Das war der symbolische Baggerbiss am Neubautunnel Ende Juli in Ostelsheim. Inzwischen haben die Vortriebsarbeiten begonnen und die ersten zwölf Meter sind geschafft. Foto: Geideck

In rund 60 Minuten von Calw über Weil der Stadt und Renningen in die Landeshauptstadt Stuttgart – das soll ab 2023 mit der Hermann-Hesse-Bahn möglich sein. Damit der Betrieb starten kann, müssen Brückenbauwerke saniert, Ausweichquartiere für Fledermäuse geschaffen und ein Tunnel neu gebaut werden. Wir haben nachgefragt, wie es um den Baufortschritt beim Infrastrukturprojekt steht.

Althengstett/Ostelsheim - Das Tunnelbauwerk zwischen Ostelsheim und Weil der Stadt wird die Fahrzeit der Hermann-Hesse-Bahn maßgeblich reduzieren. Es gilt als größte Einzelmaßnahme im Rahmen des Projektes und ist das Kernstück der reaktivierten Strecke. Die Baukosten liegen bei 16,6 Millionen Euro. Mit dem Anstich Ende Juli war die heiße Bauphase des exakt 498 Meter langen Neubautunnels gestartet. Der Spatenstich liegt rund ein Jahr zurück. Die Arbeiten sollen laut Landratsamt Calw im August 2022 abgeschlossen sein. "Die Vortriebsarbeiten haben begonnen, und es wurden bereits rund zwölf Meter geschafft. Mit dem Durchschlag des Tunnels wird in der zweiten Hälfte des ersten Quartals 2022 gerechnet", teilte Janina Dinkelaker, Sprecherin des Calwer Landratsamts, dem Schwarzwälder Boten auf Anfrage mit.

 

Jede Menge Materialwird verbaut

Wie berichtet, wird nach der "Neuen österreichischen Tunnelbaumethode" vorgegangen. Es werden dabei 7400 Kubikmeter Konstruktionsbeton, 6500 Kubikmeter Spritzbeton, 3500 Anker, 5500 Spieße, 40 Tonnen Ausbaubögen, 4000 Meter Rohrschirmrohre und 1750 Tonnen Edelstahl verbaut.

Auch bei der Eisenbahnüberführung in der Althengstetter Gottlieb-Braun-Straße geht es vorwärts. Immer wieder bleiben dort Passanten stehen, um die Bauarbeiten zu beobachten. "Die Widerlager sowie der Überbau sind betoniert", gab Dinkelaker zu diesem Baustein des Infrastrukturprojekts an. Diese Woche stehe die Betonage der Randkappen an. "Die Arbeiten liegen im Zeitplan und werden voraussichtlich Ende Oktober 2021 abgeschlossen sein", so die Behördensprecherin weiter.

Die Kosten für die Sanierung des Bahndurchlasses belaufen sich auf rund 1,15 Millionen Euro netto. Auf Initiative der Gemeinde Althengstett wird die dort bislang relativ schmale Straße verbreitert und mit einem Randweg für Fußgänger ausgestattet. Daher ist die Baumaßnahme eine Kreuzungsmaßnahme nach Eisenbahnkreuzungsgesetz.

Das Bauprojekt wird vom Zweckverband Hermann-Hesse-Bahn als Bauherr verwaltet, "jedoch vollumfänglich durch die Gemeinde Althengstett aufgrund einseitigem Verlangen gegenfinanziert und dort mit bis zu 75 Prozent Landesförderung gefördert", hatte Dinkelaker bereits zu einem früheren Zeitpunkt geäußert.

Ohne neue Domizile kein Fahrbetrieb

Mit Sanierungs- und Ausbauarbeiten ist es aber nicht getan, bis die Bahnstrecke reaktiviert werden kann. Auch Ausweichquartiere für streng geschützte Fledermausarten müssen geschaffen werden. Ein solches war seit dem Frühjahr am Bahntunnel "Forst" zwischen Ostelsheim und Althengstett entstanden, weshalb der dortige Radweg gesperrt worden war. Kostenpunkt: rund 750 000 Euro. Ohne Ausweichdomizile keine Hesse-Bahn – die Schaffung neuer Winterquartiere nach strengen Artenschutzrichtlinien war von Anfang an Bedingung für das Gelingen des Infrastrukturprojekts. "Das Fledermausersatzquartier ist beinahe fertiggestellt. Derzeit läuft noch der fledermausgerechte Innenausbau sowie die Baustellenräumung", gibt Dinkelaker zu den Schutzmaßnahmen für die Flattertiere an. Durch die Querung des Radweges in offener Bauweise müsse dieser außerdem wiederhergestellt werden. Die Asphaltarbeiten würden diesen Monat erledigt. "Anschließend können wir den Radweg wieder in einem verkehrssicheren Zustand freigeben."

Die Hesse-Bahn soll 2023 in Betrieb genommen werden. In Weil der Stadt sollen Fahrgäste in das Stuttgarter S-Bahn-Netz umsteigen können – mit Anschluss an die Linie 6 in die Stuttgarter Innenstadt und die Linie 60 nach Böblingen und Sindelfingen.