auf dem afrikanischen Kontinent wisse er von der Sehnsucht nach einem besseren Leben. „Nur eines hilft: Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen, vor Ort.“ Nicht über die Regierungen, wo die Fördergelder allzu schnell versickern. Nicht mit der Gießkanne. Sondern durch konkrete Projekte auf kommunaler Ebene. Auf dem Gebiet kennt er sich aus.

Hier schließt sich für Alemazung der Kreis. Heubach pflegt bereits eine Partnerschaft mit der unter Dürre leidenden Stadt Anderamboukane im Osten von Mali. Bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs wurden landwirtschaftliche Projekte gefördert. Nun möchte Alemazung in Gemeinden im Senegal Pflegekräfte für Heubach gewinnen. „Wir bilden sie aus, im Gegenzug arbeiten sie ein paar Jahre in Heubach, bevor sie wieder in die Heimat zurückkehren“, so die Idee.

Nicht alle Stadträte sind begeistert, dass ihr Schultes so weit über den Tellerrand blickt. Doch er lässt sich nicht beirren. „Wir sollten allmählich erkennen, dass wir alle aufeinander angewiesen sind und nur gemeinsam die Herausforderungen auf dieser Welt stemmen können.“